Berlin-Umzug Abzug aus der Provinz

Im Sog des Regierungsumzugs wandern Tausende Lobbyisten nach Berlin. Der Wechsel in die Millionenmetropole dürfte für Politiker wie Verbandsleute zum großen Abenteuer werden.

Noch sitzen Deutschlands oberste Versicherungsvertreter ziemlich allein in ihrem glänzend kühlen Neubau am Rande der Friedrichstraße – dort, wo früher das Spielcasino der DDR stand. Die glatte Außenfassade des Lobbyhauses wirkt befremdlich zwischen den vielen dunkelbraunen Altbauten der Umgegend.

Knapp ein Jahr ist es her, daß der Gesamtverband der Versicherer als erste Spitzenlobby der Wirtschaft in die Hauptstadt zog. Und bislang sind nur wenige gefolgt. Noch arbeiten in Berlins Mitte vor allem Baggerfahrer, Bauleiter und Betonmischer.

Das wird sich bald ändern. Der Sog des Regierungsumzugs beginnt zu wirken. Beinahe wöchentlich treten in den nächsten Monaten Organisationen und Verbände den Weg nach Berlin an.

Schon nächstes Jahr könnten im Zentrum der neuen Polit-Hauptstadt mehr Volksvertreter, Lobbyisten, Diplomaten und Journalisten versammelt sein, als dies in der Bundesrepublik je anderswo der Fall war.

Die genaue Zahl der Umzügler läßt sich nur schwer bestimmen. Die Schätzungen schwanken. Für viele Betroffene bleibt der Berlin-Wechsel ein heikles Thema, die Ängste der rheinischen Belegschaften vor der Millionenmetropole halten sich hartnäckig.

Neben den Versicherern sind bislang lediglich die Spitzenvertreter der Bauindustrie in die Hauptstadt gezogen. Hinzu kommen kleinere Lobbies wie der Verband Deutscher Makler.

Die Delegierten des DGB vertagten dagegen im vergangenen Sommer den schon geplanten Abzug aus Düsseldorf. Manchem Lobbyhaus, das vor Jahren mit hohem Anspruch entworfen wurde, drohte zumindest zwischenzeitlich der Leerstand.

Allerdings: Einen späteren Umzug wollen selbst die ärgsten Berlin-Zweifler nicht mehr ausschließen. Insgeheim halten viele Verbandsobere seit kurzem wieder Ausschau nach potentiellen Berliner Standorten.

Die Angst, zu spät zu kommen, wächst. Mitte April tagt der Bundestag erstmals in der Hauptstadt. Im Sommer ziehen die Abgeordneten dann komplett um; Kanzler Schröder wird vom Herbst an aus Berlin regieren.

Aus Bonn abwandern werden nach und nach die Zentralen der großen Parteien und Teile der politischen Stiftungen. In die neue Hauptstadt ziehen zudem rund 15 000 Diplomaten und etwa 300 Medienvertreter. Fast alle großen Zeitungen und Rundfunksender planen, am neuen Regierungssitz deutlich mehr Personal zu beschäftigen als bisher in Bonn.

Aus Sicht der Wirtschaft zählt eines besonders: Alle Ministerien, die für Unternehmen Bedeutung haben, wechseln spätestens Anfang 2000 nach Berlin. Da wollen zumindest die Spitzenlobbies nicht fehlen.

Schon Ende März zieht der Bundesverband deutscher Banken mit 120 Mitarbeitern in die Burgstraße. Kurz darauf verlegt das Handwerk seine Cheflobby. Im Herbst folgen die drei Größten der Großen: der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) und der DIHT.

Bis spätestens Mitte 2000 werden alle Spitzenverbände der Wirtschaft mit Hauptsitz an der Spree residieren. Und dem Troß folgen etliche mittlere und kleinere Verbände – vom Verband der Automobilindustrie über die Interessenvertreter der Städte und Kommunen bis hin zum Deutschen Hausfrauen-Bund. Alles in allem dürften mindestens 50 Lobbyorganisationen ihren Hauptsitz bald in Berlin haben.

Fast alle anderen Wirtschaftsverbände werden zumindest ein Büro einrichten. Die Vertreter der Volks- und Raiffeisenbanken sitzen gleich neben dem Brandenburger Tor. Selbst für Unternehmen scheint Berlin wieder attraktiver zu werden. Am Potsdamer Platz sitzen künftig die Debis-Zentrale und das Europa-Hauptquartier von Sony. Die Unternehmensberater von KPMG sind nach Berlin gezogen, ebenso der Dienstleister Dussmann.

