Interview Der Handy-Blues

Die Kundenzahlen sinken, die Umsätze stagnieren, die Schulden drücken. Kai-Uwe Ricke, Vorstandschef von T-Mobile, über die Zukunft einer einstmals erfolgverwöhnten Branche.

mm:

Herr Ricke, seit zwei Jahren schwärmt die Telekom-Branche von den wunderbaren UMTS-Handys. Regelmäßig aber wird der Start verschoben. Wann geht es endlich los?

Ricke: Wir liegen voll im Plan. Bis Ende des Jahres bauen wir in 20 Städten Netze auf, danach beginnt der Testbetrieb. Im Sommer 2003 geben wir den kommerziellen Startschuss.

mm: Also dauert es doch noch eine Weile, bis UMTS kommt.

Ricke: T-Mobile macht keinen Schnellschuss. Ich kann nur jeden davor warnen, sich unter Zeitdruck setzen zu lassen. Die Probleme, die daraus entstehen, hat die ganze Branche bei den ersten Versuchen mit dem mobilen Internet kennen gelernt.

mm: Wir erinnern uns mit Schrecken. Warum haben die Telekommunikationsfirmen im mobilen Internet erst mit WAP und dann mit dem Nachfolgestandard GPRS so gigantische Flops hingelegt?

Ricke: Was heißt gigantische Flops? Die Einführung neuer Technologien ist immer mit Schwierigkeiten verbunden. Aber wir haben natürlich auch Fehler gemacht. Als 2000 die ersten WAP-fähigen Handys auf den Markt kamen und der Kunde anfing zu surfen, dauerte es endlos lange, bis die gewünschte Seite erschien. Das war schon mal der erste Frust. Zweitens wusste der Kunde nicht so recht, was er mit den paar Informationen, die wir ins System eingespeist hatten, anfangen sollte.

mm: Die Mobilfunkanbieter versuchen seit zwei Jahren, die Kunden für das mobile Internet zu begeistern. Umsätze bisher: praktisch keine. Auf Grundlage dieser Erfahrung investieren Sie nun Milliarden in den Aufbau des UMTS-Netzes. Ganz schön kühn.

Ricke: Unternehmer zu sein heißt auch, Risiken einzugehen. Nicht in UMTS zu investieren wäre für uns gleichbedeutend mit der Aufgabe des Geschäfts. Als vor zehn Jahren das D1-Netz startete, glaubten alle, bei einer Million Kunden sei Schluss - heute haben sieben von zehn Deutschen ein Handy. Dennoch ist klar, dass wir den Menschen einen echten Nutzen anbieten müssen, dann werden sie die UMTS-Handys auch kaufen.

mm: Uns erscheint ein Großteil der mobilen Internet-Anwendungen als reine Spielerei.

Ricke: Wir werden das Gegenteil beweisen. Nehmen Sie zum Beispiel dieses Gerät (holt einen Minirechner von seinem Schreibtisch). Das Ding stecken Sie in die Tasche - und Sie sind immer online. Sie können damit E-Mails schreiben und abrufen und natürlich telefonieren.

mm: Wer will schon auf einem handtellergroßen Rechner E-Mails schreiben?

Ricke: Ich zum Beispiel. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn ich nicht ständig online bin.

mm: Sie haben auf Ihrem Schreibtisch einen Laptop stehen. Der reicht doch für die E-Mail-Kommunikation.

Ricke: Aber den Laptop schleppe ich nicht mit in eine Besprechung. Mit diesem kleinen Gerät hingegen kann ich in jeder Konferenz meine Mails lesen und beantworten.

"UMTS führt zur Konsolidierung"

mm: Interessant zu hören, wie sich die Telekom-Vorstände bei ihren Konferenzen die Zeit vertreiben.

Ricke: Ich nenne das effektives Zeitmanagement. Tatsache ist, dass ich mit dem Gerät von jedem Hotel aus mit meinen Leuten weltweit Verbindung aufnehmen kann, ohne auf der Suche nach der richtigen Buchse unter dem Schreibtisch herumkrabbeln zu müssen.

mm: Klingt verheißungsvoll. Dennoch bleibt das ungute Gefühl, dass sich die Mobilfunkanbieter mit UMTS ein Milliardengrab schaufeln. Selbst der Finanzchef der Telekom, Karl-Gerhard Eick, bezeichnet die UMTS-Investitionen als "betriebswirtschaftlich unsinnig".

