Donnerstag, 25. April 2019

Interview Der Zorn der Ehefrauen

Anwalt Stefan Röhrborn über betrügerische Führungskräfte und überzogene Erwartungen im Abfindungspoker.

mm:

Die Suche nach überzogenen Spesenabrechnungen ist noch immer der sicherste Weg, einen Manager loszuwerden. Warum bringen sich so viele Führungskräfte mit diesen Betrügereien in Gefahr?

Dr. Stefan Röhrborn ist Fachanwalt für Arbeitsrecht in Düsseldorf
Röhrborn: Die meisten Manager, selbst solche mit Spitzeneinkommen, glauben, die Firma schulde ihnen mehr als das vereinbarte Gehalt.

mm: Setzt sich ein Manager schon ins Unrecht, wenn er eine Flasche Champagner von der Betriebsfeier mitgehen lässt?

Röhrborn: Das wäre sicher eine lässliche Sünde. Rechtlich heikler wird es, wenn etwa Hotelrechnungen belegen, dass der Mann sich auf Dienstreisen von seiner Ehefrau begleiten lässt. Da drückt der Aufsichtsrat vielleicht beide Augen zu, solange der Vorstand gut gelitten ist. Wenn er aber weg soll, ist dies ein effektvolles Druckmittel.

mm: Viele fristlose Kündigungen werden vor Gericht gekippt. Warum lassen sich die Firmen dennoch auf einen Rechtsstreit ein?

Röhrborn: Nach Ausspruch der fristlosen Kündigung kann der Arbeitgeber sofort den Geldhahn zudrehen. Vorstände einer Aktiengesellschaft erhalten keinerlei Unterstützung vom Arbeitsamt, GmbH-Geschäftsführer und leitende Angestellte höchstens 1600 Euro pro Monat. Vorstand und Geschäftsführer müssen vor dem Landgericht klagen - bis zum Urteil vergehen bis zu drei Jahre. Vor allem jüngere Manager können es sich nicht leisten, auf Zeit zu spielen. Die Unternehmen nutzen das gezielt aus.

mm: Ist Managern zu raten, nach einer als ungerechtfertigt empfundenen Kündigung vor Gericht zu ziehen?

Röhrborn: Ein Prozess macht meist alles nur noch schlimmer. Die Verfahren sind oft lang und schmutzig. Obendrein bedeutet so ein Prozess oftmals das Ende der Karriere. Offiziell sind beide Seiten zur Verschwiegenheit verpflichtet - aber geredet wird trotzdem. Andererseits: Ohne Klageerhebung sind die wenigsten Unternehmen verhandlungsbereit.

mm: Überschätzen Manager die Chancen eines Rechtsstreits?

Röhrborn: Die meisten machen sich Illusionen über ihre früheren Leistungen und wollen monatelang herumprozessieren, um ihre vermeintlichen Ansprüche durchzusetzen. Das ist gefährlich: Pokert der Manager zu hoch, verliert das Unternehmen die Geduld und fahndet nach einem Spesenbetrug. Wenn sich etwas findet - und es findet sich fast immer etwas - ist die ganze Abfindung dahin.

mm: Was raten Sie?

Röhrborn: Der Manager sollte die Modalitäten seines Ausstiegs außergerichtlich verhandeln. Besser, er erhält 80 Prozent der erwünschten Abfindung gleich, als unsichere 100 Prozent irgendwann oder gar nicht.

mm: Viele Gekündigte sehen das nicht ein. Enttäuschte Eitelkeit?

Röhrborn: Nicht nur Manager fühlen sich gekränkt. In der Hälfte aller Abfindungsprozesse ist die Frau die treibende Kraft. Der Mann wäre längst zufrieden, doch die Gattin drängt auf die Fortführung des Prozesses. Ich habe einmal für einen prominenten Manager 3,8 Millionen Mark Abfindung herausgeholt, obwohl ihm nach der Rechtsprechung nur bis zu 2 Millionen zugestanden hätten. Als ich das Ergebnis seiner Frau erläuterte, erwiderte sie: "Was, ich kriege nur 3,8 Millionen? Dann muss er weiter arbeiten."


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