Uhren Gute Werke aus Sachsen

Der Ingenieur und Unternehmer Heinz W. Pfeifer hat die traditionsreiche Zeitmesstechnik im Erzgebirge zu neuem Ruhm geführt. Wie das gelang, erklärt er im mm-Interview.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

mm:

Herr Pfeifer, Sie sind gelernter Elektroingenieur. Woher rührt Ihre Begeisterung für die altväterliche Mechanik handgefertigter Uhren?

Pfeifer: Wer einen Beruf hat, der sehr abstrakt ist, und Elektrotechnik ist abstrakt, der sieht keine Abläufe. Die Mechanik dagegen ist sichtbar und dadurch für einen, der sehr abstrakt arbeiten muss, sehr erholsam. Hier habe ich ein Räderwerk, etwas zum Anfassen.

mm: Warum aber gingen Sie nach Glashütte, im hintersten Winkel Sachsens gelegen?

Pfeifer: Zum einen, weil ich eitel bin. Und zwar auf eine höchst subtile Art. Ich bin Uhrensammler, und dieses Interesse hat mich auf den Gedanken gebracht, mal etwas selbst zu machen, anders und vielleicht auch besser als die Uhrenhersteller bisher. Zum anderen wollte ich beim Aufbau Ost mitwirken. Und das konnte ich am ehesten hier tun, indem ich obendrein mein Hobby zum Beruf gemacht habe.

mm: Seit der Übernahme des Glashütter Uhrenbetriebs 1994 von der Treuhand haben Sie - entgegen der allgemeinen Entwicklung im Osten - mit der Manufaktur Erfolge eingefahren, die von aller Welt bestaunt wurden. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?

Pfeifer: Kein Geheimnis, es gibt nur eine funktionelle Logik. Ich wusste: Es gibt keine Lücke im Markt, keiner hat auf uns gewartet. Wunderbare Uhren, wunderbare Marken gibt es en masse. Und doch findet sich immer wieder eine Nische. In unserem Fall hieß das Thema: Uhr made in Germany. Bis dahin kam jede gute Uhr selbstredend aus der Schweiz. Zu Hilfe kam uns dabei etwas ganz Mysteriöses: Es gibt ein paar Produkte, die ein Käufer nur ganz bestimmten Ländern zutraut, und das trifft bei Uhren auf Deutschland zu.

mm: Gleich zweimal hintereinander - 2000 und 2001 - wurden Stücke aus Ihrer Manufaktur zur Uhr des Jahres gekürt. Eine Verführung zu Hochmut?

Pfeifer: Ich bin weit entfernt, dies überzubewerten. Ich betrachte eine solche Auszeichnung als ein weiteres kleines Mosaiksteinchen in der Wertschätzung, die wir genießen.

Das Erfolgsrezept

mm: Die Ehrung fand zur Uhrenmesse in Basel statt. Unter den Augen der Schweizer Platzhirsche. Wie reagierten die auf den Frischling aus Deutschland?

Pfeifer: Wirtschaftlich sind wir nach wie vor eine sehr kleine Einheit. Vom Prestige her haben wir den Schweizern schon, salopp gesagt, ein wenig ans Bein gepinkelt ...

mm: ... mit welcher Wirkung?

Pfeifer: Wir haben denen, die sich mit uns im Markt bewegen, zumindest erst mal Achtung abgerungen. Sie nehmen uns heute nicht nur zur Kenntnis, sondern durchaus auch ernst im Sinne des Wettbewerbs.

mm: Was haben deutsche Uhren, was die Modelle aus der Schweiz nicht bieten können?

Pfeifer: Das ist ganz einfach. Wenn ich früher einen Japaner nach made in Germany gefragt hätte, dann wäre die Antwort gewesen: Mercedes-Benz. Wenn man sich das Auto anguckte, konnte man feststellen, dass es weder besonders elegant noch sehr aufregend gestylt war. Es verfügte allerdings über drei unverwechselbare Attribute: Es funktionierte, es funktionierte, es funktionierte.

mm: Ohne Rücksicht auf die Form?

Pfeifer: Von einem deutschen Produkt erwarten Sie zuerst einmal gnadenlose Funktionalität. Und nicht, dass es ein besonderes Design besitzt. So ist das auch bei unseren Uhren. Wir bauen, erstens, keine flachen Uhren, weil ganz dünne Uhren sehr leicht funktionelle Probleme haben. Zweitens wollen wir massive Uhren bauen.

