Internet-Start-ups Shooting Stars

Das Geschäft mit dem Internet gilt als Domäne von US-Start-ups – zu Unrecht, wie eine Studie über deutsche Gründerfirmen zeigt.
Von Helene Laube und Jochen Rieker

Internet-Start-ups - das klingt nach Amerika, nach Silicon Valley und nach Erfolgsgeschichten wie Netscape, AOL oder Yahoo. Schon deshalb denkt kaum jemand an die Jungunternehmer im eigenen Land. Zu bürokratisch, zu langsam, zu unprofessionell seien die Deutschen, so heißt es meist, um mit der Konkurrenz aus dem Silicon Valley mithalten zu können.

Und überhaupt: Wie viele Gründerfirmen gibt es denn hierzulande schon, die Software oder Dienstleistungen für das World Wide Web anbieten - außer ein paar Hoffnungsträgern wie Intershop oder Brokat vielleicht?

Es gibt eine ganze Menge - weit mehr als gemeinhin bekannt ist; und genug, um von einer wahren Gründerwelle zu sprechen.

Eine von manager magazin unterstützte Studie der London School of Economics and Political Science (LSE) - die bislang wohl größte und detaillierteste Untersuchung ihrer Art - hat mehr als 120 deutsche Startups untersucht. Reine Multimedia-Agenturen und Internet-Service-Provider, die alle mehr oder weniger identische Dienste anbieten, blieben weitgehend außen vor (siehe auch Kasten).

Mehr noch als die Zahl überrascht vor allem das Potential der jungen Internet-Firmen. Obwohl die meisten ihre Dienste noch keine zwei Jahre anbieten, zählen viele bereits namhafte Großkonzerne zu ihren Kunden. Jeder vierte der untersuchten Start-ups hat sein Geschäft internationalisiert oder steht kurz vor dem Schritt ins Ausland. Die Wachstumsraten sind fast durchweg dreistellig.

Bezeichnungen wie "Garagenfirma" oder "Existenzgründer" seien deshalb unangemessen, resümiert Niko Waesche (30), der die Studie im Rahmen seiner Doktorarbeit durchgeführt hat. "Da sind nicht Bastler am Werk, sondern professionelle Internet-Player." Und die bauen, beinahe unbemerkt, einen ganz neuen Wirtschaftszweig auf.

Schon die Resonanz auf die Umfrage zeigte, daß die Gründerszene hierzulande weitaus mehr zu bieten hat als ein paar prominente Vorzeigefirmen.

Als Waesche im Frühjahr auf einer eigens für diesen Zweck eingerichteten Website den Fragebogen veröffentlichte, meldeten sich Dutzende von Gründern, die noch in keinem Firmenverzeichnis und in keiner Venture-Capital-Kartei auftauchen.

Ihre Geschäftsmodelle und Produkte sind so vielfältig wie das Internet selbst, ohne das ihr Unternehmen nicht existieren würde. Ein Blick in die Teilnehmerliste der Untersuchung zeigt die Bandbreite. Sie reicht von innovativen Softwarehäusern bis zu exotischen Dienstleistern:

Shopmaker etwa, eine deutschschweizerische Firma, entwickelt Softwarelösungen für den elektronischen Handel. Ende August gewann sie einen Preis im E-Business-Wettbewerb der IBM. Ihr größter Konkurrent im Markt heißt Intershop, der spätestens nach dem Börsengang im Juli zu den wenigen Start-up-Stars hierzulande zählt.

BPS aus Karlsruhe entwickelt und betreibt sogenannte Extranets. In der Textilindustrie haben die Badener ein System etabliert, das Hersteller und Einzelhändler über das Internet verbindet und so den Einkauf revolutioniert. Jetzt sollen andere Branchen folgen.

Friedrich Ingredients  handelt von Konstanz aus weltweit mit Gewürzen. Der Vertrieb ist voll digitalisiert und läuft ausschließlich über das Web.

Netz-Informations-Analyse  aus Leipzig macht durch gezieltes Internet-Monitoring die Unternehmenskommunikation von Konzernen fit für den Cyberspace, um auf diese Weise Chancen und Risiken der Online-Medien für global agierende Großunternehmen aufzuspüren.

NxN  , erst vor einem Jahr gegründet, etabliert sich als Softwarehaus für die Programmierung von Computerspielen. Die Spezialität der Münchner: Ihre Systeme erlauben Spieleentwicklern und Designern, über das Internet am gleichen Projekt zu arbeiten - unabhängig vom Standort.

