Hall of Fame 2002 - Laudatio Heinrich von Pierer über Ferdinand Piëch

Sein Lebenswerk steht gleichberechtigt neben dem von Heinrich Nordhoff. Ferdinand Piëch hat bei VW in den 90er Jahren den Turnaround geschafft.

"In den letzten Wochen habe ich intensiv verfolgt, was alles über Ferdinand Piëch gesagt, geschrieben und berichtet wurde. Das war eine eindrucksvolle Erfahrung.

Denn Anerkennung und Respekt waren praktisch ausnahmslos die Grundmelodie. Die Überschrift des Leitartikels in der "FAZ" vom 13. April ist dafür ein gutes Beispiel - sie lautete: "Ein unheimlich starker Abgang".

Eine unisono positive Presse ist heutzutage nicht gerade selbstverständlich, wenn es um Manager und ihr öffentliches Ansehen geht. Aber der Lebensleistung von Ferdinand Piëch wird dieser Tenor sicherlich gerecht.

Die öffentliche Meinung ist jedoch nur ein Aspekt. Die Innenansichten im Unternehmen sind mindestens genauso wichtig.

Eine solche Innenansicht war die letzte Hauptversammlung am 16. April in Hamburg. Dort konnte Herr Piëch nicht nur hervorragende Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr berichten - im Übrigen mit dem ihm eigenen sozusagen angeborenen Understatement. Sondern den Aktionären war durchaus bewusst, dass dort ein Mann Rechenschaft ablegte, der ein überaus erfolgreiches Jahrzehnt der Unternehmensgeschichte von VW repräsentiert.

Sein Lebenswerk steht gleichberechtigt neben dem von Heinrich Nordhoff. Er hatte Volkswagen nach dem Krieg wieder in Gang gebracht. Ferdinand Piëch hat in den 90er Jahren den Turnaround geschafft und Volkswagen zu der glanzvollen Performance von heute geführt. Die Aktionäre haben es Herrn Piëch mit lang anhaltenden Standing Ovations gedankt. Das ist bekanntlich eher selten auf Versammlungen dieser Art.

Auf den letzten Betriebsversammlungen - in Kassel im Übrigen im Beisein von Bundeskanzler Gerhard Schröder - war es genauso. Und nach der Betriebsversammlung in Wolfsburg mit mehr als 20 000 Beschäftigten titelte die "Wolfsburger Allgemeine Zeitung": "Piëchs bewegender VW-Abschied". Auch da gab es lang anhaltende Standing Ovations.

Wer in unserer Zeit zugleich Beifall von den Aktionären und von den Mitarbeitern erhält, muss vieles richtig gemacht haben. Ihm muss vor allem der Spagat zwischen Aktionärs- und Mitarbeiterinteressen gelungen sein.

Und das heißt: Er muss das Unternehmen wirtschaftlich auf Erfolgskurs gebracht haben und die Mitarbeiter für diesen Kurs hinter sich geschart haben. Und wirtschaftlich auf Kurs heißt natürlich insbesondere, er muss für attraktive Produkte und für ihre positive Aufnahme im Markt gesorgt haben. Das alles ist im VW-Konzern in den vergangenen Jahren gelungen, und zwar als Befreiungsschlag aus einer höchst prekären Lage Anfang des letzten Jahrzehnts.

Die Fähigkeit zum großen Wurf

Dahinter stand ein unbändiger Wille, um nicht zu sagen Besessenheit. In einem Porträt über Ferdinand Piëch habe ich den Satz gefunden: "Piëch ist ein Extremist der besonderen Art."

In der Tat hat er gearbeitet wie ein Berserker, und er hat VW aufgemischt.

Für das, was zu tun war, war Ferdinand Piëchs persönliche Unabhängigkeit eine gute Basis. Er selbst hat dazu einmal in einem Interview gesagt: "Ich fühle mich frei, so zu handeln, dass es dem Unternehmen gut geht."

Das ist erreicht. Aber zurück liegt harte Arbeit. Und so unumstritten wie heute war damals nicht jeder Schritt. Es gab auch heikle Phasen, wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit General Motors nach der Verpflichtung von Herrn López.

Und es gab das Erfordernis, immer wieder Einsicht und konstruktives Mitwirken der Betriebsräte und Gewerkschaften zu gewinnen, vor allem bei der Suche nach Lösungsmodellen für mehr Flexibilität. Jüngstes Beispiel das Modell "5000 mal 5000" für Wolfsburg.

Everybody's Darling zu sein ist allerdings nie etwas gewesen, auf das Herr Piëch für sich Wert gelegt hätte. Er ist angetrieben davon, Leistung zu bringen, Höchstleistung als Ingenieur und Unternehmer, auch unter Inkaufnahme von Konflikten.

Man sagt ja, Leute wie Ferdinand Piëch hätten Benzin im Blut. Ich finde die Vorstellung, Benzin im Blut zu haben, eher schrecklich, und das Klischee, ehrlich gesagt, etwas flach. Trotzdem wird es bestimmt weiterleben.

Was einen wie ihn auszeichnet, sind Kompetenz, Genius, Hingabe, Hartnäckigkeit und Leidenschaft. Die Fähigkeit zur Vision und zum großen Wurf, aber auch das Interesse am Detail und die Abneigung gegen alles Halbgare und gegen Kompromisse auf halber Strecke.

Beispiele für Ferdinand Piëchs energischen Willen und seine Kraft, ihn durchzusetzen, sind aus der jüngsten Zeit das DreiLiter-Serienauto, die weltweit anerkannten hochinnovativen Diesel- und Benzindirekteinspritzer-Motoren, die Höherpositionierung der gesamten Marke VW und natürlich das technische und ökologische Glanzstück: das Ein-Liter-Auto. Den Phaeton darf ich auf keinen Fall auslassen. Ob nun eher der Phaeton oder eher das Ein-Liter-Auto die Krönung der Ingenieurskunst ist, das überlasse ich dem Urteil der Fachleute.

VW, Familie, Sport, das seien seine Leidenschaften, hat Ferdinand Piëch einmal gesagt. Wahrscheinlich war die Reihenfolge nicht zufällig, sondern bewusst gewählt.

Es zeichnet die Jury aus, Herrn Piëch für die Aufnahme in die Hall of Fame nominiert zu haben. Er ist dort in hochrangiger Gesellschaft und bereichert sie durch seine Person und sein Lebenswerk."

Heinrich von Pierer *

* Heinrich von Pierer ist Vorstandsvorsitzender der Siemens AG in München. Seine Laudatio auf Ferdinand Piëch ist hier in Auszügen wiedergegeben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.