Porträt Mann von Geld

Keiner personalisiert die Finanzdienstleisterbranche so gut wie der AWD-Chef. Mit ihren Erfolgen und Unsicherheiten, ihrem Ringen um Seriosität.
Von Sibylle Zehle

In der Finanzdienstleisterbranche kann man sich großartig profilieren - vor allem als Journalist. Nehmen wir als Beispiel den Allgemeinen Wirtschaftsdienst (AWD). Wir suchen uns ein schwarzes Schaf aus der Herde der 2900 Berater (einen mäßig informierten mit schlechten Manieren findet man immer), einen Verbraucherschützer (einen, der das Risiko von Anlagegeschäften beklagt, muss man nicht lange suchen) und garnieren dies mit Erzählungen aus jenen dunklen Tagen, in denen Drückerkolonnen zwischen Tür und Angel Lebensversicherungen verkloppten.

Schon hat man einen dieser schön kritischen Artikel beisammen, die nur einen Nachteil haben: Bei gründlicher Recherche fallen die meisten dieser Gruselgeschichten in sich zusammen.

Der ehemalige Strukturvertrieb AWD  ist heute ein ordentlich geführtes Beratungsunternehmen. Doch die Branche ist jung. Zwischen den ruppigen Goldgräberzeiten und der jetzigen soliden Verfassung liegen nicht einmal fünf Jahre. Und keiner personalisiert diese Branche so gut wie Carsten Maschmeyer (42). Mit ihrer stupenden Aufbauleistung, mit ihren Unsicherheiten und Übertreibungen, mit ihrem Ringen um Seriosität.

Wir sitzen in dem geleasten Glaspalast des AWD-Konzerns in Hannover. Carsten Maschmeyer - er gilt als Motivationsgenie - stimmt neue Mitarbeiter ein. Aber da steht kein Einpeitscher. Kein Guru. Maschmeyers Geheimnis ist der Stallgeruch des Verkäufers, den er noch immer verströmt. Mit seinem Vortrag findet er genau die richtige Balance zwischen Handelsvertreter und Topmanager. Groß gewachsen, gerade Haltung - für die Zuhörer ein Mann von Welt. Und genau dahin wollen die künftigen Finanzwirte. Maschmeyer steht für ihren Traum von Reichtum und Erfolg.

Die Haare liegen sorgfältig über den Ohren, der Schnurrbart ist akkurat gestutzt. Zur getüpfelten Seidenkrawatte trägt er - vernichtender Stilfehler - ein Einstecktuch im gleichen Tüpfelmuster. Kein Hauch von Selbstverständlichkeit, kein Funken Lässigkeit - man spürt förmlich das Bemühen um Perfektion: ein Wolfgang Reitzle für Arme.

Maschmeyers Vortrag hat etwas von dem eindringlichen Singsang, der Jahrmarktverkäufern eigen ist, die Allzweck-Gemüseschneidemesser anbieten. Er biedert sich an, macht Witze auf schlichtem Niveau. Macht sie hungrig auf den großen Kuchen. 128 Milliarden Euro würden allein in Deutschland pro Jahr gespart. Die vielen Erben. Immer mehr Alte. "Freuen Sie sich auf diese Zielgruppe."

Der Glaspalast verstärkt den Eindruck von neuem Geld. Die Konsequenz, mit der die Firmenfarben Blau und Türkis auf Teppiche, Theken, Polster, Schränke und sogar Schreibtische übertragen wurden, einschließlich stilisierter Vogelschwingen, verstört den unvorbereiteten Besucher.

"Aus dir wird nie was!"

Doch bei näherem Kennenlernen trägt das Bild des gnadenlosen Aufsteigers nicht. Für Mitarbeiter gibt es im selben Glaspalast ein Mitarbeiterrestaurant auf Mövenpick-Niveau, aber zu Kantinenpreisen. Angestellte dürfen tagsüber Sport treiben: im firmeneigenen Fitnesscenter.

