Internet-Start-ups Neue deutsche Welle

Das Internet schafft eine eigene Industrie: jung, dynamisch, grenzenlos. manager magazin skizziert in einem großen Report die neue Gründerszene – und stellt exklusiv eine Studie über deutsche Internet-Start-ups vor.
Von Helene Laube und Jochen Rieker

I. Ein Anfang

Ist das der Anfang? Geht es so los? Entstehen an Orten wie diesem die High-Tech-Unternehmen von morgen? In einem Reihenhaus in Gerichshain, 25 Kilometer östlich von Leipzig, erster Stock?

Xuân Baldauf arbeitet hier, soviel steht fest. Und er ist auf dem besten Weg. Seit knapp einem Jahr hat er zusammen mit einem Freund sein eigenes Unternehmen. Vorigen Winter haben die beiden Medium.net gegründet, ein Softwarehaus, das Kommunikationsprogramme für das Internet entwickelt. Jetzt haben sie erste Firmenkunden, gute Referenzen – und ein echtes Problem. Das Problem ist, daß sie nicht so expandieren können, wie sie wollen – aus Altersgründen.

Xuân Baldauf und David Uhlmann, sein Partner, sind 17. Sie gehen noch auf das Gymnasium, elfte Klasse. Das setzt dem Wachstum Grenzen. Das Büro, in dem sie uns empfangen, ist deshalb auch kein Büro. Es ist Xuâns Kinderzimmer, mit Dagobert-Comics im Regal und einem Mickymaus-Poster an der Wand. Das einzige, was auch nur entfernt an eine Firma erinnert, ist ein PC mit Internet-Anschluß. Viel mehr braucht es heutzutage ja nicht für den Einstieg ins High-Tech-Business.

Der Rechner, auf dem eine kleine Plüschkuh weidet, ist das halbe Unternehmen. Darin stecken die Entwicklungsabteilung, die Buchhaltung, die Auftragsabwicklung, das Lager, die Logistik und der Firmensitz von Medium.net. Geschätzter Firmenwert: irgendwo zwischen 50 000 Mark und einer Million.

"Das Internet ist unsere Chance“, sagen Xuân und David. Daran glauben sie: daß im Cyberspace alle bei Null anfangen, nicht nur sie selbst. Daß sie "Glück gehabt haben, da so früh einsteigen zu können“. Also arbeiten die beiden, wenn ihre Freunde ausgehen: abends, nachts, manchmal bis in den frühen Morgen hinein.

Vor kurzem haben sich die Internet-Unternehmer Handys gekauft. Nicht weil das als cool gilt in diesem Alter, sondern weil sie für ihre Kunden erreichbar sein wollen – wenigstens in den Schulpausen. "Höchste Servicequalität“ sei ihr Anspruch, meinen sie. Da dürfe man keine Zeit verlieren, und schon gar keinen Kunden.

Radio Bremen und das Hochschulmagazin "Unicum“ setzen die Software von Medium.net ein. Auf ihren Websites haben sie sogenannte Chat-Server installiert, um Internet-Besuchern eine Plattform für den Meinungsaustausch zu bieten. Die Firmen zahlen bis zu 9000 Mark für ein solches Programm. Echte Firmen. Echtes Geld.

Einen ihrer Kunden haben Xuân und David so sehr überzeugt, daß er jetzt den Vertrieb für sie übernehmen will – erst in Deutschland, dann vielleicht weltweit. Vor allem die USA seien "ein riesiger Markt“, sagt Xuân. "Der sollte erschlossen werden."

Der Klondike-Effekt

II. Der Klondike-Effekt

Es ist noch nicht so lange her, da wäre das undenkbar gewesen. Da folgte die Wirtschaft noch einer gewissen Arithmetik. Da gab es in Deutschland keine Elftkläßler, die von der Eroberung des US-Marktes sprachen. In Jugendmagazinen fanden sich keine Anzeigen, die mit dem Slogan "www.IhreFirma.de“ für den Sprung in die Selbständigkeit warben. Hochschulabsolventen wollten noch zu McKinsey, nicht zu Firmen mit Namen wie Pixelpark oder Cybernet.

Dann kam das Internet. Und es war ein bißchen wie im August 1896, als George Washington Carmack an einem Nebenfluß des Klondike auf Gold stieß. Nur daß der Klondike plötzlich überall war und die Goldvorkommen unerschöpflich schienen.

