Dienstag, 21. Mai 2019

Hall of Fame 2002 - Laudatio Heinrich von Pierer über Ferdinand Piëch

Sein Lebenswerk steht gleichberechtigt neben dem von Heinrich Nordhoff. Ferdinand Piëch hat bei VW in den 90er Jahren den Turnaround geschafft.

"In den letzten Wochen habe ich intensiv verfolgt, was alles über Ferdinand Piëch gesagt, geschrieben und berichtet wurde. Das war eine eindrucksvolle Erfahrung.

Die Liebe zum Auto hat Ferdinand Piëch (65) wohl geerbt: Sein Vater war zeitweilig VW-Hauptgeschäftsführer, der Großvater schuf die Sportwagen-Marke Porsche. Seine Karriere begann der Ingenieur und Manager bei Porsche. 1972 ging er zu Audi-NSU. Der Entwicklungschef und Vorstandsvorsitzende brachte das Audi-Image entscheidend voran. Als VW-Chef führte Piëch den Konzern aus Tristesse zu Gewinnen und neuem Ansehen.
Denn Anerkennung und Respekt waren praktisch ausnahmslos die Grundmelodie. Die Überschrift des Leitartikels in der "FAZ" vom 13. April ist dafür ein gutes Beispiel - sie lautete: "Ein unheimlich starker Abgang".

Eine unisono positive Presse ist heutzutage nicht gerade selbstverständlich, wenn es um Manager und ihr öffentliches Ansehen geht. Aber der Lebensleistung von Ferdinand Piëch wird dieser Tenor sicherlich gerecht.

Die öffentliche Meinung ist jedoch nur ein Aspekt. Die Innenansichten im Unternehmen sind mindestens genauso wichtig.

Eine solche Innenansicht war die letzte Hauptversammlung am 16. April in Hamburg. Dort konnte Herr Piëch nicht nur hervorragende Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr berichten - im Übrigen mit dem ihm eigenen sozusagen angeborenen Understatement. Sondern den Aktionären war durchaus bewusst, dass dort ein Mann Rechenschaft ablegte, der ein überaus erfolgreiches Jahrzehnt der Unternehmensgeschichte von VW repräsentiert.

Sein Lebenswerk steht gleichberechtigt neben dem von Heinrich Nordhoff. Er hatte Volkswagen nach dem Krieg wieder in Gang gebracht. Ferdinand Piëch hat in den 90er Jahren den Turnaround geschafft und Volkswagen zu der glanzvollen Performance von heute geführt. Die Aktionäre haben es Herrn Piëch mit lang anhaltenden Standing Ovations gedankt. Das ist bekanntlich eher selten auf Versammlungen dieser Art.

Auf den letzten Betriebsversammlungen - in Kassel im Übrigen im Beisein von Bundeskanzler Gerhard Schröder - war es genauso. Und nach der Betriebsversammlung in Wolfsburg mit mehr als 20 000 Beschäftigten titelte die "Wolfsburger Allgemeine Zeitung": "Piëchs bewegender VW-Abschied". Auch da gab es lang anhaltende Standing Ovations.

Wer in unserer Zeit zugleich Beifall von den Aktionären und von den Mitarbeitern erhält, muss vieles richtig gemacht haben. Ihm muss vor allem der Spagat zwischen Aktionärs- und Mitarbeiterinteressen gelungen sein.

Und das heißt: Er muss das Unternehmen wirtschaftlich auf Erfolgskurs gebracht haben und die Mitarbeiter für diesen Kurs hinter sich geschart haben. Und wirtschaftlich auf Kurs heißt natürlich insbesondere, er muss für attraktive Produkte und für ihre positive Aufnahme im Markt gesorgt haben. Das alles ist im VW-Konzern in den vergangenen Jahren gelungen, und zwar als Befreiungsschlag aus einer höchst prekären Lage Anfang des letzten Jahrzehnts.

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