Klassiker Uhr-Geschichten

Ein Utensil war bei den Aufschwüngen und Abstürzen im vergangenen Jahrhundert immer dabei - die Armbanduhr. Einige Modelle brachten es zu mythischem Ruhm. manager magazin zeigt Uhrenstars von gestern, die bis heute überlebt haben.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

Marne, Somme, Ypern, Verdun, im vierten Jahr tobt der Kampf, zwischen den Schützengräben strecken sich Leichenfelder, ein Ende des Schlachtens ist nicht absehbar. Da brechen im Morgengrauen des 20. November 1917 eiserne Ungetüme auf Ketten aus den britischen Linien bei Cambrai hervor, 400 Stück. Und walzen die Pickelhauben ihnen gegenüber einfach nieder.

Ein Anblick, den die Welt noch nicht gesehen hatte, Hoffnung auf ein schnelles Ende des Mordens. So empfand es der Uhrmacher Louis Cartier, der in seiner Manufaktur in Paris den Weltkrieg vor den Toren der Stadt verfolgte. Und setzte dem vermeintlich segensreichen Kampfgefährt ein eigenwilliges Denkmal: Er baute eine Uhr nach dem Grundriss eines Panzers - rechts und links wie Ketten die Gehäusestege, dazwischen Werk und Zifferblatt als Wanne, benannte sie auch nach dem Siegeswagen: "Tank".

Der Franzose schuf mit seiner Uhr das Urmuster für einen andauernden Welterfolg. Und zugleich das Erfolgsrezept für die Vermarktung von Zeitmessern als Kultobjekte.

Im Kampf der Marken um Marktanteile sind echte Traditionen wie fromme Legenden hochbegehrte Werbemittel. Gerade in Zeiten der Rückwärtsbesinnung im Design - Retro heißt die Zauberformel - macht es sich gut, wenn eine Uhrenmanufaktur auf eine lange Geschichte und unverwechselbare Modelle verweisen kann, die mehr sind als bloß Chronometer. Zeit-Zeichen.

Und so benutzen immer mehr Manufakturen ihre Urmodelle aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts als Vorbilder für modifizierte Neuauflagen.

Wie etwa das Genfer Unternehmen Patek Philippe, das immer noch Varianten der klassischen "Calatrava" im Programm führt. Die geradezu spartanisch anmutende Uhr kam 1932 auf den Markt; damals herrschte tiefste wirtschaftliche Depression, Firmenpleiten häuften sich in nie gekanntem Ausmaß, allein Deutschland zählte sechs Millionen Arbeitslose. Verzicht auf aufwändigen Zierrat brachte ein Modell hervor, das dank seiner Schlichtheit zum Klassiker wurde.

Schlichtes Modell in Zeiten des Darbens: Der Höchststand der Arbeitslosenzahl nach dem Schwarzen Freitag wurde im Jahr 1932 gemessen. In Genf entwarf Patek Philippe das klassisch karge Modell "Calatrava"

Schlichtes Modell in Zeiten des Darbens: Der Höchststand der Arbeitslosenzahl nach dem Schwarzen Freitag wurde im Jahr 1932 gemessen. In Genf entwarf Patek Philippe das klassisch karge Modell "Calatrava"

Foto: [M];mm.de
Armband mit fünferlei Zeiten vom Pop-Artisten: Aus der Kooperation zwischen Andy Warhol und Movado entstanden seit 1969 Pläne für eine Uhr, die nach dem Tod des Künstlers in 250 Exemplaren realisiert wurde - ein Kultobjekt

Armband mit fünferlei Zeiten vom Pop-Artisten: Aus der Kooperation zwischen Andy Warhol und Movado entstanden seit 1969 Pläne für eine Uhr, die nach dem Tod des Künstlers in 250 Exemplaren realisiert wurde - ein Kultobjekt

Foto: [M];mm.de


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Wo alles in Bewegung war ...

Ein paar Jahre zuvor, 1926, hatte noch Hochstimmung geherrscht, Fusionsfieber in der Stahl- und Chemieindustrie, die Lufthansa wurde gegründet, und beim Telefonieren konnte auf das Fräulein vom Amt verzichtet werden. Wo alles in Bewegung war, Tanzsäle im Charleston-Rausch erbebten, Caracciola auf der Berliner Avus begeisterte, musste eine sportliche Uhr her. Sie wurde von dem Exilbayern Hans Wilsdorf, Begründer der Firma Rolex, im schweizerischen La-Chaux-de-Fonds vorgestellt: "Oyster" hieß sie, war wasserdicht wie eine Auster und wurde von der Londoner Sekretärin Mercedes Gleitze getestet - beim Durchschwimmen des Ärmelkanals.

Ein gewisser César de Trey, Handelsreisender und Weltenbummler, so eine andere Legende, stieß in diesen Jahren auf eine weitere Problemzone beim Sport. Wie er in Indien beobachtete, zerdroschen sich die jungen Offiziere der britischen Kolonialarmee beim Polospiel regelmäßig ihre teuren Zeitmesser. Er erzählte dies dem schweizerischen Uhrmacher Jacques-David LeCoultre. Der setzte sich mit seinem Freund Edmond Jaeger zusammen und entwarf eine Weltneuheit: "Gehäuse aus Edelstahl", so die Patentbeschreibung, "das in seiner Fassung beweglich ist und sich vollkommen um sich selbst drehen kann".

Die "Reverso", so heißt das wendige Modell, schützt das Zifferblatt vor Bruch und erstrahlt obendrein - wir schreiben das Jahr 1931, in New York wird das Empire State Building eröffnet - in schönster Artdéco-Fassung: strenges Rechteck, je drei Zierleisten oben und unten.

Ganz und gar schmucklos präsentierten sich die Uhren, die dann - der nächste Weltkrieg stand vor der Tür - auf Nachfrage der Militärs in den Manufakturen verschraubt wurden. Für Piloten etwa lieferte IWC in Schaffhausen Großformate, bei denen die Funktion im Vordergrund stand. Stoßfest, antimagnetisch und leicht ablesbar - so sah die "Spezialuhr für Flieger" aus, die IWC 1936, pünktlich zur Aufrüstungswelle in Europa, vorstellte.

Gleichzeitig entwickelten in Florenz die Officine Panerai ein Modell für U-Boot-Fahrer, schlicht, großflächig, die Krone mit einer eigens entwickelten Sicherung - die "Radiomir Marina" von 1938. Im Jahr darauf gingen in Europa die Lichter aus.

Wieder war der Krieg, so will es scheinen, Vater vieler Uhrmodelle. Die, anders als viele ihrer Träger, bis heute überlebt haben.



Buch-Tipp

Auf dem Titel prangt ein Luxusmodell der berühmten "Reverso" aus dem Traditionshaus Jaeger-LeCoultre, innen finden sich von A bis Z alle großen Namen aus der hohen Schule der Armbanduhrmacherei. Deren oftmals abenteuerliche Geschichten erzählt der Band von Frédéric Ramade: "100 legendäre Uhren"; Verlagsunion

Pabel Moewig, Rastatt 2000, 142 Seiten, 11,95 Euro.



Neuheiten: Was die Uhrenmessen an Edlem und Teurem zeigen Dresdner Unruh: Interview mit den Uhrmachern Lang und Heyne

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