MG Technologies "Ich lass' mich nicht beirren"

Kajo Neukirchen, der Chef von MG Technologies, nimmt Stellung zu Zweifeln am Zahlenwerk des Konzerns und zu einem umstrittenen Detektiveinsatz.

mm:

Herr Neukirchen, MG Technologies hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 2000/2001 zum siebten Mal in Folge das Ergebnis gesteigert. Haben Sie wieder ordentlich Rückstellungen aufgelöst und Firmen verkauft, um den Ergebniszuwachs darstellen zu können?

Neukirchen: Sie sind nicht richtig im Bilde. Unsere Ergebnissteigerung verdanken wir der positiven Entwicklung unserer Teilkonzerne. Dynamit Nobel und GEA haben erneut hervorragend abgeschnitten, Lurgi ist bereits nach einem Jahr wieder in der Gewinnzone, und auch mit den anderen Teilkonzernen können wir zufrieden sein.

mm: Analysten sagen uns, dass etwa ein Drittel des ausgewiesenen Vorsteuerergebnisses von 294 Millionen Euro aus dem Verkauf von Konzernteilen resultieren dürfte.

Neukirchen: Diese Analysten würde ich gern mal kennen lernen. Richtig ist: Wir haben im vergangenen Geschäftsjahr rund 45 Millionen Euro aus Verkäufen und der Aufgabe von Aktivitäten realisiert. Dagegen sind bestimmte Aufwendungen zu rechnen. Daraus ergibt sich ein Saldo von 24 Millionen Euro. Das bedeutet: Wir haben unser nachhaltiges Ergebnis nach US-GAAP sogar um über 11 Prozent gesteigert - trotz Konjunktureinbruch.

mm: Das Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, das Ihr Großaktionär Otto Happel in Auftrag gegeben hat, weckt erhebliche Zweifel am Zahlenwerk.

Neukirchen: Jeder Zweifel ist vollkommen unbegründet. Die gutachterliche Stellungnahme von PwC ist in ihrer Methode, in der Analyse und in den Schlussfolgerungen nachweislich falsch, sie vermischt munter US-GAAP- mit HGB-Regeln. Unsere Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat den Autoren des Papiers deshalb auch "gesundes Halbwissen" bescheinigt.

mm: Machen Sie es sich nicht zu einfach? In der Auseinandersetzung geht es um nicht weniger als Ihre Glaubwürdigkeit.

Neukirchen: Nein, es geht nicht um meine Glaubwürdigkeit, sondern um die Glaubwürdigkeit derjenigen, die solche haltlosen Behauptungen verbreiten.

mm: Waren denn bei PwC nur Dilettanten am Werk?

Neukirchen: Nein, aber laut Unterschrift ein PwC-Mitarbeiter, der meines Wissens gar nicht zuständig ist für Jahresabschlüsse, sondern für Finanzanalysen. Fragen Sie dazu doch die Verantwortlichen bei PwC, wie es dazu kommen konnte.

mm: Auch der Kapitalmarkt zweifelt offenbar an Ihren Erfolgsmeldungen. Die MG-Aktie notiert gegenwärtig bei etwa 10 Euro - ein Drittel niedriger als 1993; damals stand der Konzern unter Ihrem Vorgänger Schimmelbusch vor der Pleite.

Neukirchen: Die Performance des Kurses ist leider nicht so gut wie die Performance des Unternehmens. Das trifft aber auch für fast alle Firmen aus dem Dax und M-Dax zu. Die von Herrn Happel begonnene Auseinandersetzung belastet unseren Kurs zusätzlich.

mm: Der Kurs der MG-Aktie entwickelt sich nicht erst seit der Auseinandersetzung mit Happel schlechter als die übrigen MDax-Werte. Noch einmal: Warum spiegeln sich die Ergebniszahlen nicht im MG-Kurs wider?

Neukirchen: Ohne den Einbruch im Großanlagenbau wäre unser Ergebnisplus noch wesentlich größer ausgefallen. Das hat der Kapitalmarkt offensichtlich erwartet. Im Übrigen: Ein Vorstand kann ein Unternehmen erfolgreich führen, aber keinen Aktienkurs treiben. Der hängt von vielen Unwägbarkeiten ab. Aktien zu kaufen ist letztendlich immer eine Entscheidung der Anleger.