III. Der Börsengang

Stefan Röver hatte eine Vorstellung davon. Er hat auch mal mit 17 angefangen, wie Xuân Baldauf, nur ist das schon eine Weile her. Damals war er freier Mitarbeiter bei der IBM und hat gleich sein erstes Gewerbe angemeldet: Softwareentwicklung, Dienstleistung, Beratung. "Es war eine gute Zeit", sagt er. Aber es war noch nicht die Internet-Ära.

Heute, ein paar Firmengründungen später, ist Röver dort angekommen, wovon er mit 17 "nicht einmal geträumt hätte". Der 33jährige zählt zur Elite einer Branche, die so weit jenseits vom Rest der Wirtschaft operiert, daß selbst ihren Machern manchmal schwindlig wird.

"Wir haben unsere eigenen Möglichkeiten unterschätzt", sagt Röver, ungläubig zurückblickend auf die Anfänge. "Das Marktpotential ist einfach nicht vorstellbar."

Mit vier Partnern hat er 1994 Brokat gegründet. Die Stuttgarter Firma, deren Vorstandssprecher Röver heute ist, entwickelt Standardsoftware für Online-Banking und elektronische Dienste. Sie gilt als eines der besten Internet-Unternehmen in Europa – 250 Mitarbeiter stark, mit Niederlassungen in Asien und in den USA. Auf der Kundenliste steht ein halbes Dutzend Blue chips: Allianz, Deutsche Bank, HypoVereinsbank.

Brokat wächst nicht, die Firma explodiert – um 200, 300 Prozent pro Jahr. In der neuen, modernen Zentrale fügen sich die Büros zu langen Fluchten. Die Fluchten stapeln sich zu Etagen. Und in den Besprechungszimmern stehen die Getränkefläschchen in Reih und Glied wie Zinnsoldaten. Das wirkt beruhigend, fast ein bißchen konzernig.

Vor vier Jahren war Brokat nur so eine Idee, ein Gedanke, ein Plan. Seit dem Börsengang Mitte September, kurz nach Redaktionsschluß, dürfte das Unternehmen eine halbe Milliarde Mark wert sein, vielleicht auch doppelt soviel. In dieser Branche weiß man das nie so genau.

Von null auf einige hundert Millionen in gerade mal vier Jahren. Das alles, sagt Röver, sei auch für ihn "ein wenig überraschend gekommen".

Der Markt

IV. Der Markt

Mary Modahl hat sich den Goldsuchern angeschlossen. Genauer gesagt: Sie geht ihnen voraus. Mary ist Vice President beim Marktforschungsunternehmen Forrester Research, Abteilung New Media Research. Man kann sie ruhig Berufsskeptikerin nennen, denn in einer Branche, die gern außer sich gerät über die neuesten Trends, gilt Mary als No-Nonsense-Person.

Wenn Mary Modahl also sagt, daß die Internet-Wirtschaft dabei sei, "abzuheben", dann ist das im Zweifel eher untertrieben. "Dieses Jahr", glaubt sie, "werden Waren und Dienstleistungen im Wert von mehr als 20 Milliarden Dollar auf elektronischem Weg verkauft." In vier Jahren rechnet die Analystin mit "mehr als 350 Milliarden Dollar weltweit".

Für Start-up-Unternehmen ist das eine adrenalinfördernde Perspektive, um es einmal vorsichtig auszudrücken: Ein globaler Markt entsteht, mit minimalen Einstiegsbarrieren und riesigem Wachstumspotential. Ein Markt, in dem jede Nische gut ist für ein paar hundert Millionen.

Der Internet-Handel, sagt Mary Modahl, "wird ganze Industrien verändern“. Das ist, wie immer, arg zurückhaltend formuliert. Mehr als 350 Milliarden Dollar ändern alles.

V. Die Milliarden-Maschinerie

In Bogenhausen, im ersten Stock einer Jugenstilvilla, freut sich Max Burger-Calderon sichtlich über die Entwicklungen. Er nennt sie "sensationell" und hat "überhaupt keine Angst, daß das nur ein Strohfeuer ist".

Burger-Calderon lebt, wie eine kleine, aber stark wachsende Zahl von Managern, von den Gründern.

Der Schweizer ist ein VC, ein Venture Capitalist. Als Verwaltungsratspräsident von Apax Partners finanziert er aussichtsreiche Unternehmen mit Wagniskapital.