Ricke: Da zitieren Sie ihn aber arg verkürzt. Natürlich hätten wir die Lizenzen gern preiswerter bekommen. Es macht aber betriebswirtschaftlich einen gewaltigen Unterschied, ob jemand eine UMTS-Lizenz ersteigert, der wie T-Mobile allein in Deutschland 23 Millionen Kunden besitzt - oder ob eine Firma gar keine Kunden hat. Ich bin sicher, dass die UMTS-Investition zu einer Konsolidierung des Mobilfunkmarktes führen wird.

mm: Wie viele Anbieter werden überleben?

Ricke: Deutschland bietet Raum für maximal drei vollwertige UMTS-Netze. Über diese Netze können weitere Anbieter - gegen Gebühr - Daten und Telefonate übertragen, auch wenn sie keine eigene UMTS-Lizenz besitzen. Debitel praktiziert das bereits recht erfolgreich im heutigen Mobilfunknetz.

mm: Derzeit bauen sechs Unternehmen eigene UMTS-Netze auf. Nach Ihrer Prognose müssen drei scheitern.

Ricke: Stimmt.

mm: Wer verliert das Rennen?

Ricke: T-Mobile bestimmt nicht.

mm: Räumen Sie Mobilcom und Quam, den beiden UMTS-Lizenzbesitzern, die bisher kein eigenes Mobilfunknetz haben, eine Chance ein?

Ricke: Die UMTS-Investitionen machen keinen Sinn, wenn ein Unternehmen keine Kundenbasis hat.

mm: Wie lange wird es dauern, bis der Markt bereinigt ist?

Ricke: Das ist eine Sache der nächsten 12 bis 18 Monate.

mm: Verlassen wir das Thema UMTS und kommen zum konventionellen Mobilfunkgeschäft: Können Sie uns erklären, warum bei T-Mobile im ersten Quartal 2002 die Zahl der Kunden schrumpfte?

Ricke: Weil wir jetzt umsatzschwache Kunden ausbuchen, die im Weihnachtsgeschäft 2000 mit billigen Prepaid-Handys akquiriert worden waren. Übrigens: Bei uns ging die Kundenzahl gerade mal um 43 000 zurück - ein Wettbewerber hat zehnmal so viele Kunden verloren.

"Die Bereinigung zeigt Wirkung"

mm: Wie hoch ist der Anteil an Kunden bei T-Mobile, die mit einer Prepaid-Karte ihre Telefonate im Voraus bezahlen?

Ricke: Knapp 54 Prozent des gesamten Kundenstamms in Deutschland. Bei unseren Konkurrenten liegt der Anteil zum Teil deutlich höher.

mm: Die Prepaid-Kunden zahlen nicht mal eine monatliche Grundgebühr. Dennoch hat die Branche riesige Summen ausgegeben, um gerade diese Kunden zu keilen. Auch T-Mobile hat Handys für einige hundert Mark eingekauft und sie dann fast zum Nulltarif verscherbelt. Warum haben Sie sich auf diesen Wahnsinn eingelassen?

Ricke: Das nennt man Wettbewerb. In dieser Marktphase ging es - auch mit Blick auf UMTS - darum, die Kundenbasis zu vergrößern.

mm: Ist jetzt Schluss mit den Ramschaktionen?

Ricke: Damit ist schon seit 18 Monaten Schluss. Heute liegt die Subvention für ein neu gekauftes Prepaid-Handy, in dem eine T-Mobile-Karte steckt, im Schnitt bei gut 30 Euro.

mm: Dass die Verträge der Prepaid-Kunden auslaufen, erklärt die sinkende Kundenzahl. Aber warum fällt gleichzeitig der Umsatz pro Kunden?

Ricke: Im ersten Quartal war nur der Februar enttäuschend. Im März ist die Zahl der Gesprächsminuten deutlich gestiegen. Die Bereinigung der Kundenbasis zeigt Wirkung.

mm: Dennoch bleibt die Frage: Nähert sich der deutsche Mobilfunkmarkt der Sättigung?

