Vorbild Die mutigen Ideen des Peter H.

Aus den zahlreichen Projekten innovativer Personalpolitik von Volkswagen können andere Unternehmen viel lernen.

Die Woche zählt nur vier Tage

1993 steckte der VW-Konzern in einer existenziellen Krise. Zu hohe Kosten, 30.000 Menschen zu viel in den Werken. Die Lösung von Personalvorstand Peter Hartz: Radikale Arbeitszeitverkürzung um 20 Prozent auf 28,8 Stunden pro Woche. Keiner der 100.000 VW-Beschäftigten in Deutschland verlor seinen Job, aber alle mussten sich mit 15 Prozent weniger Jahreseinkommen abfinden.

Die atmende Fabrik
Weil die starre Vier-Tage-Woche bei VW zu Engpässen führte, lässt Hartz jetzt die Fabriken "mit der Auftragslage atmen". Seit 1995 arbeitet Volkswagen bei mäßiger Nachfrage 28,8 Stunden. Häufen sich die Aufträge, steigt die Arbeitszeit auf bis zu 38,8 Stunden. Das Ungewöhnliche an diesem Tarifmodell: Die Beschäftigten erhalten für Mehrarbeit nicht automatisch Zuschläge. Erst wenn sie über einen längeren Zeitraum - etwa ein Jahr - mehr als 35 Stunden pro Woche arbeiten, zahlt der Konzern Überstundenzuschläge.

Die verzinste Zeit
Beschäftigte, die ihre Überstunden sammeln, geben nach der strengen Logik von Peter Hartz dem Unternehmen einen Kredit, der selbstverständlich verzinst werden muss. Deshalb legt VW den geldwerten Betrag der angesparten Zeit am Kapitalmarkt an. Die Mitarbeiter erhalten für ihre Überstunden ein "Zeitwertpapier". Der stetig steigende Wert des Papiers kann für den Vorruhestand oder die Altersversorgung genutzt werden.

Mittlerweile findet Hartz' Idee auch über den Autokonzern hinaus Beachtung: In einem Pilotversuch vertreibt VW gemeinsam mit der HypoVereinsbank das Zeitwertpapier an ausgewählte Großunternehmen und deren Mitarbeiter.

Aussteigen mit 55
Verzinsliche Papiere erhalten VW-Beschäftigte auch für Boni oder Prämien, die sie sich nicht auszahlen lassen. Wer in jüngeren Jahren tüchtig Geld und Arbeitszeit gespart hat, braucht - in Kombination mit dem Altersteilzeitgesetz - ab 55 Jahren nicht mehr am Band zu stehen und erhält dennoch 85 Prozent seines früheren Lohns.

Volkswagen will mit dem vorzeitigen Ruhestand nicht nur Arbeitsplätze abbauen, sondern auch Stellen, die bislang von älteren Arbeitnehmern besetzt waren, für Nachwuchskräfte frei machen. Hartz und sein Team haben rund hundert Modelle entwickelt, die es ermöglichen, dass junge Menschen mehr und ältere weniger arbeiten.

Rendite für alle
Als erster deutscher Konzern hat Volkswagen die betriebliche Altersvorsorge auf Pensionsfonds umgestellt (Dax-Aktien; festverzinsliche Wertpapiere). Dank hoher Renditen sollen die VW-Zuschüsse zu den Betriebsrenten (bislang 8,7 Prozent der Personalkosten) langfristig auf null sinken. Die Mitarbeiter erhalten für ihr eingezahltes Kapital einen Garantiezins von 3 Prozent. Entwickelt sich der Kapitalmarkt günstig, könnten die Renten künftig höher liegen als heute.

5000 mal 5000
Die Kosten zu senken und dennoch niemanden entlassen zu müssen - diese Idee zieht sich durch alle Hartz'schen Modelle. Ausnahme: Das Angebot, 5000 Arbeitslose einzustellen, unter der Bedingung, dass sie mit einem Bruttogehalt von 5000 Mark zufrieden sind und ihre Arbeitszeit danach richten, ob die geplante Stückzahl und die vorgegebene Qualität erreicht wurde.

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