Interview "Total entwurzelt"

Vertrauenskrise: Die Wirtschaft verspielt derzeit ihre Glaubwürdigkeit, warnt DIHK-Präsident Braun. Sein Rat: Schaut nicht auf die Börsen, lernt von Familienfirmen.

mm:

Herr Braun, die Marktwirtschaft steckt in der schwersten Vertrauenskrise seit Jahrzehnten. Manager werden wegen Bilanzfälschung verhaftet. In den Augen der Öffentlichkeit haben die Unternehmen dramatisch an Glaubwürdigkeit verloren, wie der Absturz der Börsenkurse zeigt. Sind die Manager selbst schuld an der Misere?

Braun: Zum Teil sicherlich. Die Krise zeigt, dass der traditionelle deutsche Mittelstand ein gutes Modell für die Zukunft ist. Die reine Shareholder-Value-Orientierung amerikanischer Prägung ist jedenfalls diskreditiert.

mm: Das müssen Sie erklären.

Braun: Die Fixierung auf ewig steigende Aktienkurse hat dazu geführt, dass Manager gar nicht mehr auf die Fakten geguckt haben. Es ging immer nur um das viel größere Übermorgen. Offensichtlich sind Privatunternehmen bodenständiger.

mm: Bodenständiger vielleicht. Aber zugleich intransparent, außerdem nicht sonderlich dynamisch.

Braun: Täuschen Sie sich nicht. Die Familie ist viel kritischer mit dem Vorstand als Analysten oder Fondsmanager von außen. Die Familie verfolgt ein langfristiges Interesse, sie will das Unternehmen für weitere Generationen erhalten. Wie hoch sind die Risiken? Diese Frage hat in Familienunternehmen einen hohen Stellenwert.

mm: Außer wenn gierige Verwandte schnelles Geld sehen wollen.

Braun: Zumindest sind Familienunternehmen nicht so anfällig für kurzfristige Versuchungen von außen wie börsennotierte Firmen, wo schnelle Kurssteigerungen raschen, aber häufig nicht nachhaltigen Reichtum versprechen. Börsennotierte Unternehmen können viel von uns lernen: wie solide wir sind, wie vorsichtig.

mm: Zu viel Vorsicht kann jegliche Dynamik bremsen.

Braun: In den letzten fünf, sechs Jahren haben wir erlebt, dass Manager zu wenig Vorsicht haben walten lassen. Sie haben immer nur nach dem Motto agiert: Es kann gar nichts schief gehen. Wenn ich schon solche Begriffe höre wie "Burn rate" - das Verbrennen von Unternehmenssubstanz. Was ist das für eine Denkweise? Familienfirmen sind auf Nachhaltigkeit bedacht. Ein Ansatz, der auf die Dauer erfolgreicher ist.

mm: Und die fehlende Nachhaltigkeit hat die aktuelle Krise verursacht?

Braun: Das Vertrauen in solides Wirtschaften hat in den letzten Monaten beachtlichen Schaden genommen. Nehmen Sie die jüngsten Fälle, wo Manager Bilanzen geschönt haben. Das geht gegen den Kodex, gegen unsere Bilanzierungsregeln.

mm: Sehen Sie eine Verlotterung der Sitten in den Chefetagen?

Braun: Betrüger gab es immer schon. Bedauerlicherweise sind auch unter den Geschäftsleuten nicht alle ehrlich. Schwierig wird es, wenn zweifelhafte Figuren in Machtpositionen gelangen. Da können sie großen Schaden anrichten.

"Keine Rede von wirksamer Kontrolle"

mm: Wenn solche Leute nach oben kommen können, dann stimmt doch etwas mit dem System nicht.

Braun: Manchen Menschen sieht man ihren wahren Charakter nicht an. Aber Sie haben insofern Recht, als in einigen Fällen offensichtlich die Aufsicht versagt hat, insbesondere die Aufsichtsräte.

mm: In der Theorie sollen die Finanzmärkte das Management kontrollieren.

Braun: Kontrolle könnten allenfalls die großen Fondsgesellschaften ausüben. Das ist aber ein Closed Shop. Die verfolgen kurzfristige Renditeziele, sie wollen schnelle Kursgewinne, nicht dauerhaft stabile Unternehmen. Wenn sich drei, vier Fondsmanager einig sind, ein Papier in die Höhe zu jubeln oder eben Fehlentwicklungen nicht zu ahnden, dann können sie das tun. Von einer wirksamen Kontrolle kann keine Rede sein.

mm: Ist die Machtfülle der Fonds ein Fall für die Kartellbehörden?

Braun: Unbedingt. EU-Kommissar Mario Monti und seine US-Kollegen sollten mal überprüfen, ob die Finanzmacht der großen Fonds mit unserer Wettbewerbsordnung in Einklang steht. Wie wird diese Macht ausgeübt? Das ist eine wichtige Frage.

mm: Sie misstrauen den Finanzmärkten?

Braun: Der blinden Euphorie der vergangenen Jahre habe ich jedenfalls schon immer misstraut. Staat und Politik haben übrigens in Deutschland daran tatkräftig mitgewirkt: Es war schädlich, dass bei der Privatisierung staatlicher Unternehmen ...

mm: ... wie Telekom und Post ...

Braun: ... die Fantasie der Anleger richtig angeheizt wurde. Der Kurs der T-Aktie ist weit über den Emissionskurs hinausgegangen, gerade weil die Finanzminister Waigel und Eichel eine Euphorie entfacht haben, für die es keine reale Basis gab. Tatsächlich war kein aus dem Unternehmen begründeter Wertzuwachs zu erwarten. Das hat den Anlegern niemand gesagt. Im Gegenteil: Die Finanzminister haben einen großen Teil der Zukunftsgewinne vorweggenommen und in ihre Kassen gelenkt.

mm: Die Anleger wollten es gar nicht so genau wissen.