Rund 20 Konzerne werden überdies Repräsentanten nach Berlin entsenden. Daimler verlegte seinen Deutschland-Vertrieb an die Spree. Das Beispiel könnte Schule machen. "Manches Unternehmen dürfte künftig ein Vorstandsmitglied in die Hauptstadt schicken", schätzt Thomas Kurze, Vorstand bei der Bankgesellschaft Berlin.

Die Erwartungen der Wirtschaft scheinen hoch gesteckt. "In Berlin wird es mehr Ansprechpartner auf engerem Raum geben", schwärmt Klaus Müller, der beim Bankenverband für den Umzug zuständig ist.

Vieles deutet in der Tat darauf hin, daß sich Politiker und Wirtschaftsvertreter in Berlin näher sein werden, als dies derzeit der Fall ist. Ein gut Teil der Neu-Berliner Verbände sitzt bislang nicht am Regierungssitz in Bonn, sondern in Köln, Frankfurt oder Hamburg. Künftig werden die Büros zum Teil nur wenige hundert Meter auseinander liegen.

Die wichtigsten Hauptstadtadressen von Ministerien, Verbänden und Parteien finden sich in Berlins Mitte – auf einem Areal von nicht mehr als vier Quadratkilometern (siehe Karte: "Hauptstadt 2000"). Die Postleitzahl der meisten lautet 10117.

Gerade jene Lobbyisten, die wie BDI oder Bankenverband bislang in Köln saßen, versprechen sich von der neuen Konstellation großen Nutzen.

Die Bankenlobby suchte ihren Standort schon 1995 bewußt so aus, daß alle wichtigen Anlaufstellen in 15 Minuten zu Fuß erreichbar sind. Die Versicherer sind künftig in fünf Minuten beim Finanzminister in der Wilhelmstraße. Bisher dauerte es mindestens eine halbe Stunde, um von Köln aus einen Gesprächspartner in Bonner Ministerien zu besuchen.

Das sei durchaus "ein Manko gewesen", erklärt Klaus Müller vom Bankenverband. Oft sei es schwergefallen, Journalisten oder Politiker zu Terminen nach Köln zu bewegen.

Der Wunsch ist klar: In Berlin zählen die Lobbyisten auf ungezwungene Gespräche bei Empfängen oder beim Mittagessen. In Berlins Mitte steigt seit kurzem die Zahl gediegener Lokale, die sich – wie bislang etwa das "Borchardt" in der Französischen Straße – auf Promigäste spezialisieren.

Bei einem Bier ließen sich leichter Kontakte knüpfen, bekräftigt Thomas Kräutter vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV). Auch untereinander dürften sich die Verbände in Berlin näherkommen.

Die Versicherer haben den Umzug genutzt, um einzelne Branchenzweige zu fusionieren, die bislang getrennt in Bonn, Köln, Hamburg und München saßen. BDI, BDA und DIHT ziehen in das gemeinsame Haus der Wirtschaft. Unter einem Dach wirken künftig auch der Hauptverband des Einzelhandels und die Spitzenlobby der Groß- und Außenhändler.

Der Trend zur Hausgemeinschaft hilft beim Kostensparen. Kantine, Druckerei, Konferenzräume und Poststelle können künftig gemeinsam genutzt werden. Bei den Versicherern hat diese Rationalisierung dazu geführt, daß die entsprechenden Kosten in Berlin um 60 Prozent sanken.

Das Zusammenrücken soll aber auch symbolisch wirken. Motto: Die Wirtschaft zeigt sich einig. Und: Anders als bisher können sich DIHT-Chef Hans Peter Stihl, BDA-Boß Dieter Hundt und BDI-Präsident Olaf Henkel auch einmal ohne formelle Terminabsprache in der Kantine austauschen.

All dies klingt aus Sicht der Verbände vielversprechend. Manches spricht dafür, daß sich in Kürze weitere Interessenvertretungen für Berlin entscheiden. Und doch wird den Wirtschaftsvertretern eines allmählich klar: In der neuen Lobbymetropole werden sie auch auf Probleme stoßen, die sie bislang nicht kannten.

Die ersten Erfahrungen mit dem künftigen Berliner Standort lassen darauf schließen, daß so manche bequeme Lobbygepflogenheit aus Bonner Provinzzeiten nicht so einfach auf die Millionenstadt Berlin übertragbar sein wird.

