Dienstag, 20. August 2019

Headhunter "Fünf Firmen werden dominieren"

David Kimbell, Chairman der Executive-Search-Firma Spencer Stuart, über die Zukunft der Headhunter

Der Brite David Kimbell (54) wurde von den rund 200 Partnern der Executive-Search-Firma Spencer Stuart zum Chairman gewählt. Die Personalberatung, die sich auf die Suche nach Topmanagern spezialisiert hat, kultiviert ihre Verschwiegenheit. Nun äußert sich Kimbell zum ersten Mal in einem Interview:

mm: Herr Kimbell, Spencer Stuart umgibt sich mit der Aura des Geheimnisvollen. Ist diese Scheu vor der Öffentlichkeit noch angemessen in einer Zeit, in der Ihre Wettbewerber als Aktiengesellschaften Quartalsberichte veröffentlichen?

Kimbell: Unser Geschäft ist extrem vertraulich. Wir bekommen geheime Informationen, oftmals sogar lange bevor das Topmanagement selbst über geplante Veränderungen in seinen Reihen erfährt. Unser Training, unsere Orientierung und unsere Unternehmenskultur basieren auf Diskretion. Deshalb bleiben wir auch eine Privatfirma. Dem Weg der Wettbewerber an die Börse werden wir nicht folgen.

mm: Die Globalisierung zwingt Sie doch genauso wie Ihre Konkurrenten zu hohen Investitionen in Informationstechnologie oder in weltumspannende Netzwerke.

Kimbell: Soweit ich das sehen kann, gibt es drei Hauptgründe für einen Börsengang: Gesellschafter mit hohen Firmenanteilen wollen Kasse machen; man braucht Geld für Akquisitionen; oder man investiert massiv in die interne Entwicklung, in Büros und Datenbanken. Wenn man sich das Kapital dafür an der Börse beschafft, lädt man sich eine große Hypothek auf. Die Klienten spüren schnell, daß es innerhalb der Personalberatung divergierende Ziele gibt, wenn Eigentümer und Berater nicht identisch sind.

mm: Warum waren Spencer Stuart und andere große angloamerikanische Personalberatungen in Deutschland lange so schwach vertreten?

Kimbell: Abgesehen davon, daß deutsche Manager am liebsten untereinander Geschäfte machen, haben sich die meisten ausländischen Search Firms nie wirklich um den Markt bemüht. Ihre besten Berater traf man selten in Deutschland. In einem Geschäft, das von langfristigen Beziehungen lebt, galt Deutschland in unserer Branche als Drehtür, Berater kamen und gingen. Zugang zum Establishment war so nicht zu bekommen; aber dies ändert sich jetzt.

mm: Weil Heidrick & Struggles und andere damit begonnen haben, die etablierten Personalberater in Deutschland aufzukaufen?

Kimbell: Der Impuls geht von den Unternehmen und Konzernen aus, die heute ganz andere Anforderungen an ihr Führungspersonal stellen als noch vor drei oder vier Jahren.

mm: Anforderungen, welche die Globalisierung und das Ende der Deutschland AG mit sich bringen?

Kimbell: Ja, wobei es noch zehn Jahre dauern wird, bis deutsche Unternehmen ähnlich international geführt werden wie beispielsweise britische und amerikanische Konzerne.

mm: Von den Kandidaten werden doch heute schon Internationalität und Flexibilität verlangt.

Kimbell: In der Tat zeichnen sich die großen Managementtalente heute durch ihre Abneigung gegenüber allem Dauerhaften aus. Die Besten managen ihre Karrieren ganz individuell, drei Jahre hier, vier Jahre dort und gegen Ende der Laufbahn noch mal zehn Jahre in einer Firma.

mm: Alle Personalberatungen brüsten sich mit Suchaufträgen für die erste Ebene. Welche Firmen zählen Sie im Executive Search zu Ihren Wettbewerbern?

Kimbell: Egon Zehnder und Heidrick & Struggles. Mehr sind das nicht, und wenn sie mir in 20 Jahren dieselbe Frage stellen, werde ich Ihnen mit Sicherheit dieselben Namen nennen. Interessant ist aber, daß wir in Deutschland auch zwei Personen als wesentliche Mitbewerber sehen.

mm: Haben Einzelkämpfer wie Dieter Rickert und Heiner Thorborg eine Zukunft?

Kimbell: In unserer Branche passiert im Moment Ähnliches wie vor einigen Jahren bei den Investmentbankern: Wir stehen vor einer großen Konsolidierungswelle. Sie wird die meisten mittelständischen Personalberatungen wegspülen. In ein paar Jahren gibt es im gesamten Search-Geschäft weltweit vielleicht noch fünf Marktführer und Local heros, aber kaum mehr mittelgroße Firmen oder lockere Kooperationen wie Amrop oder Hever. Einzelberater mit hervorragenden persönlichen Verbindungen werden dagegen immer die Möglichkeit haben, auf Kosten der größeren Firmen gute Geschäfte zu machen.

mm: Die Qualität der Beratung galt lange als wesentliches Wettbewerbsmerkmal im Executive Search, heute sprechen alle von Informationstechnologien und vom Internet ...

Kimbell: ... eine ziemlich unausgegorene Geschichte. Wer eine Stellenanzeige ins Internet bringt, bekommt 1000 Antworten aus 40 Ländern. Wer, bitte schön, soll das bearbeiten? Wie verhindert man, daß 999 Bewerber bitter enttäuscht sind? In unserem Geschäft ist das Internet ein Alptraum, der nur ein Ende kennt: die Zerstörung von Goodwill.


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