Editorial Die Raffgesellschaft

Moral, Ethik, Anstand - das sind nicht unbedingt Begriffe, die im Alltag von Geschäftsleuten häufig Verwendung finden. Warum auch?
Von Wolfgang Kaden

Jeder sucht in einer Wettbewerbswirtschaft seinen Vorteil; das Spiel von Angebot und Nachfrage sorgt für einen (gerechten) Marktpreis. Und jene, die allzu weit von den Normen abweichen, sind Fälle für das Strafrecht.

So weit die Theorie. Doch so einfach war die Wirklichkeit nie, und heute ist sie es weniger denn je. Aus der Leistungsgesellschaft, so scheint's, hat sich inzwischen eine Raffgesellschaft entwickelt, in der es außer der Mehrung des eigenen Vermögens keine Wertmaßstäbe mehr gibt. Das Ego triumphiert in bisher nicht gekanntem Maße. Und just die angestellten Unternehmensführer gehen mit schlechtestem Beispiel voran. "Ein massiver Vertrauensverlust hat die Wirtschaft erfasst, in Europa wie in den USA", schreiben die Redakteure Henrik Müller, Holger Rust und Jörg Schmitt in ihrem Report über die "Manager ohne Moral".

Nehmen wir nur die Besoldung der Topleute. Während viele gewöhnliche Arbeitnehmer ihre Jobs verlieren, während die Aktionäre herbe Kursverluste zu verkraften haben - währenddessen steigen die Bezüge vieler Vorstände in atemberaubendem Tempo. Geradezu skandalös sind die Stock-Option-Programme, die sich etliche in jüngerer Zeit genehmigen ließen. Die Optionen lassen nicht wenige Vorstände sich schenken, geringe Kursgewinne sorgen bereits für einen fetten Vermögenszuwachs. Eigenes Risiko: null.

Als Rechtfertigung für ihre grandiose Einkommensmehrung halten deutsche Führungskräfte gern das Argument parat, der Managermarkt sei mittlerweile global; da müsse man sich eben den anderswo gezahlten Summen anpassen, vor allem denen in den USA. Doch der Einwand sticht nicht. Die Angebote an deutsche Vorstände, in die Boards beispielsweise von US-Unternehmen einzutreten, halten sich (vorsichtig formuliert) sehr in Grenzen; nach wie vor ist der Markt von Führungskräften ein weitgehend nationaler, auch innerhalb der EU.

Nein, die Selbstbedienung hat rein gar nichts mit einer funktionierenden Marktwirtschaft zu tun. Sie ist das Ergebnis von Machtmissbrauch: In den Aufsichtsräten befinden angestellte Manager (oder Ex-Manager) über die Bezahlung angestellter Manager; in diesem Kartell profitieren die Kontrolleure letztendlich selbst von der allgemeinen Anhebung des Niveaus.

Besinnung tut Not. Die Globalisierung hat Wertmaßstäbe, die in nationalen Kulturen gewachsen waren, vergessen lassen. Neue ethische Orientierungen sind nicht an ihre Stelle getreten. Doch ohne eine Mindestausstattung an gemeinsamen sittlichen Normen kann eine freiheitliche Wirtschaftsordnung nicht arbeiten. Moral, Ethik, Anstand - die Begriffe gehören auf die Agenda.

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