Verdeckte Recherche Wie alt bin ich wirklich?

mm-Redakteur Michael O. R. Kröher ließ sich inkognito untersuchen. Die teure Anti-Aging-Medizin brachte keine neuen Erkenntnisse.

Das Lästigste an der Anti-Aging-Medizin: Sie kostet Lebenszeit. Wer, wie ich, wissen will, ob er auch aus ärztlicher Sicht so alt ist, wie er sich fühlt, muss knapp ein Vierteljahr auf das Ergebnis warten. Allein sechs Wochen dauert es bis zum Termin für die Eingangsuntersuchung.

Die findet in einer videogesicherten Großstadtpraxis statt. Die Atmosphäre auf der dunkel getäfelten Etage des Patrizierhauses macht sofort klar: Hier geht es nicht um Altersmedizin mit künstlichen Gebissen und Hüftgelenken. Hier geht es um Luxus als Lebensgefühl.

Niemand in der Praxis weiß, dass ich als Journalist recherchiere. Ich habe mich, um jede Vorzugsbehandlung auszuschließen, vorgestellt als Manager von wahrheitsgemäß 45 Jahren, den die gleichen Sorgen und Ängste des Älterwerdens plagen wie die meisten seiner Altersgruppe. Der aber gern wissen möchte, ob er etwas gegen diesen Prozess tun könnte.

Das Eingangsgespräch beschränkt sich auf einen weitschweifigen Monolog des Arztes über Ernährung und Molekularbiologie, Stoffwechsel und Pharmakologie. Die meisten darin vertretenen Thesen ("... plötzliche Blutzucker-Spitzenwerte, wie sie etwa nach dem Verzehr von Keksen und anderen Stress-Snacks auftreten, verkleistern Adern und Zellen wie klebrige Zuckerwatte ...") beleidigen den gesunden Menschenverstand: Selbst ein Diabetiker im Koma hat im Blut nur milligrammweise Traubenzucker gelöst. Der lässt sich, anders als Kristallzucker, nicht mal in Reinform zu Watte spinnen.

Wenigstens motivieren solche Horrormärchen für das nun folgende Diagnostikprogramm: Herr Doktor horcht die Lunge und klopft die Reflexe ab, misst mit Ultraschall den Durchmesser der Prostata. Eine Assistentin zapft Blut ab: Über zwei Dutzend Röhrchen, mehr als ein Viertelliter des roten Lebenssaftes, wandern ins Labor - viel Blut für viele Hormonwerte.

Dann folgen Krafttests an Feder-Messgeräten, simuliertes Treppensteigen an einem Bänkchen, wie viele Sit-ups schaffe ich in einer Minute? Schließlich ein Belastungs-EKG auf dem Fahrrad inklusive Milchsäuremessung aus weiteren Blutstropfen.

Danach Knochendichte- und Körperfettmessung. Ein Röntgen-Scanner fährt über mich hinweg, während ich auf einer harten Liege verharre.

Zuletzt geht es in die ehemalige Besenkammer. Dort steht ein PC für Seh- und Hörtests, Geschicklichkeits- und Gedächtnisprüfungen.

In dem winzigen Stübchen komme ich ins Schwitzen. Ist es denn normal für mein Alter, dass ich die Computertasten beim Koordinationstest so oft verfehle? Hätte ich sie vor 20 Jahren nicht viel öfter getroffen? Der PC schweigt sich aus. Nur der Doktor darf die Ergebnisse auswerten.

Allerdings muss ich auch einmal herzlich lachen: Ausgerechnet bei der Gedächtnisprüfung - ich soll mir eine immer länger werdende Zahlenreihe merken - klingelt mein Handy. Ich habe, wie so oft, vergessen es auszustellen. Und obwohl ich den Anruf nicht entgegennehme, ist die Konzentration futsch. Ich scheitere mit nur 9 richtig erinnerten Zahlen.

Hätte ich ohne Handy 12 geschafft? 14 vielleicht? Ich werde es so bald nicht herausbekommen.

Auch die Anti-Aging-Medizin hat nach der gut dreistündigen Untersuchung keine wirklich neuen Erkenntnisse über meinen Zustand gewonnen. Organisch bin ich gesund, erfahre ich beim Auswertungstelefonat weitere sechs Wochen später. Die Hormonwerte sind, wie meine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, in etwa altersentsprechend.

Wenn ich an diesem Zustand etwas ändern wolle, dann solle ich mich um einen erneuten Termin bemühen, rät mir der Doktor.

Das werde ich nicht tun. Immerhin kosten schon die genannten Untersuchungen gut 1300 Euro. Und für eventuelle Doping-Experimente fühle ich mich definitiv zu alt.

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