HypoVereinsbank Abenteuerliche Bewertung

Wie die Hypo-Bank mit riskanten Grundstücks- und Immobiliengeschäften Milliarden versenkte.
Von Arno Balzer

Von Flensburg bis nach Garmisch kann man laufen, ohne jemals Hypo-Boden verlassen zu müssen, hieß es in der Immobilienbranche zu Beginn der 90er Jahre.

Aggressiv hatten Tochtergesellschaften der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank zwischen 1989 und 1993 alles aufgekauft, was zu haben war – Grundstücke mit, häufig aber auch ohne Baugenehmigung; zu Preisen, bei denen andere Interessenten längst ausgestiegen waren.

Kaufen, entwickeln, bauen und anschließend teuer vermieten oder verkaufen – so hieß das Motto. Die Münchner wollten zur Nummer eins unter den Bau- und Boden-Banken aufsteigen.

Inzwischen ist aus den hochgesteckten Plänen Deutschlands größter Immobilienskandal nach der Schneider-Pleite geworden, mit Wertberichtigungen von insgesamt mehr als vier Milliarden Mark.

Mitte der 90er hatte die Hypo-Zentrale keine neuen Projekte mehr genehmigt, weil die Geschäfte nicht wie erwartet liefen. Das tatsächliche Ausmaß der Schieflage offenbarte sich aber erst im vergangenen Herbst, nachdem die Fusion zwischen Hypo-Bank und Bayerischer Vereinsbank vollzogen worden war.

Gleich drei Teams hatten sich die Immobiliengeschäfte der Hypo-Bank vorgenommen. Die Prüfer fanden weltfremde Kalkulationen und abenteuerliche Wertansätze.

Beispiel Narva-Projekt: Gemeinsam mit einem Joint-venture-Partner hatte die Hypo-Bank das 47.000 Quadratmeter große Gelände im Herzen Berlins vor sieben Jahren gekauft, für 240 Millionen Mark. Auf dem Boden der ehemaligen DDR-Glühlampenfabrik Narva sollten Büros, Galerien, Ateliers, Designerstudios und Luxuswohnungen entstehen, insgesamt auf 180 000 Quadratmetern. Rund 30 Mark Miete pro Quadratmeter, so die Hypo-Hoffnung, ließen sich nach fünf bis sechs Jahren verdienen.

Die Planung geriet gründlich daneben. Der Boden war verseucht, die Baugenehmigung verzögerte sich, obendrein machte die Stadt teure Auflagen, etwa die Erhaltung alter Fabrikfassaden. Zusätzlich kippte auch noch der Berliner Immobilienmarkt. Die Nachfrage nach teurem Wohn- und Gewerberaum blieb weit hinter dem Angebot zurück.

Die Folge: Bis heute wird noch gebaut, bereits fertiggestellte Teilabschnitte sind nur zur Hälfte vermietet, und auch das nur für etwas mehr als 20 Mark pro Quadratmeter.

Weil die Erlöse später und spärlicher flossen als erwartet, mußten zusätzliche Kredite her. Allein durch die Zinslast hat sich der Kapitaleinsatz der Hypo-Bank inzwischen nahezu verdoppelt. Rund 250 Millionen Mark mußten abgeschrieben werden.

Pech in einem Einzelfall? Keineswegs, andere Joint-ventures und Entwicklungsgesellschaften der Hypo-Bank liefen nicht besser. Der Wert der teuer gekauften Grundstücke verfiel, bei manchen Immobilien fast gegen Null. So dient ein komplett erschlossenes Gelände, ursprünglich für einen Gewerbepark konzipiert, heute einem Bauern als Acker.

3,5 Milliarden Mark mußte die HypoVereinsbank in ihrer 98er Bilanz für die 52 Großprojekte und Developer-Finanzierungen der früheren Hypo-Bank abschreiben, damit die Wertansätze in den Büchern wenigstens in etwa der Einschätzung des Marktes entsprechen. Die Entscheidung im Aufsichtsrat war einstimmig – selbst Eberhard Martini votierte für die Korrektur der Wertansätze.

Ein Jahr zuvor hatte der damalige Hypo-Primus auch schon hohe Wertberichtigungen vornehmen müssen. Damals hatte er die Aktion als "Großreinemachen" verkauft. Nun hatte er keine passende Vokabel mehr parat.

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