Essay Warum Führungskräfte gern Golf spielen

Der Wettstreit um 18 Löcher in freier Natur kann Beziehungen stiften wie sonst keine andere Begegnung. Denn hier offenbart jedermann seinen wahren Charakter.

Bill und Joe, alte Freunde, spielen Golf. Als sie das erste Fairway hinuntergehen, bemerken sie einen Leichenzug, der sich langsam auf einer nahe gelegenen Straße bewegt. Joe hält an, blickt auf den Zug, nimmt seinen Hut ab und bleibt schweigend stehen, bis der letzte Wagen vorbeigezogen ist. Bill kann es kaum fassen: "Joe, ich wusste gar nicht, dass du so pietätvoll bist." Joe: "Bin ich auch nicht. Aber wenn man 35 Jahre mit einer Frau verheiratet war, verdient sie einen gewissen Respekt."

Wir alle kennen solche Witze und nennen sie Witze über Golfverrückte. Ja, Golf macht Menschen verrückt. Dies ist auch einer der Hauptgründe, weshalb Geschäftsleute so gern miteinander Golf spielen. Jetzt, da der Sommer sich überall breit macht, beginnt die große Golfsaison, die wohl alle Rekorde schlagen wird. Und das ist zweifellos eine gute Sache.

Firmengolf scheint zu boomen. Niemand weiß, welche Summen Firmen jedes Jahr für Golf ausgeben, aber es sind auf jeden Fall Milliardenbeträge - Tendenz steigend. Firmengolf nimmt die verschiedensten Formen an: vom örtlichen Börsenmakler, der ein paar Kunden zu einem Golfspiel am Nachmittag mitnimmt, bis hin zu führenden Unternehmen, die ihre besten Kunden zu großen Turnieren mit Profis einladen - für rund 20.000 Dollar Gebühr pro Person.

Ein Beispiel: Das südkalifornische Coachella Valley, das Golfmekka des Universums, hat nur 318.125 Einwohner, aber 101 Golfplätze, gegenüber 85 vor nur fünf Jahren. Die meisten dieser Plätze sind natürlich nicht für die Einheimischen, sondern für Scharen von Firmengolfern bestimmt. Die fliegen nach Palm Springs, um an Konferenzen oder an Ausflügen teilzunehmen, die um den Lieblingssport der weltweiten Geschäftswelt herum organisiert wurden.

Warum spielen Geschäftsleute so gern Golf? Ich denke, sie haben vor allem drei ausgezeichnete Gründe: Es macht einen wirklich verrückt. Meine Theorie: In anderen Konkurrenzsportarten versucht jemand, Sie umzuwerfen oder einen Ball nach Ihnen zu werfen oder zu schlagen, und bei der Reaktion auf diese Angriffe folgen wir unseren ältesten Instinkten, was ganz natürlich ist und sich großartig anfühlt.

Doch beim Golf - und nur beim Golf - passiert nichts dergleichen. Der Ball liegt einfach da. Sie wollen ihn schlagen? Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie wollen. Er wartet auf Sie. Dies versetzt Menschen in einen ganz anderen Geisteszustand. In der Geschichte haben es Menschen immer wieder genossen, zusammen mit anderen Menschen, denen sie sich näher fühlen möchten, in einen höheren Geisteszustand einzutreten. Genau dies geschieht auf dem Golfplatz, und das schon vor dem 19. Loch, der Clubbar.

Wie das gemeinsame Unvermögen die Golfer eint

Sie erfahren in kürzerer Zeit mehr über einen anderen Menschen als auf irgendeine andere Weise. Damit meine ich nicht, was er Ihnen über seine Familie und seine Arbeit erzählt, obwohl man auch hierüber viel erfährt.

Ich meine grundlegendere Dinge - Charaktereigenschaften. Schlägt er auf die Erde, wenn er einen Ball nur an der Oberkante erwischt? Tritt er auf dem Grün vorsichtig über Ihre Linie? Hält er die Flaggenstange so zurück, dass die Flagge nicht flattert? Schmeißt er mit dem Schläger? Wartet er darauf, dass Sie Ihr Loch abgeschlossen haben, bevor er weitergeht? Hat er ein Handy dabei? Kann er seinen Punktestand richtig ausrechnen? In vier Stunden Ihrer Zeit wissen Sie mehr über diesen Menschen als sein Beichtvater, Rabbi oder Guru - eine im Wirtschaftsleben selten hohe Kapitalrendite.

Das Wichtigste: Ihre Begleiter und Sie bauen eine Beziehung auf. Fragen Sie Menschen, warum sie mit ihren Geschäftspartnern Golf spielen, und Sie hören immer die gleiche Antwort: Dies ist ein toller Weg, um Beziehungen aufzubauen. Sie sagen dies weit häufiger über das Golfspiel als über gemeinsame Abendessen oder den gemeinschaftlichen Besuch eines Fußballspiels - und das aus gutem Grund.

Die folgende Tatsache steht beim Firmengolf im Mittelpunkt, auch wenn sie selten ausgesprochen wird: Wenn Menschen miteinander Golf spielen, erleben sie einander im Zustand des Gedemütigtwerdens. Rund 95 Prozent aller Golfer sind richtig schlecht, sodass bei 18 Löchern jeder im Vierer einmal einen Baum trifft, drei Schläge für einen Bunker benötigt oder zum Einlochen vier Schläge braucht - und alle anderen schauen ihm dabei zu.

Beim Aufbau von Beziehungen geht es einfach darum, gemeinsam Unvermögen zu durchleiden, und eine Runde Golf hat hiervon reichlich zu bieten. Natürlich ist alles nur ein Spiel - aber das stimmt natürlich nicht -, und so können die hier entwickelten Bindungen außerordentlich stark sein. Wie viel ist einem dies wert?

Eine wahre Begebenheit: Ich saß im Außenbüro eines ganz wichtigen CEO, plauderte mit seiner Sekretärin, während eine wachsame PR-Mitarbeiterin sich in der Nähe aufhielt. Kaum nachdem Mr. Big aufgetaucht war, nahm er den Firmenhubschrauber zum Firmenflugzeug nach Augusta National, der Walhalla des Firmengolfs. Seine Sekretärin meinte: "Wissen Sie, ich glaube, seine Mitgliedschaft bei Augusta National ist für ihn wohl das Allerwichtigste im Leben."

Die PR-Frau musste schlucken, versuchte ein Lachen und sagte: "Nun, ich denke, seine Frau ist für ihn sicherlich noch wichtiger."

Die Sekretärin dachte hierüber einen Moment nach und sagte dann nüchtern: "Da wäre ich mir nicht so sicher."

Seitdem sind einige Jahre vergangen. Mr. Big ist noch immer verheiratet - und sein Handicap ist noch immer eines der niedrigsten in der amerikanischen Geschäftswelt. Golf lässt einen nicht mehr los. Während der Sommer sich breit macht, mögen das Missgeschick, die Demut und die Verrücktheit wieder beginnen.

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