Anti-Aging Fortan fett- und faltenfrei

Die neue Medizin-Mode verspricht ewige Jugend. Sie empfiehlt eine gesunde Lebensführung durch sorgsame Ernährung, mehr Bewegung und ähnlich bewährte Methoden. Sie setzt aber auch Dopingmittel wie das männliche Sexualhormon ein. Mit welchem Effekt - und welchen Risiken?

Jenseits des 40. Lebensjahres lässt sich nichts mehr beschönigen: Die Probleme, die sich den meisten Männern beim kritischen Blick in den Spiegel auftun, versammeln sich in der Körpermitte. Über den Hüften sitzen links und rechts Polster, im Amerikanischen liebevoll als "love handles" tituliert (etwa: Liebesgriffe). Vorn wölbt sich ein Gebilde, je nach Berufsstand Sitz-, Spitz- oder Bierbauch genannt.

Wen's am Bauch nicht trifft, bei dem zeichnen sich im Gesicht zunehmend Furchen ab. An Kinn und Hals hängen Hautpartien schlaff herab.

Unterhalb der Gürtellinie herrscht zwar noch lange keine tote Hose. Aber das diktatorische Regime, mit dem der Unterleib jungen Menschen stunden- oder tagelang das Bewusstsein trübt, ist nicht mehr so maßlos.

All das gibt meist nur Anlass zu Koketterie, nicht zu echter Sorge. Ernsthaft krank ist niemand, der solches an sich beobachtet.

Aber glücklich macht diese Botschaft auch nicht. Denn, Hand aufs Herz: War das Leben früher, vor dem 40. Geburtstag, nicht flotter? Schreitet das "gefühlte Alter" nicht schneller voran als das kalendarische?

Die Heilkunst wäre keine solche, hätte sie auf diese trüben Fragen keine Antworten parat: Die so genannte Anti-Aging-Medizin verspricht den Alterungsprozess zu verlangsamen: durch gezielte Änderungen der Lebensführung, durch verschreibungsfreie oder durch rezeptpflichtige Substanzen, zum Teil auch durch operative Eingriffe.

Sie nimmt ihrer Klientel, die diese Leistungen meist selbst bezahlen muss, die Furcht vor einem Vorgang, der so natürlich ist wie das Atmen. Der dem modernen Zivilisationsmenschen dennoch mehr Angst einflößt als Pest, Cholera und BSE zusammen. Anti-Aging verkauft den Traum von der ewigen Jugend.

Im kalifornischen Palm Springs will Edmund Chein seit 1994 angeblich schon 4000 Alternde erfolgreich behandelt haben.

Hat der Amerikaner mit seinem Angebot so etwas wie eine Altweibermühle gefunden, die auch bei Männern funktioniert? Oder bleibt es dabei, dass der Alterungsprozess, eine Grundlage jeder biologischen Existenz, nicht ohne größere Risiken und Nebenwirkungen beeinflusst werden kann? Ist die Anti-Aging-Medizin ein wirksames Instrument gegen Alterszipperlein - oder ein Schwindel?; siehe "Verdeckte Recherche: mm-Redakteur Michael Kröher ließ sich inkognito untersuchen".

Statistiken sind rar bei einer so jungen Disziplin. Rolf-Dieter Hesch, Hormonspezialist und Anti-Aging-Pionier aus Konstanz, räumt unumwunden ein, sein Programm sei nur "wissenschaftsnah" - und nicht, wie die übrige akademische Medizin, empirisch hinreichend belegt.

Erfolge werden folglich vor allem an der steigenden Nachfrage gemessen. Und am Angebot: Allerorten entstehen Anti-Aging-Kliniken, -Zentren und -Fachpraxen (siehe "Service: Eine Liste der Ärzte und ihrer jüngsten Veröffentlichungen"). Bei über der Hälfte dieser nur oberflächlich angelernten Gynäkologen, Urologen und Orthopäden, schätzt Hormonfacharzt Hesch, "entpuppen sich die Leistungsversprechen jedoch als glatter Betrug".

Die Zahlungsbereitschaft des Publikums ist offenkundig groß: Allein die Eingangsuntersuchung für ein individuelles Anti-Aging-Programm kostet zwischen 700 und 1700 Euro. Hinzu kommen die Kosten für Präparate, bis zu einigen tausend Euro pro Monat, gegebenenfalls ähnliche Honorare für die Schönheitschirurgen.

