Mittwoch, 24. Juli 2019

Nikotel Gefallener Engel

EXPIRED WG. EV Das seltsame Geschäftsgebaren des jungen Internet-Multimillionärs Nikolai Manek.

Im Februar 2000 schlug die Stunde, die Nikolai Manek (32) zum Helden der neuen Wirtschaft machte. Der ehemalige Versicherungsmakler verkaufte den von ihm gegründeten Internet-Provider Nikoma an die italienische Tiscali-Gruppe.

Nicoma war Tiscali rund 270 Millionen Euro in eigenen Aktien wert ­ selbst in den Zeiten der Internet-Bonanza ein irrwitziger Preis. Nikoma setzte damals gerade mal 15 Millionen Euro um.

Die "Süddeutsche Zeitung" feierte Manek Anfang 2001 als "cleveren Internet-Architekten", die "Financial Times Deutschland" titulierte ihn noch im März 2002 als "Entrepreneur mit Bodenhaftung".

Tatsächlich scheint Manek die Erdung abhanden gekommen zu sein. Sein Fall zeigt, wie schwer es für einen Dotcom-Gründer sein kann, mit plötzlichem Reichtum umzugehen.

Manek, der mit 25 oft noch nicht einmal wusste, wie er seine Stromrechnung bezahlen sollte, lebt seit dem Tiscali-Deal standesgemäß. Er residiert zumeist in Villenhaushalten in Hamburg und San Diego und umgibt sich mit schnellen Autos.

Beruflich versuchte sich Manek als Business-Angel. Er beteiligte sich an Start-up-Unternehmen, wollte jungen Gründern mit seinen Kontakten zu potenziellen Kunden und Investoren helfen. So weit das Konzept.

In der Realität hinterließ Nikolai Manek in den vergangenen zwei Jahren einen breiten Streifen verbrannter Erde. Eines seiner Unternehmen befindet sich im Insolvenzverfahren mit schlechten Aussichten für die Gläubiger. Ein weiteres hat die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beantragt. Ehemalige Geschäftspartner werfen Manek Betrug vor.

Und zwar im Fall der Schade & Lohr GmbH. Das kleine Hamburger Unternehmen programmierte dreidimensionale Computersimulationen, meist von Bauprojekten. Die beiden Gesellschafter Christian Lohr und Michael Schade behaupten, dass Manek ihnen im Sommer 2000 ein verlockendes Angebot gemacht habe: Für zwei Millionen Mark habe er ihre Firma kaufen, sie zu einem Anbieter von dreidimensionalen Internet-Sites umstricken und Schade und Lohr als Geschäftsführer einsetzen wollen.

Die beiden Unternehmensgründer schlugen ein. Auf ihre Millionen warten sie freilich heute noch. Der Haken: Ihr Zahlungsanspruch in dem notariellen Vertrag, der laut Schade und Lohr nur die vorherige mündliche Vereinbarung umsetzen sollte, richtet sich nicht gegen Manek persönlich, sondern lediglich gegen eine amerikanische Manek-Firma namens Nikoworld Inc. Manek widerspricht den Betrugsvorwürfen: Er persönlich habe nie einen Kaufvertrag mit Schade und Lohr abgeschlossen, auch nicht mündlich.

Die Schade & Lohr GmbH ging nach dem Verkauf in einer Firma namens Nikoworld Development GmbH auf, Manek übernahm neben Lohr und Schade den Posten eines Geschäftsführers. Als reine Entwicklungsgesellschaft erzielte Nikoworld Development zunächst kaum Einnahmen. Die Nikoworld Inc. hatte sich verpflichtet, die Entwicklungskosten für die dreidimensionalen Websites zu übernehmen.

Als diese Zahlungen ausblieben, mussten die Geschäftsführer Schade und Lohr die Insolvenz beantragen. Der Bericht des Insolvenzverwalters Heiko Fialski zeugt von abenteuerlichen Zuständen, die bei der Nikoworld Development geherrscht haben müssen: Die Buchhaltung, die an ein weiteres Manek-Unternehmen ausgelagert war, habe sich zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags etwa ein Vierteljahr im Rückstand befunden. Der Bericht konstatiert "ungebuchte Eingangsrechnungen in erheblicher Zahl sowie falsch gebuchte Zahlungsabläufe".

Kurz nach der Nikoworld gründete Manek die Nikotel AG, die sich mit dem Telefonieren über das Internet beschäftigen sollte. Offiziell agierte er als Aufsichtsratsvorsitzender, doch auch die Nikotel war ein Unternehmen von Maneks Gnaden.

Die Nikotel-Vorstände mussten zuweilen als bessere Laufburschen herhalten. So bekamen zwei von ihnen eines Tages den Auftrag, den Dienst-Porsche des in Ungnade gefallenen Nikoworld-Geschäftsführers Michael Schade einzukassieren.

Im Februar 2002 stellte auch die Nikotel einen Insolvenzvertrag. Seitdem ist ein grotesker Streit um die Telefonsoftware entbrannt, die für Nikotel entwickelt wurde. Sie verkörpert den wichtigsten Vermögenswert des insolventen Unternehmens. In einer Flut von eidesstattlichen Versicherungen werfen Manek-Vertraute und Nikotel-Manager einander gegenseitig vor, die Software zu Unrecht für sich zu beanspruchen.

Die Lektüre der eidesstattlichen Versicherungen lässt den Schluss zu, dass auch in diesem Teil des Manek-Reiches chaotische Verhältnisse herrschen. Es scheint ganz so, als werde der Mann von dem großen Rad überrollt, dass er selbst angeschoben hat.

© manager magazin 4/2002
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