Die Beispiele machen deutlich, daß es die typische Internet-Firma nicht gibt. Zu vielfältig sind die Geschäftsideen, als daß sie sich so einfach kategorisieren ließen. Die Branche sei eben erst im Entstehen, sagt Niko Waesche. "Viele Start-ups ändern ihre Pläne sogar mehrmals oder probieren neue Märkte einfach aus." Das macht die Einordnung schwierig.

Was die Internet-Gründer auszeichnet, läßt sich auf den ersten Blick schwer erkennen. Aus diesem Grund hat Waesche, der in Frankfurt selbst eine Multimedia-Agentur mitgegründet hat und die Internet-Szene seit Jahren verfolgt, ein Durchschnittsprofil erstellt.

Auf Basis seiner Umfrageergebnisse hat der Wirtschaftshistoriker eine Art virtuellen Prototyp entworfen, der die Internet-Start-ups stellvertretend charakterisiert. Und der ist alles - nur nicht typisch deutsch Die Studie.

Von Vorsicht oder falscher Bescheidenheit keine Spur: Die jungen Internet-Unternehmer zeigen Risikobereitschaft, setzen auf Dynamik und bekennen freimütig den Drang zur Größe.

Die Firmen sind im Schnitt noch keine zwei Jahre alt, sie setzen gleichwohl bereits eine Million Mark um. Für das laufende Jahr prognostizieren die Newcomer ein Umsatzwachstum von 200 Prozent. Die Gewinnzone erreichen sie nach nur 21 Monaten. Der Börsengang steht in der Regel nach vier bis fünf Jahren auf dem Programm.

Ganz nebenbei schaffen die Gründer auch noch ein kleines Beschäftigungswunder: Durchschnittlich 20 Mitarbeiter beschäftigen die Internet-Start-ups heute, für die kommenden Jahre erwarten sie einen Zuwachs von jeweils 77 Prozent. Einige Unternehmen wollen ihre Mitarbeiterzahl alle zwölf Monate sogar verdoppeln.

Die Betonung liegt auf "wollen". Schon jetzt ist jeder fünfte Arbeitsplatz in der Sturm-und-Drang-Branche unbesetzt. Grund: Die meisten Firmen wachsen schneller, als sie Mitarbeiter rekrutieren können, hinzu kommt der Mangel an IT-Fachleuten.

Allein diese Zahlen revidieren das verbreitete Vorurteil vom Mauerblümchendasein der hiesigen Unternehmensgründer. Und die Untersuchung förderte weitere, zum Teil überraschende Belege für die Nachhaltigkeit des Gründerbooms zutage.

Von Anfang an werden die meisten Internet-Start-ups professionell geführt. Die Jungunternehmer, die sich mit einer Idee selbständig machen, haben fast durchweg einen Hochschulabschluß. Viele von ihnen können auch erste Berufserfahrung vorweisen.

Und es sind nicht nur Informatiker und Elektroingenieure, die ins Internet-Geschäft einsteigen. Im Gegenteil: Die meisten Gründer haben ein Wirtschaftsstudium absolviert. Einige haben sogar bereits Unternehmensgründungen hinter sich, was gerade im Silicon Valley häufig vorkommt und auch bei Venture-Capital-Gebern erwünscht ist.

Bei zwei Drittel der Start-ups steht obendrein kein Einzelgänger an der Spitze, sondern ein Team. Meist sind es zwei oder drei Gründer, die sich zusammentun. Bei dem Überschall-Tempo, das in der Internet-Branche herrscht, bringt diese Form der Arbeitsteilung enorme Vorteile mit sich.

"Einer allein hat kaum eine Chance", sagt Stefan Röver. "Da fehlt es am Wissen und an der Kapazität."

Röver, heute Vorstandssprecher, weiß es aus Erfahrung. Er hat das Softwareunternehmen Brokat, einen der Shooting-Stars im Internet-Geschäft, in einem Fünferteam aufgebaut - und in nur vier Jahren an die Börse gebracht. Marktwert heute: rund eine halbe Milliarde Mark.

Brokat ist zweifellos eine Ausnahmeerscheinung. Derartige Erfolgsgeschichten werden sich nicht dutzendfach schreiben lassen. Doch zumindest das Motto lautet bei fast allen deutschen Internet-Start-ups ähnlich: Think big.

Das durchschnittliche Startkapital beträgt mehr als zwei Millionen Mark. Softwarefirmen wie OneStone aus Paderborn beziffern die Anfangsinvestitionen sogar auf bis zu zwölf Millionen Mark und mehr.