Die sechs Säulen des Anti-Aging

Die Anti-Aging-Medizin stützt sich auf sechs Säulen. Die ersten drei sind sattsam bekannt aus allen Ratgebern für eine "gesunde Lebensweise":

1. Ernährung: Wenig Fleisch, wenig Fett, wenig Süßes. Dafür viel Obst und Gemüse, viel Vollkorn, viel Magermilchprodukte und regelmäßig mageren Fisch - auf möglichst viele kleine Mahlzeiten verteilt.

Radikalere Protagonisten verordnen strikte Kalorienreduktion. Etwa durch "Dinner Cancelling" - Deutsch: FdH durch möglichst häufig entfallende Abendessen. Deren Kalorien machen angeblich besonders dick.

Der Amerikaner Roy Walford geht noch weiter: Seit über zehn Jahren nimmt er 30 Prozent weniger zu sich, als ein normaler Mensch braucht. Walford ist entsprechend abgemagert, glaubt aber fest daran, dass er durch diese radikale "Stoffwechsel-Kur" 120 Jahre alt wird.

2. Bewegung: Ausdauersportarten wie Joggen, Rad fahren und Schwimmen sollen möglichst regelmäßig, mindestens dreimal pro Woche, für etwa eine halbe Stunde betrieben werden. Als Belastungsgrenze gilt, je nach Trainingszustand, ein Puls von etwa 170 bis 180 Schlägen pro Minute minus Lebensalter. Für einen maßvollen Kraftaufbau reichen herkömmliche Kniebeugen, Liegestütze und so weiter. Hanteln und anderes schweres Gerät werden nicht benötigt.

3. Stressabbau: Vor allem durch regelmäßigen, ungestörten Schlaf in dunklen, möglichst stillen Räumen. Aber auch durch autogenes Training, Joga, Meditation und andere "sanfte" Entspannungsübungen.

Schönheitschirurgie und andere Tricks

Die anderen drei Standbeine der Anti-Aging-Medizin sind umstritten:

4. Schönheitschirurgie: Falten und Fettpolster, die sich von einem bestimmten Alter an nicht mehr einfach "wegjoggen" lassen, werden abgesaugt, fortgelasert oder, wie beim Liften, abgeschnitten. Die Operationen bergen die üblichen Risiken chirurgischer Eingriffe (Infektion, Vereiterung, Narbenbildung und so weiter) und bringen nicht in jedem Fall die erwünschten Effekte von Verschönerung.

5. Nahrungsergänzung: Zusätzlich zur vitaminhaltigen Frischkost empfehlen Anti-Aging-Mediziner Vitaminpräparate, vor allem Vitamin E. Aber auch Mineralstoffe wie Calcium und Magnesium, Spurenelemente wie Eisen, Zink und so exotische Substanzen wie Selen, Chrom und Coenzym Q10. Die sollen, so die Theorie, "freie Radikale fangen". Auf Deutsch heißt das in etwa: reaktionsfreudige, elektrisch geladene Stoffe ("Radikale") neutralisieren und dadurch aggressive chemische Prozesse im Gewebe und in den Zellen verringern.

Spätestens bei diesem Kapitel beginnt die Grauzone. Denn vieles, was die Anti-Aging-Medizin als gesicherte Basis ausgibt, ist nur im Reagenzglas biochemischer Labore, allenfalls an Zellkulturen belegt - nicht in methodisch einwandfreien klinischen Tests an hinreichend großen Kollektiven gesunder Menschen.

Zum Beispiel die Theorie der "Freie-Radikale-Fänger": Klar, "radikale" Sauerstoffatome verwandeln selbst dickste Eisenrohre in Windeseile in Rosthäufchen.

Aber passiert Ähnliches auch in den Blutgefäßen? Und tauchen solche "Radikale" nicht natürlicherweise auch an entscheidenden Stellen des Zellstoffwechsels auf, wo sie sehr nützlich, sogar notwendig sind?

Solange zu all diesen Fragen nicht gesicherte Erkenntnisse vorliegen, ist die Gefahr nicht gering, dass sich der Anti-Aging-Patient mit der Nahrungsergänzung dieser Art selbst schädigt.

