Sonntag, 19. Mai 2019

Allianz Münchener Schadensfälle

Mitten in der schwersten Branchenkrise muss Allianz-Chef Schulte-Noelle bei etlichen Tochtergesellschaften aufräumen.

Henning Schulte-Noelle, seit 1991 die Nummer eins bei der Allianz, hat das Profil des Assekuranzriesen radikal verändert. Zuerst trieb er die Expansion des Versicherungsgeschäfts in Europa voran, dann kaufte er sich in die Weltliga der Vermögensverwalter ein.

Hoffnungsträger: Michael Diekmann soll das US-Geschäft in Ordnung bringen
Zuletzt übernahm er - eher widerwillig - die nach der gescheiterten Fusion mit der Deutschen Bank angeschlagene Dresdner; bei dem Institut war die Allianz seit vielen Jahren schon Großaktionär. Mehr als 35 Milliarden Euro haben die Münchener allein in den vergangenen fünf Jahren für ihre Großeinkäufe ausgegeben.

Die Vision: Aus dem Patchwork-Konzern will Schulte-Noelle einen schlagkräftigen Verbund formen. Seine Geschäftsidee: Die Allianz produziert die gesamte Palette von Versicherungs- und Altersvorsorgeprodukten, vertreibt sie über ihre Vertreter und Bankfilialen und lässt die eingesammelten Milliarden von den hauseigenen Asset-Managern verwalten.

Der Terroranschlag auf das World Trade Center (Schadenanteil der Allianz: 1,5 Milliarden Euro) und der Kurssturz an den Börsen haben den Konzern bei der Neuausrichtung allerdings zurückgeworfen. Unter den Folgen leiden vor allem das Bankgeschäft und die Rendite der vom Konzern verwalteten knapp 1,2 Billionen Euro.

Aber auch an etlichen anderen Stellen im Konzern knirscht es. Der teuer zusammengekaufte Unternehmensbereich Asset Management (Vermögensverwaltung) belastet die Ergebnisrechnung noch auf Jahre. Der US-Sachversicherer Fireman's Fund und die Industrieversicherung erweisen sich als Dauersanierungsfälle. Und die französische Assekuranztochter AGF hat sich zum Problemkind entwickelt.

Der Turnaround-Plan: Den Ergebniseinbruch von 3,5 auf 1,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr wollen die Manager mit einem fulminanten Turnaround-Plan mehr als wettmachen. Allein durch die Sanierung der Problemfälle im Sachgeschäft und der Dresdner Bank soll der Vorsteuergewinn bis 2004 um fünf Milliarden Euro steigen. Wenn die neue Allianz einmal so richtig in Schwung gerät, erwarten Schulte-Noelle & Co. ein Ergebnis von fast zehn Milliarden Euro.

Problemfall: Die Firmenzentrale von Fireman's Fund in Novato/Kalifornien
Die Allianz-Oberen wissen freilich auch, dass noch viel Arbeit vor ihnen liegt. Wer die Leistung nicht bringt, kann nun nicht mehr mit Schonung rechnen.

Als sich bei Fireman's Fund im vergangenen Jahr der Niedergang beschleunigte, wurde CEO Joe Stinnette durch den Finanzexperten Jeff Post ersetzt. Zusätzlich löste der bei der Allianz als Hoffnungsträger gehandelte Michael Diekmann den für das Amerika-Geschäft zuständigen Herbert Hansmeyer ab. Bei der französischen Tochtergesellschaft AGF, deren Gewinn eingebrochen ist, tauschten die Münchener fast die halbe Pariser Führungsmannschaft aus.

Bei chronisch defizitären Einheiten müssen die Manager in den Landesgesellschaften nun damit rechnen, dass ihnen die Zentrale Kompetenzen wegnimmt.

Beispiel Industrieversicherung: Jahrelang verbuchte die Allianz im Geschäft mit den multinationalen Konzernen "jämmerliche Ergebnisse", sagt Steve Schleisman (56). Der Manager, lange in Diensten des US-Konkurrenten AIG, hat jetzt den Auftrag, das bisher unkoordinierte Geschäft der einzelnen Landesgesellschaften zu steuern.

Mit seinen 100 Leuten legt er in München fest, welche Risiken die Manager vor Ort, etwa bei den Töchtern AGF in Frankreich oder RAS in Italien, eingehen dürfen - "innerhalb der Allianz-Welt", so Schleisman, "ist das eine Kulturrevolution."


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