Carsten Maschmeyer kommt eher scheu daher -­ nicht vor Wichtigkeit dröhnend wie ein Kajo Neukirchen. Im Restaurant ist er höflich und gewandt, beweist Kennerschaft, ein angenehmer Gastgeber. Gesprächspartner, die auf gleicher Augenhöhe mit ihm umgehen - ob Anwalt, Aufsichtsrat oder Unternehmensberater -, betonen seine Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, die Fähigkeit zuzuhören, seinen Wissensdurst. "Er ist offen für jeden Rat", sagt der stellvertretende AWD-Aufsichtsratschef Bernhard Servatius (Springer AG). "Und er lernt extrem schnell."

Journalisten gegenüber gibt er sich zunächst zurückhaltend, fast gehemmt. Redet für sein Alter viel zu bedächtig. Als wolle er keinen Fehler machen, dürfe ihm nichts herausrutschen, müsse er etwas verbergen. Da ist nichts von dem verschmitzten Stolz, dem humorvollen Selbstverständnis, mit dem zum Beispiel ein Ex-Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl erklärt: Ich bin der Junge aus der Bronx.

Carsten Maschmeyer wächst auf als Schlüsselkind. Die Mutter, Sekretärin im Hildesheimer Schulamt, ist mit der Erziehung überfordert, sie ist überfürsorglich. Lass das! Aus dir wird nie was! Du kannst nichts! Du wirst nichts!

Das Kind will brav sein. Wäscht den Salat, um die Mutter zu überraschen, mit kochend heißem Wasser. Kannst du denn gar nichts richtig machen? Bei fehlerhaften Hausaufgaben wird der Bub vom Sportplatz gerufen - vor allen Spielkameraden.

Wie siehst du denn wieder aus? Deine Schuhe, dieser Dreck! "Negative Motivation" nennt der Sohn das heute.

So viel Trotz. Vom Stiefvater setzt es Ohrfeigen. Ein Ingenieur, kopfgesteuert, der dem Jungen keine Wärme gibt. So viel Wut. Er läuft dem Druck davon, läuft um sein Leben. Gewinnt Jugendmeisterschaften als Mittel- und Langstreckenläufer. Sport wird sein Ventil.

Alles Selbstwertgefühl habe sich außerhalb der Familie entwickelt. Er wird Schulsprecher. Erwirbt beim Sport Qualitäten, die später auch seinen Aufstieg vom Klinkenputzer zum mittelständischen Unternehmer begünstigen werden: Ausdauer, Fleiß, Disziplin. Lass die Finger von Koffein und Nikotin, sagt sein Trainer. Kaffee trinkt er bis heute nicht. Und er entdeckt: Leistung macht zufrieden.

Mit 16 Jahren wird er aufs Jugendamt zitiert. Ganz offiziell wird ihm mitgeteilt, dass sein eigentlicher Vater im Raum Essen lebt. Er ist das Ergebnis eines Seitensprungs. Aber da lebt er längst sein eigenes Leben.

Sein Schicksal wendet sich im Urlaub, auf der Insel Djerba. Ein älterer Herr spricht den jungen Mann am Pool an. Er hält ihn für ein Verkaufstalent. So einer wie Sie könnte viel Geld verdienen.

Das ist untertrieben. Mit 24 Jahren ist Carsten Maschmeyer Landesdirektor bei der OVB, einer der Großen im Geschäft mit Finanzprodukten. Er gebietet über rund tausend Mitarbeiter, in manchen Monaten verdient er über 250.000 Euro. Das Medizinstudium in Hannover hat er nach ein paar Semestern abgebrochen.

Die Gier nach Geld

Als er Bettina, seiner heutigen Ehefrau, zum ersten Mal begegnet, ist er geschmückt wie ein Christbaum, kompensiert seine Unsicherheit mit Schnickschnack: Kettchen um den Hals, Cartier-Ring am Finger, Goldecke mit Brilli am Hemdkragen. Zum Bezahlen zieht er Tausender aus der Tasche. "Da lief zunächst gar nichts", meint er rückblickend, "Bettina war ich nicht geheuer."

Maschmeyer, der Starverkäufer. "Ich habe das gelebt, das war in mir drin." Er hatte gelernt, Kunden zu keilen und Mitarbeiter zu pflücken. Wie das in Strukturvertrieben üblich ist.