Braun: Auch das stimmt wohl. Dennoch: Diese Kurstreiberei hat die Politik und die Unternehmen viel Glaubwürdigkeit gekostet.

mm: In einer globalisierten Wirtschaft wächst die Macht der Manager. Sie können sich dem Zugriff einzelner Staaten entziehen. Steigt damit auch die Verantwortung?

Braun: Eindeutig. Nicht alles, was möglich und erlaubt ist, sollte man als Unternehmer tun. Nehmen Sie den Umweltschutz: Sie können heute nationale Gesetzgebungen gegeneinander ausspielen. Wir haben in Deutschland die Emissionen verringert, haben es aber durch höhere Emissionen in anderen Ländern erkauft, weil Teile der Produktion dorthin verlagert wurden. Ich halte das für falsch. Meiner Meinung nach sollten deutsche Firmen weltweit die ökologischen Maßstäbe der Bundesrepublik anlegen. Unternehmer in einer globalen Wirtschaft tragen globale Verantwortung.

mm: Eine hehre Forderung.

Braun: Mein eigenes Unternehmen handelt nach dieser Maxime. Im Übrigen ist das auch im Interesse der Wirtschaft selbst: Wenn Unternehmen eigenverantwortlich handeln, brauchen wir viele staatliche Regulierungen nicht mehr.

"Wer Macht ausnutzt, handelt zweifelhaft"

mm: So ähnlich sieht das auch Wirtschaftsminister Werner Müller. Er hat kürzlich beklagt, unanständige Manager nötigten die Regierung zu neuen Regulierungen.

Braun: Da ist was dran. Nehmen Sie den Strommarkt. Statt nach den neuen Regeln auf dem liberalisierten Markt zu spielen, haben die früheren Monopolisten mit allen möglichen unfairen Methoden versucht, neue Wettbewerber zu behindern.

mm: Ist monopolistisches Verhalten unmoralisch?

Braun: So einfach ist das nicht. Jedes erfolgreiche Unternehmen versucht heute, Marktführerschaft zu erlangen, um ertragreich wirtschaften zu können. Auch ich versuche, meine Kunden langfristig zu binden.

mm: Die Frage ist nur, mit welchen Methoden Unternehmen die Marktführung erreichen und verteidigen.

Braun: Eben. Es ist ein Unterschied, ob der Kunde sich freiwillig an einen Lieferanten bindet oder ob ein Unternehmen seine Machtposition ausnutzt und Zwang ausübt. Nehmen Sie wieder das Beispiel Strommarkt. Wenn Eon alle Hebel in Bewegung setzt, um die Minister-Erlaubnis für die Ruhrgas-Übernahme zu erhalten und sich damit eine dominante Position zu verschaffen, ist das in meinen Augen ein höchst zweifelhaftes Verhalten. Im Übrigen: Ich plädiere dafür, das Instrument der Minister-Erlaubnis ersatzlos zu streichen. Das Kartellamt sollte entscheiden, nicht die Politik.

mm: Tragen Manager Mitverantwortung für das marktwirtschaftliche System insgesamt?

Braun: Sicher. Wir müssen uns selbst immer wieder prüfen, ob wir gemeinwohlverträglich handeln - ob wir noch nach unseren eigenen Maßstäben handeln. Fast jedes Unternehmen hat ethische Leitlinien. Die muss ich als Manager täglich praktizieren. Ich kann mir auch vorstellen, dass man im Unternehmen einen Ethikrat einführt.

mm: Noch ein Gremium. Wer sollte in einem solchen Rat sitzen?

Braun: Der Ethikrat könnte zum Beispiel ein Ausschuss des Aufsichtsrats sein. Er sollte die Manager gelegentlich an ethische Grundsätze erinnern.

mm: Allgemein verbindliche Werte gibt es heute ja nicht mehr viele. Woraus speist sich die Unternehmensethik?

Braun: Europäische Unternehmen fußen auf christlichen Grundwerten. Das ist nun einmal die Basis unserer Kultur. Das bedeutet vor allem, die Würde des Individuums zu achten.

mm: Es sieht danach aus, dass sich ein globaler Businessethos herausbildet, der angelsächsisch geprägt ist.

Braun: Wichtige Unterschiede werden bleiben. Die Globalisierung der Kultur hat ihre Grenzen. Irgendwo hat jeder Mensch seine Heimat und sein Elternhaus. Das prägt. Eine totale Entwurzelung werden wir nicht erleben.

mm: Viele Manager leben aber heute als nahezu standortlose Wesen. Sie wohnen mal hier, mal dort, sind ständig unterwegs. Da haben Sie doch Ihre Entwurzelung.

Braun: Das gibt es tatsächlich. Ich kenne Manager von Großkonzernen, die treffen sich irgendwo auf einem Flughafen und entscheiden, die und die Werke zuzumachen - ohne je da gewesen zu sein, ohne zu wissen, welche Auswirkungen diese Entscheidung für das Umfeld des Werkes hat. Das ist ein Stück Entwurzelung.

mm: Und das halten Sie für gefährlich?

Braun: Wer sein Unternehmen derart rücksichtslos führt, der darf sich nicht wundern, wenn der Konzern ein schlechtes Image bekommt. Entsprechend werden die Mitarbeiter, die Kunden, die Kapitalgeber, die Öffentlichkeit insgesamt sich verhalten.

Die Malik-Kolumne: Das Geschwätz über Vertrauen Management: Zweiter Frühling für Familienfirmen


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