Mittwoch, 18. September 2019

Frauen Vom Aufstieg mit Anhang

Ein anspruchsvoller Job und die Verantwortung für eine Familie passen eigentlich nicht zusammen. Managerinnen erzählen, welchen Preis sie zahlen - und warum sie dennoch nicht anders leben wollen.

Zehn Jahre lang gehörte Kerstin Seller* (38) zu den Managerinnen, mit denen sich deutsche Konzernchefs gern fotografieren lassen: Seht, wie frauenfreundlich wir sind.

 Der Beruf geht vor: Antonella Mei-Pochtler, Geschäftsführerin bei Boston Consulting, arbeitet trotz dreier Kinder rund um die Uhr. Zeit für die Familie ist auch am Wochenende echter Luxus.
Manfred Witt
Der Beruf geht vor: Antonella Mei-Pochtler, Geschäftsführerin bei Boston Consulting, arbeitet trotz dreier Kinder rund um die Uhr. Zeit für die Familie ist auch am Wochenende echter Luxus.
Seller hat eine Blitzkarriere absolviert: Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, BWL-Studium, Einstieg bei IBM, Vorstandsassistentin, Vertriebsdirektorin.

Zurzeit verbringt Kerstin Seller die Tage in ihrer Wohnung am Stadtrand von Düsseldorf und hält ihren einjährigen Sohn davon ab, die Schränke zu durchwühlen. Seit Sommer 2000 ist sie faktisch arbeitslos. Mit ihrem letzten Arbeitgeber, einem großen deutschen Stahlkonzern, kämpft sie vor Gericht um eine Abfindung. Mehrere hunderttausend Euro möchte sie haben.

Was Kerstin Seller zugestoßen ist? Ganz einfach: Sie wurde schwanger - kurz nachdem sie ihren Vertrag als Vorstand einer Tochtergesellschaft des Stahlkonzerns unterzeichnet hatte. Kaum erfuhr die Konzernspitze von der Schwangerschaft, übten die Vorstände Druck auf Seller aus: Ginge sie nicht freiwillig, würde man ihr Restrukturierungsaufgaben in Polen und in Italien übertragen. Dann müsse sie eben sehen, wer sich während ihrer Reisen um den Säugling kümmere.

Karrierekiller Kind - kann das Frauen immer noch passieren in deutschen Unternehmen? Leider ja, und es geschieht häufiger, als anzunehmen wäre in einer Zeit, in der "Women in Business"-Kongresse und Mentoring-Programme zum guten Ton der Personalarbeit gehören.

Ein so dramatischer Absturz wie Kerstin Seller ihn erlebte ist hingegen selten. Immerhin jede zweite angestellte Managerin in Deutschland hat Familie, ergab eine Untersuchung von Sonja Bischoff, Professorin für Betriebswirtschaft an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Doch die meisten von ihnen, so Bischoff, "stehen einem weiteren beruflichen Aufstieg sehr zurückhaltend gegenüber". Die Frauen haben genug damit zu tun, Kinder und Beruf überhaupt in Einklang zu bringen. An Karrieresprünge denken sie kaum.

Nur in Ausnahmefällen schafft es eine von ihnen tatsächlich bis an die Spitze. Antonella Mei-Pochtler (43) zum Beispiel, prominente Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, brachte neben dem Job drei Kinder zur Welt. Selbst im Wochenbett hatte sie stets ein Faxgerät in Reichweite.

Managerinnen wie Mei-Pochtler räumen ihrem Beruf im Alltag bedingungslosen Vorrang ein. Sie leben wie jeder männliche Manager und zahlen dafür einen hohen Preis: ständige Überlastung und ein permanent schlechtes Gewissen.

Die Mehrzahl der Frauen will sich diesen Stress nicht zumuten. Sie arbeiten nach der Geburt des ersten Kindes Teilzeit, wechseln in die Fachlaufbahn oder bleiben ganz zu Hause. Sie gönnen sich nicht, ihr Wissen auszukosten. Sie geben auf, bevor ihre Zukunft im Unternehmen richtig begonnen hat.

© manager magazin 5/2002
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