Editorial Abgestürzt

Von Wolfgang Kaden

Noch nie zuvor hat eine Technik alle Lebensbereiche so tief durchdrungen, wie dies die Informationstechnologie inzwischen tut. Krankenhäuser, Banken, Flugzeuge, Fabriken – alles hängt an den Chips, an der Software, am weltumspannenden Netz.

Noch nie zuvor aber auch hat eine ganze Branche so eklatant versagt wie die Informationstechnologie bei der (Nicht-)Bewältigung des Jahrhundertproblems. Wer seine Produkte erst drei, vier Jahre vor dem Ereignis für die Umstellung auf den Jahrhundertwechsel präpariert, der hat ein gut Teil seiner Glaubwürdigkeit verspielt

Verschwieg die Branche das Problem, um jetzt so wunderbar an den Reparaturarbeiten zu verdienen, wie manche Verschwörungstheoretiker meinen? Man mag es nicht glauben. Wahrscheinlicher schon ist, daß diese Zukunftsindustrie nur auf ihre laufenden Geschäfte fixiert war; so stark, daß sie in einem grandiosen Akt kollektiver Verdrängung das Jahrhundertding schlichtweg ausgeblendet hat.

Was wird geschehen, in der Neujahrsnacht, in den Wochen und Monaten danach? Die mm-Redakteure Steffen Klusmann und Helene Laube haben sich umgehört . Was sie erfuhren, ist höchst beunruhigend. Viele Verantwortliche reden die Situation noch immer schön. Jene allerdings, die wirklich etwas von den Feinheiten der Informationstechnologie verstehen, sehen dem Jahreswechsel mit Bangen entgegen. Sie erwarten wochenlange Stillstände in Unternehmen, Unterbrechung des Energienachschubs, Ausfall der Verkehrssysteme; manche gar prophezeien einen globalen Crash.

Panikmache? Ob es rundum kracht oder nur stellenweise – das Jahrhundertproblem sollte eine Warnung sein. Mit abenteuerlicher Geschwindigkeit haben die Computer von der Menschheit Besitz ergriffen. Der PC und das Internet haben unser Leben erleichtert und es bereichert, das ist wahr. Aber wir haben uns zugleich, sagt die Softwarelegende Robert Bemer im Interview , "abhängig gemacht von einer Technik, die wir nicht beherrschen". Viel Stoff zum Nachdenken.

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Für eine offene Unternehmenskommunikation sind niederländische Konzerne nicht unbedingt berühmt. Ob Unilever, Shell oder Philips – überall im Nachbarland halten die Vorstände Journalisten gern auf Abstand. Philips-Chef Cor Boonstra hat seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren noch keinem ausländischen Medium ein ausführliches Interview gegeben. Um so erfreulicher, daß er nun die mm-Redakteurinnen Heide Neukirchen und Anne Preissner in seinem Amsterdamer Büro empfing und ihnen Auskunft über die Zukunftspläne des Elektromultis gab .