Viele qualifizierte Mitarbeiter haben den Weg nach Berlin gescheut und sich schon lange vor dem Umzug nach einem neuen Arbeitgeber umgesehen. Beim Bankenverband dürften insgesamt nur zwei Drittel der früheren Belegschaft mitziehen. Unter den Sekretärinnen liegt die Verweigerungsquote bei 80 Prozent.

Nur mühsam gelingt es den Umzugsbeauftragten, die Ängste vor der neuen Hauptstadt abzubauen. Die Mitarbeiter der Kölner Versicherungslobby durften vor dem Umzug auf Verbandskosten dreimal nach Berlin reisen. Der Versuch einer seelischen Annäherung ging daneben. Drei der Berlin-Besucher berichteten nach der Rückkehr in die beschauliche rheinische Heimat, sie seien in S- oder U-Bahnen angegriffen worden Angst vor der Großstadt. Der Bankenverband hat in Köln präventiv bereits ein Berlin-Zimmer eingerichtet. Dort hängen zur schnelleren Eingewöhnung ein überdimensionierter Berlin-Stadtplan und die Bauskizzen des künftigen Verbandshauses aus. Auf Tischen liegen die aktuellen Ausgaben der großen Berliner Tageszeitungen sowie reichlich Angebote ausgesuchter Berliner Immobilienhändler zur Ansicht.

Die meisten Klischees über die gefährliche Berliner Welt mögen sich im Alltag rasch als überzogen herausstellen. Klar ist aber auch, daß Wirtschaftsvertreter wie Politiker in der Metropole einem ganz neuen Umfeld konfrontiert sein werden. Das gilt nicht nur fürs Private.

In Köln oder Bonn residierten die Spitzenlobbies bislang zumeist in abgeschirmten Repräsentativbauten mit freiem Blick ins Grüne und mit weitläufiger Zufahrt für prominente Gäste. Damit ist es in Berlin vorbei. Das Haus der Wirtschaft liegt unmittelbar am vielbefahrenen Mühlendamm. Die opulente Zufahrt fehlt. Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite ragen triste graue Mietshochhäuser aus Plattenbauzeiten in den Himmel.

Die Zureisenden aus dem Rheinland bekommen rasch zu spüren, daß die Berliner auf ihre Art "einfach respektlos sind", warnt Manuela Damianakis, Leiterin des Hauptstadtbüros, das die Landesbank Berlin auf Anregung der Spitzenverbände eröffnet hat.

Das haben erste Erfahrungen mit der Bürokratie bereits gezeigt. Erteilte Baugenehmigungen wurden wieder verworfen. Das Haus des Handels wird viel später gebaut als geplant.

Ähnliches gilt für das Bankenhaus, das schon Ende 1998 fertig sein sollte. Nun wird die Zeit knapp. Der Mietvertrag in Köln ist zum Ende März gekündigt. Und die Verantwortlichen müssen auf einen reibungslosen Umzug an einem Wochenende zählen. Die Kölner Büros werden freitags geräumt; der Dienstantritt in Berlin ist für Montag um 8 Uhr 15 geplant.

So mancher symbolische Sonderwunsch könnte künftig unerfüllt bleiben. Die Banken hatten lange Zeit darauf gesetzt, in der Burgstraße die repräsentative Hausnummer eins tragen zu dürfen. Doch das Bezirksamt weigerte sich, wegen eines einzelnen Verbands die Zählweise zu ändern. Nun muß sich das ehrwürdige Kreditgewerbe mit der gewöhnlichen Nummer 28 begnügen.

In Berlins Mitte werden Lobbyisten und Politiker künftig zweifellos allgegenwärtig sein Hauptstadt 2000 aus Sicht der Wirtschaft. Und Deutschlands Hauptstadt könnte neben Frankfurt durchaus zur neuen Topadresse für die Wirtschaft werden.

Im Gesamtbild der Millionenmetropole würden die Interessenvertreter der Wirtschaft allerdings nur eine kleine Minderheit sein, erklärt Manuela Damianakis: "Die Neu-Berliner werden sich daran gewöhnen müssen, daß sie nicht mehr der Nabel der Welt sind." Und das wird sicher seine Zeit brauchen.

Berlin-Umzug: Die wichtigsten Standorte Berlin-Umzug: Angst vor der Großstadt

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