Die Branche hat ihre eigenen Codes und einen Hang zur Trivialisierung großer Summen. "33 zu 20" sagen die Portfoliomanager lapidar, wenn es um einen Deal geht, bei dem ein Drittel der Anteile an einer Firma für 20 Millionen Mark den Besitzer wechselt.

Solche Deals sind keine Seltenheit mehr. Brokat beispielsweise hat vor zwei Jahren durch eine solche Finanzierungsrunde sein Wachstum abgesichert. "Leider haben wir den Deal damals abgelehnt", bedauert Burger-Calderon. Aber er verfällt deswegen nicht in tiefe Depressionen.

Das Geschäft brummt auch so. Kapitalgeber wie Apax sind zugleich Antreiber und Nutznießer des Startup-Booms. Internet-Unternehmen gehören wegen der großen Wachstumschancen zu ihren bevorzugten Investments, um so mehr, seit es den Neuen Markt gibt.

Der Börsengang von Intershop, einem Anbieter von Software für den elektronischen Handel, hat die VCs im Juli regelrecht elektrisiert. Obwohl die Jenaer Firma in diesem Jahr nur 35 Millionen Mark umsetzen und frühestens im übernächsten Jahr den ersten Profit ausweisen wird, beträgt ihre Marktkapitalisierung gut eine Milliarde Mark. Das sind Bewertungen, so euphoriegetränkt wie in den USA.

Die Technologieholding, der erste Wagniskapitalgeber von Intershop, spricht von einer "Erfolgsstory wie aus dem Lehrbuch". Die Münchner hatten 1996 einen "33-zu-1,4-Deal" abgeschlossen und ein Drittel der Anteile für 1,4 Millionen Mark übernommen. Es sei "eine schöne Rendite dabei herausgekommen", sagt Falk Strascheg, einer der Geschäftsführer der Technologieholding, in vornehmer Freude.

So ist eine fröhliche Kettenreaktion in Gang gekommen, deren Ende "nicht abzusehen ist", wie Axel Bichara von Atlas Venture betont: Das Internet schafft neue Märkte, die einen Gründerboom entstehen lassen. Die Gründer ihrerseits bieten attraktive Investitionsmöglichkeiten für Kapitalgeber, die wiederum das Wachstumstempo forcieren. Der Neue Markt schließlich sorgt für die entsprechenden Erfolgsgeschichten, die wieder neue Gründungen nach sich ziehen.

"Es ist alles da", sagt Bichara. "Die Infrastruktur, das Kapital, die positiven Vorbilder, das richtige Wertesystem." Vor einem Jahr habe er noch Zweifel an der Nachhaltigkeit der Entwicklung gehabt, sagt der VC-Manager. "Aber es ist so viel geschehen."

Die großen Kleinen

VI. Die großen Kleinen

Start-ups werden in Garagen gegründet, bisweilen auch im Kinderzimmer. So jedenfalls kennt man das. Die Gründertypen tragen Schlabber-T-Shirts und Baseballkappen. Sie sagen "cool", wenn sie "gut" meinen, und "obercool", wenn sie aus dem Häuschen sind.

Claus Müller, Internet-Unternehmer aus Hamburg, ist auch obercool. Aber eher im wörtlichen Sinne. Der 43jährige Geschäftsführer von Netlife hat sich vor zwei Jahren selbständig gemacht. Seine Firma residiert in einem Glasbau im Hafenviertel der Hansestadt. Der Chef trägt dunkles Tuch und stellt hohe Ansprüche. Seinen Kunden erklärt er, daß er "einer der weltweit führenden Anbieter von Systemen fürs Electronic Business sein wolle".

Er sagt das mit der Autorität und dem Selbstbewußtsein eines ehemaligen Roland-Berger-Beraters. Und die Kunden glauben es ihm. Bei großen Projektaufträgen im Bankenbereich hat Müller schon namhafte Konkurrenten ausgestochen: IBM, Unisys, NCR und Siemens.

"Als kleine Firma kann man sich keinen Flop leisten", sagt der Ex-Berater. Deshalb hat er sein Unternehmen so aufgebaut, daß es vom Auftritt und vom eigenen Anspruch her längst kein Start-up mehr ist. Vielleicht war es das nie – so wenig wie Brokat, das im gleichen Geschäftsfeld tätig ist, oder wie Coin, ein Hannoveraner Internet-Startup, das ebenfalls nur Großkunden auf der Referenzliste führt.