Ricke: Wir erwarten für Europa 2002 eine deutliche Verlangsamung der Kundenzuwächse. Die Durchschnittsumsätze pro Nutzer werden sich stabilisieren. In der zweiten Jahreshälfte kommen neue Produkte für das mobile Internet. Meine Prognose lautet: neues, ertragreiches Wachstum durch neue Anwendungen.

mm: Trotz schwächelnder Umsätze ist T-Mobile in Deutschland Marktführer. In den USA hingegen gehört Ihnen mit Voicestream der kleinste der sechs landesweiten Mobilfunkbetreiber. Rechnen Sie auch in Amerika mit einer Konsolidierung unter den Anbietern?

Ricke: Ja. Auch in den Vereinigten Staaten gibt es einen harten Verdrängungswettbewerb.

mm: Könnte es sein, dass sich Voicestream in den USA mit einem Wettbewerber zusammenschließt?

Ricke: Wir sind nicht in den US-Markt eingestiegen, um wieder zu verschwinden oder als Juniorpartner zu agieren. Wir sind auch allein stark genug, um zu bestehen. Dennoch sind für mich Zusammenschlüsse positiv, weil sie den Markt stabilisieren.

"Voicestream heißt bald T-Mobile"

mm: T-Mobile hat 35 Milliarden Euro für Voicestream ausgegeben. Nach heutiger Bewertung ist das Unternehmen einen Bruchteil dieser Summe wert. Würden Sie das Geschäft noch einmal machen?

Ricke: Der Voicestream-Deal war mutig und richtig. Zudem haben wir einen Großteil des Kaufpreises in Aktien bezahlt. Wir werden weiterhin der am stärksten wachsende Mobilfunkbetreiber im US-Markt sein.

mm: Teuer erkauftes Wachstum. Voicestream muss im Schnitt 234 Euro ausgeben, um einen neuen Kunden zu akquirieren.

Ricke: Vergessen Sie nicht, dass der durchschnittliche Voicestream-Kunde 50 Dollar Umsatz im Monat einbringt. Das ist doppelt so viel wie in Europa.

mm: Im Vergleich mit den übrigen US-Mobilfunkbetreibern sind die 50 Dollar Monatsumsatz mager.

Ricke: Warten wir mal ab. Wir werden in den USA die richtigen Kunden ansprechen und auch dort unsere Vorteile bei der mobilen Datenübertragung ausspielen. Wir haben Potenzial nach oben.

mm: Ihr Optimismus in Ehren. Dennoch werden wir das Gefühl nicht los, dass der Voicestream-Kauf eine teure Prestigeveranstaltung war. Offenkundig wollte T-Mobile um jeden Preis in den USA präsent sein.

Ricke: Das ist doch Unsinn. Wir sind in den USA vertreten, weil der amerikanische Markt die größten Wachstumschancen bietet. Und weil wir eine globale Mobilfunkmarke schaffen wollen. Das ist auch der Grund, weshalb Voicestream demnächst T-Mobile heißt.

mm: Zum Schluss noch eine Frage an Kai-Uwe Ricke in seiner Funktion als Vorstandsmitglied der Telekom-Konzernholding ...

Ricke: ... aber gern doch.

mm: Im Mai lag die Telekom-Aktie unter dem Ausgabekurs. Gleichwohl sind die Bezüge des Vorstands für 2001 um fast 90 Prozent gestiegen. Wundern Sie sich, wenn Kritiker diese Relation von Leistung und Einkommen für reichlich frivol halten?

Ricke: Von Frivolität kann keine Rede sein. Fakt ist: Die Gehälter sind gestiegen, aber nicht so stark, wie von Ihnen dargestellt. Es sind auch Einmaleffekte unter anderem aus der Umstrukturierung des Vorstands einbezogen.

mm: Das müssen ja gigantische Abfindungen gewesen sein.

Ricke: In der Erhöhung der übrigen Vorstandsbezüge spiegelt sich auch die Tatsache wider, dass die operativen Ziele, die sich das Unternehmen für 2001 gesetzt hatte, zum Teil deutlich übertroffen wurden.

mm: Am Aktienkurs haben sich diese Leistungsziele offenbar nicht orientiert.

Ricke: Der operative Gewinn der Telekom ist 2001 deutlich gestiegen. Die Fortsetzung dieser Entwicklung wird irgendwann auch den Aktienkurs positiv beeinflussen.

Profil: Mobilfunker Kai-Uwe Ricke T-Mobile: Das Unternehmen in Kürze Mobilfunk-Glossar: Von GPRS bis Wap

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