Hall of Fame 2002 - Laudatio Ulrich Hartmann über Günter Vogelsang

Bereits als Corporate Governance noch kein Begriff in Deutschland war, hat er funktioniernde Kontrolle der Unternehmensführung nicht nur gefordet, sondern gelebt.

"Eine Laudatio für Sie, Herr Professor Vogelsang, zu halten, ist alles andere als einfach. Denn für wen hält man diese Laudatio? Für den erfolgreichen ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Krupp? Für einen Multi-Aufsichtsrat? Oder für einen der einflussreichsten freien Unternehmensberater in Deutschland? Eine alles umfassende Berufsbezeichnung lässt sich für Sie einfach nicht erfinden.

Auch die Journalisten, unter denen es ja fantasievolle Metaphoriker gibt, sind bisher an dem Phänomen Günter Vogelsang gescheitert. Als "Graue Eminenz vom Rhein" werden Sie in der Presse bezeichnet, als "Stahlmoderator", als "eine der einflussreichsten Figuren der deutschen Wirtschaft". Das alles sind Sie zwar, aber keiner dieser Begriffe wird Ihnen wirklich gerecht.

Ihre berufliche Vita ist in Deutschland sicher einzigartig. Dass Toppositionen auch von jungen Managern erreicht werden können, haben Sie bereits Jahrzehnte vor der Ära der New Economy eindrucksvoll bewiesen. Nach Ihrem Studium der Betriebswirtschaft bei Eugen Schmalenbach in Köln wurden Sie Wirtschaftsprüfer - ein Beruf, den Schmalenbach als ein "bewährtes Sprungbrett für tüchtige Kaufleute" beschrieb.

Und damit sollte er Recht behalten. Damals entdeckten Sie, dass Ihr Mandant Willy H. Schlieker - der erste große internationale Stahlhändler nach dem Zweiten Weltkrieg - die seinerzeit stolze Summe von ganzen sieben Millionen Mark zu viel an das Finanzamt bezahlt hatte. Damit machten Sie von sich reden. Keine Frage - natürlich erreichten Sie auch die Rückzahlung der Millionen.

Berthold Beitz erkannte Ihr Talent und holte Sie schon mit 34 Jahren zu Krupp nach Essen in die Konzernleitung. Bereits vier Jahre später wurden Sie Vorstand, zunächst beim Hüttenwerk Bochumer Verein, dann gingen Sie nach Düsseldorf als Finanzchef von Mannesmann.

Mit 48 Jahren übernahmen Sie schließlich den Vorstandsvorsitz bei Krupp. Innerhalb einer einzigen Amtsperiode gelang Ihnen hier das schier Unmögliche: Sie haben den Konzern grundlegend saniert und vom Rande des Ruins zurück in die Gewinnzone geführt.

Dieser außergewöhnlichen Leistung folgte nach 15 Jahren erfolgreicher Vorstandsarbeit ein ebenso außergewöhnlicher Schritt: Mit 52, einem Alter, in dem andere erst in Spitzenpositionen vordringen, suchten Sie schon wieder neue Herausforderungen - und zwar diesmal in einem Ein-Mann-Betrieb. Als freiberuflicher Wirtschaftsberater machten Sie sich unabhängig von der engen Einbindung in einen Konzernverbund.

"Das Modell Günter Vogelsang"

Sie selbst lehnen die Bezeichnung "Berufsaufsichtsrat" strikt ab. "Von Beruf kann man Klempner werden, aber nicht Aufsichtsrat", haben Sie einmal gesagt. Und dennoch: Der Aufsichtsrat war für Sie nie nur Mandat, sondern eine Profession und ein Full-Time-Job. Das manager magazin hat Ihnen attestiert, dass Sie "der Prototyp des professionellen Kontrolleurs" seien, eben "das Modell Günter Vogelsang".

Bereits als Corporate Governance noch kein Begriff in Deutschland war, haben Sie funktionierende Kontrolle der Unternehmensführung nicht nur gefordert, sondern gelebt. Ihr Credo lautete: "Die Übernahme einer Führungsaufgabe ist nicht Anspruch auf mehr Macht, sondern Verpflichtung zu mehr Verantwortung."

Sie haben Vorstände durch schwierige Zeiten geleitet, sei es bei Daimler-Benz, bei der Deutschen Bank, im Gerling-Konzern, bei der Ruhrkohle, bei Blohm + Voss, ThyssenKrupp, Dornier oder Diehl. Die Reihe lässt sich weiter fortsetzen.

"Der Karajan der Aufsichtsräte", so hat Sie ein Thyssen-Aktionär einmal genannt. Und auch bei der Veba haben Sie über viele Jahre den Ton angegeben. Sie haben das Unternehmen gemeinsam mit Rudolf von Bennigsen-Foerder erfolgreich durch seine schwierige Lage in den 70er Jahren geführt und grundlegende Weichen für die Veba und den späteren Eon-Konzern gestellt.

Nicht nur in der Industrie war Ihr Rat gefragt, sondern auch in der Politik: In den 80er Jahren berief Sie der damalige Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg in seinen Beraterstab. Die erfolgreiche Privatisierung von Bundesbeteiligungen in dieser Zeit ist sicher auch mit Ihr Verdienst.

Der frühere Bundespräsident Walter Scheel rühmte Ihre Toleranz und Geduld bei Hauptversammlungen, die Sie seiner Ansicht nach zu "vorbildlichen demokratischen Veranstaltungen" gemacht haben.

Im Alter von 72 Jahren haben Sie noch einmal etwas Neues angefangen. Und, wie nicht anders zu erwarten, mit magna cum laude abgeschlossen. Sie haben Ihren Doktor nicht am Anfang der Karriere gemacht, wie es der übliche Weg ist. Manche Doktoranden mögen sich einen beschleunigten Aufstieg versprechen. Ihnen ging es nicht um einen auf diese Weise viel versprechenden Titel. Sie interessierte die reine Wissenschaft - und zwar so sehr, dass Sie der Promotion nach einigen Jahren Ihre Habilitation folgen ließen.

Über der Hall of Fame prangt die Losung: "Gegen Mutlosigkeit und Mittelmaß". Günter Vogelsang zeigt, was damit gemeint ist. Er hat Mut zu außergewöhnlichen Entscheidungen gezeigt. Er ist ein ebenso unkonventioneller wie erfolgreicher Wirtschaftslenker. Und in allem, was er tut, ist es sein Anspruch, der Beste zu sein. Mit ihm wird ein Mann in die Ruhmeshalle der deutschen Wirtschaft aufgenommen, der die Nachkriegsgeschichte mitgeprägt und Maßstäbe gesetzt hat."

Ulrich Hartmann *

* Ulrich Hartmann ist Vorstandsvorsitzender der Eon AG in Düsseldorf. Seine Laudatio auf Günter Vogelsang ist hier in Auszügen wiedergegeben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.