Donnerstag, 18. Juli 2019

Venture Capital Viel gewagt - und verloren

Sie wollten kräftig mitverdienen am neuen deutschen Gründertum. Jetzt werden die Risikokapitalgeber ihre Garagenfirmen nicht mehr los. Eine ganze Branche hat sich verspekuliert.

In den Gängen stehen Umzugskartons. Alles wirkt etwas provisorisch, ungeordnet. Am Empfang diskutieren zwei Mitarbeiter die ungewisse Zukunft: "Wie lange bist du noch hier?"

Zieht um in billigere Büros: BMP-Chef Borrmann will sich mit Sparmaßnahmen durch die Krise retten
Selbst der Chef macht einen fahrigen Eindruck. Hektisch zieht Oliver Borrmann (35), Vorstandsvorsitzender der Venture-Capital-Firma BMP, an seiner Zigarette. Man müsse sparen, erklärt er die Abbruchstimmung. Die Büros im Zentrum Berlins, unweit des Gendarmenmarktes, seien überflüssig. Das Unternehmen ziehe um in den Stadtteil Moabit, in kleinere, billigere Räume.

Sieht so ein Wagnisfinanzierer aus? Einer dieser smarten Geldgeber, die durch die frühzeitige Beteiligung an jungen Hightech-Firmen ein Vermögen machen wollten?

Die Antwort lautet leider: ja. Borrmanns BMP geht es im Moment miserabel, ebenso wie der gesamten Konkurrenz. Die Venture-Capital-Unternehmen stecken in einer tiefen Krise.

Die Risikogeldgeber haben zu viel riskiert. Angelockt vom märchenhaften Anstieg der Aktienkurse am Neuen Markt, hat sich in den vergangenen Jahren eine ganze Branche verspekuliert.

Die Beteiligungsmanager (im Branchenjargon Venture Capitalists, kurz VCs, genannt) haben Unsummen in zweifelhafte Garagenfirmen mit kaum durchdachten Geschäftsmodellen gesteckt. Sie haben Gründer finanziert, ohne deren Managementqualitäten zu hinterfragen - stets im Vertrauen darauf, im Handumdrehen an der Börse ein Vielfaches der investierten Mittel zurückzuerhalten.

Solange die Aktienkurse der Hightech-Firmen immer weiter emporkletterten, funktionierte das System. Jetzt aber stecken die Risikofinanziers in einem Dilemma. Die im Boom teuer eingekauften Start-up-Firmen können nicht mehr Gewinn bringend an der Börse platziert werden. Den Anlegern ist nach den zahlreichen Pleiten, Bilanzskandalen und Betrugsfällen am Neuen Markt jeglicher Spaß am Spiel mit Risiken vergangen (siehe: "Die Chronik einer Kapitalvernichtung").

Geben und Nehmen: Wie das Geschäft der Risikofinanzierer funktioniert
Den VCs bleiben nur die Alternative: Sie können ihre Garagenfirmen entweder zusperren und das investierte Geld abschreiben oder aber die Gründer durchpäppeln, bis sich die Börsenlage wieder bessert. Bloß: Wann das sein wird, weiß keiner.

Der Frust ist daher groß, erste Auflösungserscheinungen sind unübersehbar. Vor allem VC-Firmen wie BMP, die selbst den Gang an die Börse gewagt haben, ringen ums Überleben. Ihre Aktienkurse sind so tief gesunken, dass ihnen keiner mehr frisches Kapital zuführen mag.

Das gleiche Schicksal droht vielen Wagniskapitalfonds, die sich durch private Investoren finanzieren. Die Kapitalgeber, misstrauisch geworden, weigern sich, neue Mittel nachzuschießen.

Was ist schief gelaufen in jener Branche, die angetreten war, hier zu Lande einen neuen Gründerboom zu initiieren? Die Misere der VC-Industrie hat eine ganze Reihe von Gründen. Einige, etwa die extremen Kursbewegungen an den Aktienmärkten für junge Wachstumsfirmen, konnte in dieser Dimension sicher niemand vorhersehen. Doch zu einem gut Teil hat sich die Branche selbst ins Abseits manövriert.

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