Freitag, 20. September 2019

Klassiker Uhr-Geschichten

2. Teil: Wo alles in Bewegung war ...

Neues Tempo für den Tanz auf dem Vulkan: Firmenfusionen, Gründerfieber, Innovationen - das verrückte Jahr 1926. Es wurde Charleston getanzt. Kurz darauf der Ärmelkanal durchschwommen. Und dabei von einer jungen Dame die neu entwickelte wasserdichte "Oyster" von Rolex getestet.
Ein paar Jahre zuvor, 1926, hatte noch Hochstimmung geherrscht, Fusionsfieber in der Stahl- und Chemieindustrie, die Lufthansa wurde gegründet, und beim Telefonieren konnte auf das Fräulein vom Amt verzichtet werden. Wo alles in Bewegung war, Tanzsäle im Charleston-Rausch erbebten, Caracciola auf der Berliner Avus begeisterte, musste eine sportliche Uhr her. Sie wurde von dem Exilbayern Hans Wilsdorf, Begründer der Firma Rolex, im schweizerischen La-Chaux-de-Fonds vorgestellt: "Oyster" hieß sie, war wasserdicht wie eine Auster und wurde von der Londoner Sekretärin Mercedes Gleitze getestet - beim Durchschwimmen des Ärmelkanals.

Ein gewisser César de Trey, Handelsreisender und Weltenbummler, so eine andere Legende, stieß in diesen Jahren auf eine weitere Problemzone beim Sport. Wie er in Indien beobachtete, zerdroschen sich die jungen Offiziere der britischen Kolonialarmee beim Polospiel regelmäßig ihre teuren Zeitmesser. Er erzählte dies dem schweizerischen Uhrmacher Jacques-David LeCoultre. Der setzte sich mit seinem Freund Edmond Jaeger zusammen und entwarf eine Weltneuheit: "Gehäuse aus Edelstahl", so die Patentbeschreibung, "das in seiner Fassung beweglich ist und sich vollkommen um sich selbst drehen kann".

Art déco in Manhatten und am Handgelenk: Am 1. Mai 1931 wurde in New York das Empire State Building eröffnet, damals höchstes Bauwerk der Welt, das als Abbild die Hallenwand ziert. In derselben Ornamentik, die auch die gleichzeitig entstandene "Reverso" von Jaeger-LeCoultre schmückt.
Die "Reverso", so heißt das wendige Modell, schützt das Zifferblatt vor Bruch und erstrahlt obendrein - wir schreiben das Jahr 1931, in New York wird das Empire State Building eröffnet - in schönster Artdéco-Fassung: strenges Rechteck, je drei Zierleisten oben und unten.

Ganz und gar schmucklos präsentierten sich die Uhren, die dann - der nächste Weltkrieg stand vor der Tür - auf Nachfrage der Militärs in den Manufakturen verschraubt wurden. Für Piloten etwa lieferte IWC in Schaffhausen Großformate, bei denen die Funktion im Vordergrund stand. Stoßfest, antimagnetisch und leicht ablesbar - so sah die "Spezialuhr für Flieger" aus, die IWC 1936, pünktlich zur Aufrüstungswelle in Europa, vorstellte.

Gleichzeitig entwickelten in Florenz die Officine Panerai ein Modell für U-Boot-Fahrer, schlicht, großflächig, die Krone mit einer eigens entwickelten Sicherung - die "Radiomir Marina" von 1938. Im Jahr darauf gingen in Europa die Lichter aus.

Wieder war der Krieg, so will es scheinen, Vater vieler Uhrmodelle. Die, anders als viele ihrer Träger, bis heute überlebt haben.



Buch-Tipp

Auf dem Titel prangt ein Luxusmodell der berühmten "Reverso" aus dem Traditionshaus Jaeger-LeCoultre, innen finden sich von A bis Z alle großen Namen aus der hohen Schule der Armbanduhrmacherei. Deren oftmals abenteuerliche Geschichten erzählt der Band von Frédéric Ramade: "100 legendäre Uhren"; Verlagsunion

Pabel Moewig, Rastatt 2000, 142 Seiten, 11,95 Euro.




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