6. Hormontherapie oder Hormonersatz: Vor allem der Hormonersatz wird als Anti-Aging-Dauertherapie von den meisten Fachärzten abgelehnt. Friedrich Jockenhövel, Hormonfacharzt an der Kölner Uniklinik, sieht hier eine "Mischung aus Scharlatanerie und Abzockerei".

Hormontherapie und -ersatz fußen auf dem unbestrittenen Fakt, dass die Blutspiegel bestimmter Botenstoffe, etwa der Sexualhormone, aber auch des Wachstumshormons, mit zunehmendem Alter sinken. Konzentriert zugeführte Substanzen, die im Körper biochemisch zum Hormon umgebaut werden - etwa Verbindungen wie das DHEA (Dehydro-Epiandrosteron) -, sollen diesen Rückgang ausgleichen. Pflanzenextrakte, die den natürlichen Abbau der Hormone im Organismus verhindern, können Ähnliches bewirken.

Oder der Arzt gibt vollwertige Hormone. Das funktioniert bei Männern nicht wie bei Frauen über Pillen: Testosteron, das männliche Haupt-Sexualhormon, gelangt vom Darm nur schwer an seine Wirkungsstätten in Muskel- und Knochengewebe, in Hirn und Hoden. So muss es aus rezeptpflichtigen Depotpflastern durch die Haut in die Blutbahn gelangen. Oder es muss gespritzt werden. Wie das Wachstumshormon (Englisch: Growth Hormone, abgekürzt GH, oder Human Growth Hormone, HGH): Das Eiweißmolekül wird im Verdauungstrakt sofort zerlegt und neutralisiert.

Testosteron stärkt die Knochen und die Libido, erhöht die Muskelmasse und mindert den Fettanteil des Körpers. Deshalb - und wegen seiner unter Umständen lebensbedrohlichen Nebenwirkungen - ist das Hormon als Dopingstoff für Leistungssportler verboten.

Ähnlich stark wirkt GH, das normalerweise hauptsächlich während Kindheit und Pubertät für Wachstum und körperliche Reifung sorgt, den Stoffwechsel dafür umstellt, etwa auf Fettabbau. Beim Erwachsenen erhöht es aber daneben auch die Gefahr, dass bösartige Tumore entstehen, etwa Darmkrebs.

Außerdem stimuliert GH bei Erwachsenen ein unnatürliches Wachstum von Kinn, Nase und Ohren, Händen und Füßen. Wird das hoch wirksame Hormon nicht ganz exakt dosiert, sind die Anwender entstellt.

Eine der Hauptsorgen der Anti-Aging-Ärzte ist folglich die Blutwertkontrolle bei jenen Klienten, bei denen sie in das Wechselspiel der Hormone eingreifen. Das ist nicht leicht: Die Labors müssen teilweise Bruchteile von milliardstel Gramm bestimmen; einzelne Messungen können deshalb völlig danebenliegen.

Manche Männer werden förmlich süchtig nach dem täglichen Schuss ihres vermeintlichen Lebensverlängerungselixiers. Viktor Büber, Hormonspezialist aus Berlin, kennt Fälle, bei denen Männer ihren Testosteron-Wert bis auf das 50fache der Norm steigerten. "Lebensgefährliches Doping, ermöglicht von Ärzten, die daran auch noch verdienen", kritisiert der praxiserfahrene Mediziner (siehe "Interview: Facharzt Büber über die Risiken der Hormontherapie").

Bringen Anti-Aging-Programme also mehr Schaden als Nutzen? Praktische Tipps für eine gesündere Lebensführung, für eine Medizin ohne Arzt bergen natürlich keine entscheidenden Nachteile. Aber: "Das Versprechen einer Lebensverlängerung ist im Einzelfall meist völliger Blödsinn, zumindest nicht nachprüfbar", sagt Rolf-Dieter Hesch.

Sinnvoll kann Anti-Aging somit nur sein, wo es nicht auf quantitative, sondern auf qualitative Verbesserungen abzielt. Auf eine Art Konservierungsmedizin: "Unsere Klienten", sagt Edmund Chein, "sollen sich möglichst über die gesamte zweite Lebenshälfte hinweg fühlen, als seien sie 40 Jahre alt."

Das, so viel erlaubt die Erinnerung an das Lebensgefühl in jenem Alter, müsste auch ohne Hormongaben möglich sein.

Verdeckte Recherche: Was mm-Redakteur Kröher erlebte


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