Experten der Gründerszene wie Marianne Kulicke vom Karlsruher Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung beobachten diese Professionalisierung häufig. "Es gibt sehr vielversprechende Ansätze für eine neue Qualität der Unternehmensgründungen", sagt sie.

In einem Gutachten für das Forschungsministerium hat die Wissenschaftlerin eine Art Bestandsaufnahme unter technologieorientierten Startups gemacht. Ergebnis: "Der Turnschuh-Typ wird immer seltener."

Quer durch die deutsche Gründerszene gibt es mittlerweile Beispiele ehemaliger Topberater, die wie Claus Müller eigene Unternehmen gegründet oder mitaufgebaut haben. Andreas Eder, Vorstandschef des Internet-Anbieters Cybernet AG, war zuvor bei Boston Consulting. Boris Anderer von Brokat kommt von Mc-Kinsey.

Andere Gründer wechseln von der IT-Industrie ins Start-up-Lager. Die drei Partner von Serenata Intraware etwa, einem Münchner Internet-Unternehmen, haben jahrelang bei Micros-Fidelio gearbeitet, dem Marktführer für Softwarelösungen in der Hotellerie. Als sie ihre Produktideen dort nicht umsetzen konnten, machten sie sich selbständig. "Ohne dieses Branchen-Know-how wären wir nicht, wo wir heute sind", sagt Serenata-Chef Dieter Dirnberger.

Längst sind die Start-ups auch als Alternative zum Konzern attraktiv geworden. Richard Seibt, ehemaliger Topmanager bei IBM, ging vor kurzem als Vorstandschef zum Internet- und IT-Dienstleister 1&1. Die Düsseldorfer Internet-Agentur InnoMate, die im Frühjahr von USWeb aufgekauft wurde, konnte einen der erfahrensten Vertriebsleiter von Otelo abwerben.

Die Umarmung der Etablierten

VII. Die Umarmung der Etablierten Es geht ein Gerücht um in der Münchner Technologieszene, das so häufig widerhallt, daß manche es bereits für eine Tatsache halten. McKinsey-Berater, so die Geschichte, sollen ihr Wissen seit neuestem auch Start-ups andienen. Statt Cash würden Firmenanteile als Zahlungsmittel akzeptiert. Das ist natürlich nur ein Gerücht. Aber es zeigt, wie eng sich viele das Verhältnis zwischen der ersten Reihe der Wirtschaft und den Jungen Wilden vorstellen.

Tatsächlich war die gegenseitige Umarmung nie inniger. Kann man mit denen Geschäfte machen? Muß man die kennen? Solche Fragen stellen viele Konzernchefs, die früher gern eine Linie zwischen Hoch- und Landadel gezogen haben, nicht mehr.

Wie eine Untersuchung der London School of Economics and Political Science ergeben hat, sind die gegenseitigen Verflechtungen zwischen Großunternehmen und Start-ups erheblich größer als vielfach angenommen. Danach machen deutsche Internet-Unternehmen rund ein Drittel ihres Umsatzes mit multinationalen Konzernen.

Unternehmen wie Bertelsmann und die Deutsche Telekom haben sogar eigene Venture-Capital-Gesellschaften aufgebaut, die im Konzerninteresse in Internet-Start-ups investieren.

Thomas Kühr, Chef der T-Venture, sieht das ganz pragmatisch: Vor einigen Jahren habe er noch Sprüche gehört wie: "Was können denn die Kleinen, was unsere 5000 Ingenieure nicht können?" "Dieses "Not-invented-here-Syndrom", meint Kühr, "gibt es heute nicht mehr."

VIII. Die Politik Berlin, Bundespräsidialamt, Ende Juli: Roman Herzog, dieser rührend moderne Mensch, der Deutschland fit machen will für das Informationszeitalter, verteilt Lob und Urkunden. Es ist ein Moment, der Mut macht: Die Politik entdeckt das Internet.

Gerade hat Herzog einige High-Tech-Unternehmen ausgezeichnet, darunter auch Brokat. Die Urkunde für die "kreativste Innovation" wird später in der Empfangshalle der Stuttgarter hängen. "Deutschland braucht Sie", sagt der Bundespräsident, der jetzt auch eine Website hat.

Brokat-Chef Stefan Röver lächelt.

Start-up-Studie: Die Unternehmer, ihre Finanzierungsmodelle, ihre Marktchancen, ihre Ziele

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