Die leben von der Expansion nach der IOS-Methode. Von der mit gewaltigem Knall zusammengekrachten Investors Overseas Services haben sie alle ihr Handwerk gelernt. Nach diesem Muster darf jede Führungskraft eine eigene "Struktur" aufbauen, wo immer es der Markt erlaubt. Unten schleppen Einsteiger und Nebenerwerbsvertreter die Kunden an. Oben verdienen die Führungskräfte an den Provisionen der Drückerkolonnen mit. Die Methode - hohe Verkaufsaggressivität, kaum Kompetenz - taugt heute nicht einmal mehr für Tupperware.

Die Gier nach Geld - sie habe Maschmeyer von Erfolg zu Erfolg getrieben. Das scheint aber, als alleinige Motivation, zu simpel. Wer nur Dollarzeichen in den Augen hat, ist langfristig nicht so erfolgreich. Der Menschenfänger liebt die Harmonie. "Ich ging einfach auf die Leute zu. Und versuchte, ihnen wirkliche Vorteile zu vermitteln, nicht nur irgendwelche Verträge."

Und wie erklärt er selbst seinen rasanten Aufstieg? Seine Ausdauer sei es gewesen. "Ich geb' nicht auf." Die Zähigkeit des Langstreckenläufers.

Dazu kommt eine Nase für Trends. Schon bei der OVB träumte er von besserer Beratung und Unabhängigkeit: "Wir müssen uns öffnen, das ist der Markttrend." Aber dem jungen Mann hört keiner zu. Die OVB wird verkauft, gehört plötzlich dem Deutschen Ring. Nun seien Sie mal ruhig. Verdienen Sie nicht genug? Da schmeißt er hin, kriegt eine millionenschwere Abfindung.

Noch heute hält er das Konzept der reinen Unabhängigkeit für den Hauptgrund seines wirtschaftlichen Erfolgs: nicht festgelegt zu sein auf hauseigene Produkte, dem Kunden die ganze Auswahl von Herstellern und Anlagevarianten bieten zu können ­- ohne Interessenkonflikte.

"Eigentlich wollte ich gar nicht wieder, hatte die Nase voll." Er ist dann doch wieder eingestiegen. Um der OVB zu beweisen, dass es auf seinem Weg besser geht.

Vieles hat sich inzwischen in seiner Branche geändert. "Strukki" will heute keiner mehr sein. Man ist Finanzoptimierer, bietet Mandanten maßgeschneiderte Lösungen. Die ehemaligen Drücker haben sich fein gemacht ­- für die Börse.

Die Branche trägt heute ihre "Ausbildungsoffensive" vor sich her, überschüttet einen so mit Informationsmaterialien, dass man zum Beispiel beim AWD den Eindruck gewinnt, man habe sich in eine Außenstelle der Volkshochschule verirrt. Unterm Strich bleibt die simple Erkenntnis, dass ein Unternehmen wie der AWD-Konzern sich mangelhaft geschulte Leute gar nicht mehr leisten kann.

Die anonyme Werbeanzeige

Die Vergangenheit ist ein zäher Verfolger. Noch heute ginge Carsten Maschmeyer optisch auch als Boss einer Disko-Kette durch. Mensch, Maschi, sagen sogar Freunde, lass das doch mit der Dauerwelle. Dabei hat er sogar schon versucht, die Naturkrause rauszuföhnen. Er will es doch recht machen. Spielt den seriösen Unternehmer, obwohl er längst einer ist.

Die Medien misstrauen "Deutschlands jüngstem Milliardär" ("Bild"). Vielleicht sollte man auf dessen Frau schauen. Sie ist in Nigeria aufgewachsen, ihr Vater war dort Kinderarzt. Und die AWD-Stiftung Kinderhilfe kümmert sich intensiv um die chirurgische Rehabilitation von so genannten Noma-Kindern in Westafrika.

Noma ist eine Mangelerkrankung, eine durch Bakterien ausgelöste Entzündung, bei der am Ende das Gesicht grotesk zerfressen ist. Betroffene Kinder können nicht mehr essen oder normal sprechen. Ohne die Maschmeyers gäbe es das Noma-Krankenhaus in Sokoto nicht. 15 Ärzteteams haben dort schon über 800 Kindern eine menschenwürdige Existenz zurückgegeben.