Wenn Sie eine Golduhr von uns in die Hand nehmen, dann hat die ein ordentliches Gewicht. Unsere Philosophie lautet, alles ein wenig über das optimale Maß hinaus zu dimensionieren.

mm: Ein Konzept für Luxus?

Pfeifer: Wir unterscheiden zwischen glamourösem und funktionellem Luxus. Die glamouröse Variante pflegen die romanischen Länder. Da zählt einfach nur Schönheit ...

mm: ... während hier schlichte Rationalität dominiert?

Pfeifer: Der funktionelle Luxus ist der Porsche. Vergleichen Sie den mit Ferrari. Der Porsche erfüllt seine Aufgabe so überdimensioniert gut, wie es niemand braucht. Der andere schwelgt in Schönheit und Opulenz - glamouröser Luxus. So haben wir Deutsche mit dem, was Luxus ist, immer ein Problem. Wir legen zuerst mal Wert auf das Funktionieren. Und übersehen häufig, dass dies bereits Luxus ist.

Die Philosophie

mm: Ihre Uhren müssen sich gegen Manufakturen mit ungebrochener Tradition wie etwa Patek Philippe, Girard-Perregaux und IWC behaupten. Mit welcher Strategie?

Pfeifer: Mit den letzten beiden haben Sie Firmennamen genannt, die wir nicht als unmittelbare Wettbewerber ansehen ...

mm: ... korrigieren Sie uns.

Pfeifer: Wir sprechen von so genannten echten Uhrenmanufakturen nur dann, wenn jedes Uhrwerk selbst erdacht, die Komponente im eigenen Werk in höchster Fertigungstiefe hergestellt wird. Echte Manufakturen sind nur solche, die am Uhrwerk außer Lagersteinen, Aufzugsfedern und Hemmung alles selbst fertigen. Davon gibt es derzeit nicht mehr als fünf oder sechs auf der Welt. In dieser Liga spielen wir. Die Philosophie dahinter: Wir wollen alles in der Hand behalten, weil wir glauben, nur so den Qualitätsstandard hundertprozentig einzuhalten und zugleich ein authentisches Produkt zu liefern.

mm: Feine Mechanik mit sorgsam dekorierten Rädern, Brücken und Trieben, wunderbar. Wie müsste ein sozusagen perfekter Chronometer beschaffen sein?

Pfeifer: Auch wenn Sie diese Frage sehr gegenständlich meinen, werde ich sie sehr ungegenständlich beantworten. Schauen Sie: Eine Uhr um 10.000 oder 20.000 Euro braucht kein Mensch wirklich. Das ist für die reine Zeitinformation nicht notwendig. Trotzdem wollen viele ein solches Spielzeug haben, weil das Produkt emotional ungeheuer aufgeladen ist.

mm: Ihr Geschäft sind also weniger mechanische Instrumente als vielmehr Gefühle?

Pfeifer: Die genaue Zeit können wir doch an jeder Straßenecke kostenlos ablesen, da müssen wir gar keine Uhr tragen. Es geht lediglich um Emotion. Ein Beispiel: Sie gehen früh morgens aus dem Haus, und Ihre Aktentasche ist mit Thermoskanne, Butterbrot und Unterlagen gefüllt. So gehen Sie über die Straße und denken sich gar nichts dabei. Ich packe Ihnen aber fünf Millionen Bargeld in die Tasche, und plötzlich glauben Sie, dass jeder Sie beobachtet, dass Sie im Mittelpunkt allen Geschehens stehen. Genau dieses Gefühl versuchen wir mit der Uhr zu erreichen. Der Träger fühlt sich hervorgehoben.

mm: Geadelt durch Exklusivität?

Pfeifer: Ja! Das ist vor allem Psychologie. Aber hier müssen wir ganz scharf differenzieren: Es gibt viele Marken, die sehr populär sind, aber nicht exklusiv.

mm: ... wie etwa der Marktführer Rolex.

Pfeifer: Es gibt halt Marken, die stellen im Jahr eine Million Uhren her - was ist daran exklusiv? Das ist populär und schafft Bekanntheit, exklusiv ist so etwas nicht. Wertvoll und teuer sind auch so Begriffe. Teure Uhren gibt es viele, wertvolle aber nur ein paar wenige. Das wertvolle Produkt muss ehrlich sein. Es muss seine Funktion dauerhaft bewahren. Und es darf nicht nur ein Modeartikel sein, ein Schmuckstück.

Der ästhetische Wert

mm: Ihre Uhren kommen in eher konservativen Formen daher. Wie hoch veranschlagen Sie den ästhetischen Wert einer Uhr, welche Rolle spielt das Design?