Venture-Capital-Firmen spielen bei der Finanzierung, anders als in den Vereinigten Staaten, bisher noch eine Nebenrolle. Nur etwa jeder zehnte Internet-Gründer nutzt laut Studie diese Geldquelle.

Dieser Anteil dürfte sich allerdings rasch vergrößern. Allein im vergangenen Jahr haben Risikokapitalgeber die Summe ihrer Investments in Deutschland um 84 Prozent gesteigert - der europaweit größte Zuwachs, wie Niko Waesche in seiner Untersuchung herausfand.

Tatsächlich verhandeln mehrere Teilnehmer an der LSE-Umfrage derzeit über Venture-Capital. Berührungsängste bestehen offenbar nicht. Fast drei Viertel der Gründer glauben, daß sie ihre ehrgeizigen Wachstumsziele nur mit Venture-Capital-Unterstützung oder einem Börsengang verwirklichen können.

Eine durchaus berechtigte Annahme, wie die Studie zeigt: Danach sind Start-ups mit Risikobeteiligungen nachweisbar größer, ehrgeiziger und internationaler als Firmen, die sich aus Eigenmitteln finanzieren.

Daß mit den Newcomern zu rechnen ist, spricht sich allmählich herum - auch bei den etablierten Unternehmen. So entwickelt sich zwischen den Davids und Goliaths der deutschen Wirtschaft eine zwar ungleiche, aber nichtsdestoweniger nutzbringende Geschäftsbeziehung.

Knapp ein Drittel ihres Umsatzes machen die Start-ups bereits mit multinationalen Unternehmen. Weil den Großen die Wendigkeit, Innovationskraft und meist schon das Verständnis für das Internet-Geschäft fehlen, sind die Gründerfirmen bisweilen unverzichtbare Partner der Konzerne.

Die Offenheit auf beiden Seiten ist erstaunlich. Da verhandeln Großunternehmen wie Allianz, Deutsche Bank, Deutsche Telekom oder Hoechst mit Kleinstfirmen, die es vor kurzem noch gar nicht gab. Und die Start-ups fürchten nicht die Nähe zur Großindustrie, sondern suchen sie zum Teil gezielt, um erstklassige Referenzen zu bekommen.

In dieser Synergie sehen viele Gründer ihre beste Eintrittskarte für den Markt. Deshalb wählen sie lieber kleine Nischen mit hohem Großkundenpotential, anstatt wie viele US-Firmen auf den Massenmarkt zu setzen: Software für die Optimierung von Geschäftsabläufen, Electronic Commerce und andere Business-Anwendungen dominieren in Deutschland.

Was fehle, bedauert Niko Waesche, seien "Killer-Ideen" oder das nächste "cool thing", wie es in Amerika heißt - ein Web-Browser für Millionen von Internet-Nutzern, Produkte direkt für den Endkunden. Ob das ein Nachteil ist? Dieses Defizit erklärt zumindest den vergleichsweise geringen Bekanntheitsgrad deutscher Internet-Start-ups.

Daß sie Produkte anbieten, deren Erklärung mitunter ein fünfminütiges Kurzreferat benötigt, hat ihrem Erfolg bisher nicht geschadet. Die eigentliche Feuerprobe steht den Jungunternehmern aber noch bevor. Und die findet dort statt, wo Internet-Start-ups kein Kuriosum mehr sind: in den USA.

Die deutschen Gründer wissen das. Die Hälfte plant bereits eine Niederlassung in Übersee - obwohl ihre Konkurrenten zum Teil seit Jahren am Markt etabliert sind.

Im US-Engagement liegen Risiko und Chance zugleich. "Wenn sie sich dort behaupten, dann haben sie es geschafft", sagt Niko Waesche. "Dann gibt es vielleicht so etwas wie eine zweite SAP oder eine nächste Netscape - founded in Germany."

Die Chancen stehen gar nicht so schlecht.

Steckbrief des typischen deutschen Internet-Start-ups

Steckbrief des typischen deutschen Internet Start-ups*

  • Alter: 1,8 Jahre
  • Umsatz 1997: 1 Million Mark, davon 21 Prozent im Ausland
  • Umsatzerwartung 1998: 3 Millionen Mark
  • Break-even: nach 21 Monaten
  • Startkapital: 2,1 Millionen Mark
  • Zahl der Gründer: 2
  • Zahl der Mitarbeiter: 20, davon 3 im Ausland
  • Personalplanung für 1999: plus 77 Prozent
  • Geschäftsanteil mit Großkunden: ein Drittel
* Nach einer Studie der London School of Economics and Political Science.

Kurzporträt: BPS


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