Das größte mediale Desaster war eine Anzeige für Gerhard Schröder - einen Tag vor der Landtagswahl in Niedersachsen. Schröder brauchte 1998 einen hohen Wahlsieg, um Kanzlerkandidat der SPD zu werden. Mit Jean-Remy von Matt und Holger Jung hat er den Coup beim Italiener ausgetüftelt. Könnte man die Niedersachsen nicht an ihrem Stolz packen? So nach dem Motto: Der nächste Kanzler muss aus Niedersachsen sein. Dann sind wir den Oskar Lafontaine los.

Die anonyme Werbeanzeige schlug ein wie eine Bombe. Als sich Maschmeyer später als Auftraggeber outete, geriet er in den Verdacht, er wolle die künftige Gesetzgebung im Sinne seines Unternehmens beeinflussen. Warum sollte einer sonst 650.000 Mark ausgeben? Schröder gab sich geniert.

Vorurteile halten sich hartnäckig. Man muss das Geschäft mit Fonds und Versicherungen nicht lieben. Aber im Prinzip machen Finanzdienstleister wie MLP oder der AWD inzwischen nichts anderes als Bankangestellte. Mal sind sie schlechter, mal sind sie besser. Financial Planning für Lieschen Müller. Wer kümmert sich um Kleinverdiener? Ein knallhartes Geschäft, wohl wahr. Aber ein Stück Lebenshilfe ist auch dabei.

Durch die Schröder-Anzeige hat Maschmeyer gelernt: "Als Privatperson gibt es mich nicht mehr." Ausrutscher mag er sich nicht mehr leisten. Heute stehe über allem die Frage: Passt es zur Verantwortung als Vorstandsvorsitzender und Hauptaktionär? Was sagen die Analysten? Die über 100.000 Aktionäre?

Der wichtigste Abschluss

Im Wirtschaftsleben gibt es gegenüber Maschmeyer und seinem AWD längst keine Berührungsängste mehr. Die feinsten Häuser der Welt haben ihn vorm Börsengang umworben. "Klinkenputzen bei AWD" stand im Juli 2000 triumphierend in einem internen Rundschreiben des Unternehmens. Konsortialführer waren dann Deutsche Bank und Morgan Stanley. Das ist Balsam auf alte Wunden.

Der Teich wird nicht größer. Es herrscht ein harter Verdrängungswettbewerb. Neid und Missgunst gehören zum Alltag. Wann wird er verkaufen? Gemütlich kann es sich Maschmeyer schon lange machen.

Wie immer, wenn es um Lebensplanung geht, zitiert er seine Frau ("Der wichtigste Abschluss in meinem Leben"). Die habe nach der Einschulung der Kinder gesagt: Jetzt beginnt das bürgerliche Leben. Diktiert von Kinder-in-die-Schule-bringen und Urlaub in den Schulferien. "Daran halten wir uns. Das ist unser Plan, und der läuft noch etwa zehn Jahre."

Seit 17 Jahren lebt die Familie im Stadtwald von Hannover. Kreuzt im Sommer mit dem Schiff im Mittelmeer. Bettina hält ihn am Boden. "Sie hat mir beigebracht, dass man nur in einem Bett schlafen, nur ein Auto fahren kann."

Ist da noch Hunger nach Erfolg? Bei der Gründung des AWD hat es in ihm gebrannt. Dazu steht er, da wollte er nur eines: die OVB überholen. "An dem Tag, dachte ich, bebt die Erde." Aber als es vor ungefähr sechs Jahren so weit war, hat nichts gebebt. Er fühlte gar nichts. Der heute 42-Jährige hatte längst ein anderes Ziel: Er will Europas größter unabhängiger Finanzdienstleister werden. Die Kriegskasse ist nach dem Börsengang mit einer halben Milliarde Euro gut gefüllt. "Wir sind erst in vier Ländern. Das bauen wir zu Ende."

AWD: Anfänge, Aufstieg, Ausblick


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