Electricité de France Schlaue graue Eminenz

Wie Gerhard Goll die deutsche EDF-Beteiligung EnBW regiert

Schleppend der Schritt, die Krawattenspitze im Hosenbund versteckt; bei Abendveranstaltungen schlurft er schon mal gegen halb neun müde aus dem Saal. Nichts scheint der Mann mehr herbeizusehnen als das Retiro.

Alles Masche, sagen die, die Gerhard Goll (59) näher kennen.

Der Chef des baden-württembergischen Stromkonzerns EnBW spiele nur die Rolle des harmlosen Sonderlings - und werde von seinen Gegnern prompt unterschätzt.

Dabei hat Goll oft bewiesen, dass er zubeißen kann. Gegen Greenpeace erstattete er Strafanzeige wegen Beleidigung, als die Umweltschützer mit bissigen Parolen die Schlampereien bei EnBW-Kernkraftwerken brandmarkten. Mit seinem Ruf nach einem Regulierer für den wettbewerbsschwachen deutschen Energiemarkt provoziert er die Branchenführer Eon und RWE. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller hielt er vor, potemkinsche Dörfer zu errichten; Müller hatte dem französischen EnBW-Aktionär EDF mittelbar mit Importbeschränkungen gedroht, weil die Franzosen ihren Heimatmarkt verbarrikadieren würden.

Goll regiert seine Firma mit einem Küchenkabinett. Kurt Lillich gehört dazu; der Ex-CDU-Kommunalpolitiker pflegt den Kontakt zur EDF. Auch Golls früherer Assistent Michael Zerr sitzt im Machtzentrum; er führt die Billigstromtochter Yello.

Der knorrige Jurist Goll wurzelt tief in der Landespolitik, war unter anderem Staatsrat im Kabinett des CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel. Zeitverschwendung ist dem EnBW-Chef ein Gräuel. Einen Kleinbus hat er zu einer mobilen Schaltzentrale umrüsten lassen, um Autofahrten etwa zwischen dem EnBW-Sitz Karlsruhe und der Landeshauptstadt Stuttgart für Konferenzen nutzen zu können.

EDF - ganz liberté, ganz fraternité - lässt Goll gewähren. Wettbewerber haben ihm indes den frankofonen Titel "Gerhard de Goll" verliehen; EnBW gilt ihnen als "EDF-Ableger".

Nicht ohne Grund. EDF hält 34,5 Prozent des Kapitals; eine Vereinbarung mit den oberschwäbischen Landkreisen garantiert dem Konzern aber die industrielle Führerschaft. Ein "comitée stratégique" aus EDF- und EnBW-Leuten legt die Langfriststrategie fest; den Job des EnBW-Vertriebsvorstands hat der EDF-Mann Pierre Lederer inne.

Mon dieu, es gibt neuerdings einiges zu parlieren. Etwa über Yello.

Lange betrachteten die Franzosen den Preisbrecher mit wissenschaftlichem Interesse: Was ihnen drohen könnte, wenn einmal französische Haushalte ihren Stromanbieter frei wählen dürfen. Ein teures Experiment: Im Jahr 2001 dürfte Yello rund 250 Millionen Euro Verlust zusammengestromert haben, so viel wie schon im Jahr davor.

Nicht nur Yello reißt Löcher in die EnBW-Bilanz: Der monatelange Stillstand des Skandalkraftwerks Philippsburg II kostet wohl alles in allem weitere 40 Millionen Euro.

Da wird die geplante Aktienemission zum Hasardspiel. Im Mai dieses Jahres sollten 25 Prozent des EnBW-Kapitals aus kommunalem Besitz an der Börse gestreut werden. Bis Februar will Goll entscheiden, ob es bei den Plänen bleibt.

Geklärt werden muss bald auch eine nicht minder brisante Frage: Wer ersetzt Goll, wenn dessen Vertrag Ende 2003 ausläuft?

Vielleicht hängt der schwäbische Patron auch noch ein paar Jahre dran. Nach Ruhestand ist ihm, allem schläfrigen Schein zum Trotz, bisher jedenfalls nicht zu Mute.

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