Pfeifer: Je billiger die Uhr, desto dominanter wird die Frage nach der Form. Im Bereich der kleinen Preise geht es um Accessoires mit Zeitanzeige. Grundsätzlich aber gilt: Eine Uhr muss vernünftig ablesbar sein - mit allen Einschränkungen, die wir einem Schönheitsideal opfern. Ein anderer Punkt ist die Verwendung von Edelmetall. Das lebt von seinem spezifischen Gewicht. Ich kann mit leichten Uhren nichts anfangen, auch wieder typisch deutsch, andere denken da ganz anders. Und drittens: Ich muss sie gern am Arm tragen wollen. Sodass ich sagen kann, ich spüre sie zwar, aber sie behindert mich nicht. Diese drei Bereiche: Ablesbarkeit, Material und Tragekomfort dominieren den ästhetischen Wert.

mm: Ihre teuerste Uhr, der "Julius Assmann Tourbillon" von 1995, aufgelegt in 25 Exemplaren, kostete rund 150.000 Euro. Wie kommt ein solcher Preis zu Stande?

Pfeifer: Auf diese Uhr entfallen ungefähr 600, 700 Arbeitsstunden. Die Entwicklungskosten gar nicht gerechnet, also reine Produktionszeit. Wir haben Zahnflanken poliert, jedes Zahnrad, jeden einzelnen Zahn. Wir wollten ultimative Handwerkskunst.

mm: Woran liegt es, dass Uhren aus Manufakturen zu Statussymbolen für Manager avanciert sind, obwohl sie die Zeit nicht exakter messen und mitunter formal etwas anders sind?

Pfeifer: Ein Computer ist heute ein derart komplexes System, dass ihn 99,9 Prozent der Menschen nicht verstehen. Eine Uhr ist vergleichsweise verständlich. Manager, die sich ständig in hochkomplexen Strukturen bewegen, sehnen sich nach einer Berghütte, nach einem einfachen Urlaub. Wir leben in einer Zeit, die uns Übermenschliches abfordert und eine tiefe Sehnsucht nach Verständlichkeit weckt. Und eine mechanische Uhr zeigt, dass der Mensch eine innere Freiheit erreicht hat, in der er bewusst auf Hightech-Perfektion verzichten kann.

Der Mannesschmuck

mm: Die Faszination an der mechanischen Armbanduhr ist stetig gewachsen. Wieso?

Pfeifer: Dafür gibt es fünf Gründe. Der erste: Die Uhr, von der wir reden, ist der einzig legitime Schmuck des Mannes. Der zweite: Sie ist eines der ganz wenigen Industrieprodukte, die ihren Wert erhalten oder gar steigern können, wenn sie älter werden. Der dritte: Sie ist ein Kunstwerk, das eine reale Funktion erfüllt. Der vierte: Wohlstand lässt sich nicht diskreter verpacken als in Form einer Uhr. Und der fünfte Grund: Der Mensch trägt kein Industrieprodukt so intim und so lange Zeit am Körper wie die Uhr.

mm: Trotz bester Aussichten haben Sie die Geschäftsanteile vor einem guten Jahr verkauft, ausgerechnet an die Swatch-Gruppe von Nicolas Hayek, eher berühmt für modische Billiguhren. Warum diese Wende?

Pfeifer: Wer sich die Uhrenwelt genau anschaut, wird sehen, dass sie längst nicht so unschuldig ist, wie es scheint. Die Konzentrationsprozesse, insbesondere im Zulieferbereich, sind elementar rau. Als kleiner Hersteller haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder sind wir unbedeutend, dann können wir durchaus mit diesen Abhängigkeiten leben. Oder wir haben Marktbedeutung, dann geraten wir automatisch ins Target der Großen ...

mm: ... in Ihrem Fall in das von Nicolas Hayek.

Pfeifer: Wir mussten uns für eine strategische Allianz entscheiden. Im Bereich der Luxuskonzerne gibt es nur einen einzigen, dessen Kerngeschäft allein "Uhren" lautet und sonst gar nichts - die Swatch-Gruppe AG.

mm: Die gegenwärtige Konjunkturkrise, heißt es, habe dem Hochpreissegment im Luxusmarkt nichts anhaben können. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Pfeifer: Im Prinzip ja. Fakt ist, dass die wirklich reichen Menschen von allen konjunkturellen und wirtschaftlichen Einflüssen relativ unbeeindruckt agieren. Wer 50 Millionen auf dem Konto hat, trifft seine Kaufentscheidungen nicht danach, ob jetzt die Konjunktur lahmt oder der Ölpreis steigt.

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