Dienstag, 15. Oktober 2019

Neue Bundesländer Welkende Landschaften

3. Teil: Die neuen Länder - Deutschlands Problemzone

Die neuen Länder - Deutschlands Problemzone. Binnen fünf Jahren würden "blühende Landschaften" entstehen, hatte Helmut Kohl 1990 versprochen. Zunächst schien aus dem "Aufschwung Ost" tatsächlich etwas zu werden. Dank Bauboom wuchs die Ost-Wirtschaft zunächst viel schneller als die westdeutsche - und bescherte ganz nebenbei gut verdienenden Westdeutschen mittels Sonderabschreibungen sanierte, inzwischen aber vielfach schwer vermietbare Ostimmobilien.

Wenig Industrie, viel Bau: Branchenstruktur in Ost und West
Ein Strohfeuer. Ab 1997 wurden die Sonderabschreibungen zurückgefahren. Seither stagniert die Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit hat sich bei 19 Prozent verfestigt. Die Bauwirtschaft stürzt in sich zusammen; bedrängte Unternehmer hoffen auf Abrissaufträge, denn der steuersubventionierte Bauboom hat ein Überangebot von 1,2 Millionen Wohnungen hinterlassen. Die Menschen gehen; seit 1997 rollt eine anschwellende Auswanderungswelle. Was zurückbleibt, ist vielerorts Hoffnungslosigkeit.

Zum Beispiel in Stremlow/Vorpommern. Ein winziges Dorf am Rande des bundesdeutschen Universums. Viele sind längst weggezogen, nur 100 Menschen leben noch dort.

Stremlow verfügt über eine ansehnliche Zahl von "Sehenswürdigkeiten" (Eigenwerbung). Der Ort hat eine "Heimatstube" (Sammlung alter Hausgeräte), eine "Wanderkoje" (Mini-Jugendherberge), eine "Wasserkaskade" (Steinhaufen mit eingebauter Pumpe), ein "Agrarmuseum" (Rasenfläche mit ein paar alten Ackergerätschaften).

Warum gibt es in Stremlow solche Dinge? Weil das viele Geld vom Staat ausgegeben werden muss. Irgendwie.

Die Stremlower "Sehenswürdigkeiten" haben die ABM-Kräfte vom Strukturförderverein Tebeltal angelegt. Und weil das Dorf inzwischen voll gestellt ist mit größtenteils sinnlosen Anlagen, bauen nun einige ABMler "Schmuck" für die Märkte in der Gegend - mannshohe Pappmaché-Hasen für Ostermärkte zum Beispiel.

 der Weiterbau der A 44 (im Bild Brückenpfeiler im Rohbau) zwischen Kassel und Eisenach ist vorerst gestoppt
DPA
der Weiterbau der A 44 (im Bild Brückenpfeiler im Rohbau) zwischen Kassel und Eisenach ist vorerst gestoppt
Für solche Tätigkeiten erhalten sie 550 Euro netto im Monat. In Vorpommern, wo das Land leer und das Leben billig ist, können sich die Leute für dieses Geld allerhand kaufen.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind das wohl schädlichste aller Ost-Programme. Aus vier Gründen: Erstens finden die Menschen kaum wieder einen normalen Job. Sie seien stigmatisiert und fürs echte Arbeiten versaut, sagen sogar die Verantwortlichen vom Strukturförderverein, die selbst ABM-Kräfte sind.

Zweitens: Die ABM-Leute bauen Sachen, die keiner braucht wie die Stremlower "Sehenswürdigkeiten". Beitragsgelder der Arbeitslosenversicherten werden sinnlos vergeudet.

Drittens: ABM schafft unkontrollierte kommunale Nebenhaushalte. Die regionalen Arbeitsämter verteilen die Gelder im Zusammenspiel mit Trägervereinen und Bürgermeistern. Viel Raum für Mauscheleien.

Viertens: Die ABM-Leute erledigen Arbeiten, die eigentlich reguläre Unternehmen ausführen sollten. Ob Bauarbeiten oder Grünflächenpflege - die ABM-Gesellschaften erdrücken die wenigen, die es gewagt haben, "sich privat zu machen" (Ost-Jargon).

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