Interview "Öffentlichkeit macht Beine"

Eberhard von Koerber über Firmenclans als Institution
Von Heide Neukirchen und Brigitta Palass

mm:

Fusionen scheitern, Kurse sinken. Die Stars von gestern sind heute Pleitiers. Trumpfen jetzt die Familienunternehmer auf, die den Versuchungen eines Börsengangs widerstanden haben?

von Koerber: Der Appetit auf Börse, auf schnelles Geld, ist vielen jedenfalls vergangen.

mm: Entrepreneure haben einen ausgeprägten Widerwillen gegen Analysten und Quartalsberichte ...

von Koerber: ... auch ich betrachte den Quartalsdruck der Börse als kontraproduktiv für langfristiges strategisches Arbeiten. Veröffentlichungspflicht und Kontrolle haben andererseits durchaus positive Wirkungen. Öffentlichkeit macht Beine. Das sollte man als Unternehmer im Hinterkopf behalten.

mm: Wie können sich Firmeninhaber sonst Erfolgsdruck schaffen?

von Koerber: Sie werden lachen. Zum Beispiel durch Kinderreichtum, falls Erfolgswille und Risikoappetit nicht sowieso in der Persönlichkeit begründet sind. Wenn sich für Eltern abzeichnet, dass jedes Kind bei stagnierendem Geschäft weniger haben wird als sie selbst, spätestens dann entsteht materieller Erfolgsdruck aus Vorsorge für die nächste Generation.

mm: Schaffen viele Erben nicht eher zusätzliches Konfliktpotenzial?

von Koerber: Eine Unternehmerfamilie ist eine ganz spezielle Institution. Sie wird geprägt von zwei gegensätzlichen Aspekten. Der positive: Aus der Bindung ergeben sich Werte wie Loyalität, Ehrlichkeit, Durchhaltevermögen, Zusammengehörigkeitsgefühl. Der negative: Zwist und Streit, wie sie in jeder Firma vorkommen, werden durch familienspezifische Emotionen und Irrationalitäten aufgeladen.

mm: Haben Sie ein Rezept?

von Koerber: Es gibt keine konfliktfreie Welt und auch kein Patentrezept gegen Familienstreitigkeiten. Theoretisch weiß jeder, wie man Konflikte vermeiden oder lösen kann. Wenn die Emotionen erst toben, scheinen Familien das alles zu vergessen. Der gelebte Zusammengehörigkeitswille und die Bereitschaft zum Konsens sind wichtig, damit es gar nicht so weit kommt.

mm: Und wie verhindert man Streit?

von Koerber: Die Einheit der Familie muss hochgehalten und durch Zusammenkünfte, Rituale und Symbole gepflegt werden.

mm: Und wenn die Familie unversöhnlich bleibt?

von Koerber: Dann sollte sie das gemeinsame Vermögen aufteilen. Andernfalls beschleunigen die negativen Faktoren den Niedergang. Es hat keinen Sinn, Widersprüchliches zu zementieren.

mm: Eine besonders kritische Phase für Familienunternehmen ist die Wahl eines Nachfolgers für den Chef. Haben Sie einen Vorschlag, wie das am besten geregelt wird?

von Koerber: Nein, dass muss jede Familie selbst entscheiden. Die Palette reicht vom inhabergeführten Unternehmen über die Mischform Inhaber und fremde Manager bis zur Verbannung aller Anteilseigner aus der Firma wie bei Haniel und Porsche, um nur zwei erfolgreiche Beispiele zu nennen.

mm: Wofür plädieren Sie?

von Koerber: Nach der Gaus'schen Verteilungskurve ist die Wahrscheinlichkeit größer, gute Leute zu finden, wenn man aus der Gesamtbevölkerung schöpft.

Erste Liga: Deutschlands größte Familienunternehmen


Zurück zur Einleitung: Familienunternehmen

Verwandte Artikel