"Nicht jeder, der über den Großanlagenbau redet, versteht etwas davon."

mm: Dazu haben die derzeit offenbar wenig Anlass. In einem aktuellen Analystenbericht taxiert die Deutsche Bank den fairen Wert der Aktie von MG Technologies auf 10 Euro.

Neukirchen: Andere Analysten renommierter Häuser sehen unseren "fair market value" bei 12 bis 14 Euro und darüber.

mm: 1999 wurde der fundamentale Wert der Aktie gut doppelt so hoch angesetzt. Offenbar hat die MG unter Ihrer Führung an Substanz verloren.

Neukirchen: Sie ziehen die falschen Schlussfolgerungen. Wie viele andere Werte hat auch die MG-Aktie unter der allgemeinen Börsenschwäche gelitten. Wenn Sie aber auf den inneren Unternehmenswert schauen, so haben wir den während meiner Amtszeit Jahr für Jahr gesteigert und unsere Ertragskraft permanent verbessert. Zeigen Sie mir ein anderes Unternehmen, das Gleiches vorweisen kann. Ich bin zuversichtlich, dass der Kapitalmarkt die Leistung honorieren wird.

mm: Dem könnten Sie nachhelfen, wenn Sie eine überzeugendere Story präsentieren würden.

Neukirchen: In Deutschland gibt es kaum einen Konzern, der sein Portfolio dermaßen radikal verändert hat wie MG Technologies. Wir haben in fast 90 Prozent unserer Geschäftsfelder führende Marktpositionen, entwickeln neue Technologien, fokussieren uns auf langfristig wachsende Märkte. Das ist doch eine überzeugende Kapitalmarktstory.

mm: Offenbar waren die Erwartungen größer. Sie selbst haben die Begehrlichkeiten geschürt, als Sie 1999 für das unlängst abgelaufene Geschäftsjahr ein Vorsteuerergebnis von einer Milliarde Mark und die Aufnahme von MG Technologies in den Dax 30 in Aussicht gestellt haben. Wer soll Ihnen noch glauben?

Neukirchen: Die Planung war solide. Uns sind die Probleme im Großanlagenbau dazwischengekommen. Ohne die Verluste in diesem Bereich hätten wir unsere Ziele erreicht.

mm: PwC und Herr Happel vermuten, die Verluste im Großanlagenbau seien bereits 1999 absehbar gewesen.

Neukirchen: Nicht jeder, der etwas über Großanlagenbau erzählt, versteht auch etwas davon. Wer sich auskennt, weiß, dass zum Beispiel unvorhersehbare technische Probleme ein ökonomisch gut kalkuliertes Projekt tief in die roten Zahlen rutschen lassen können. Noch einmal: Die Verluste im Großanlagenbau waren nicht absehbar - für niemanden.

mm: Herr Neukirchen, warum haben Sie es im Konflikt mit Herrn Happel überhaupt so weit kommen lassen?

Neukirchen: Ich habe es zu gar nichts kommen lassen. Die Wendung von Herrn Happel kam völlig überraschend. Nachdem er die GEA im April 1999 an uns verkauft hatte, gab es von ihm nur Zustimmung zur MG und ihrer Strategie. Erst als wir ihm im November 2000 mitteilten, dass wir mit Zustimmung des Aufsichtsrats die GEA-Landtechnik nicht zu seinen Konditionen an ihn verkaufen werden, änderte sich seine Einstellung schlagartig.

"Gib nie einem Verkäufer Aktien, wenn du ihn nicht einschätzen kannst."

mm: Sie zeigen sich gegenüber Herrn Happel aber auch ausgesprochen kompromisslos. Sie schließen sogar dessen Vermögensverwalter von Analystenbesprechungen aus. Halten Sie dieses Verhalten für einen Ausdruck zeitgemäßer Corporate Governance?

Neukirchen: Analystenkonferenzen sind für Analysten da so wie Pressekonferenzen für Journalisten, nicht aber für Vermögensverwalter. Das ist eine generelle Regel, von der wir auch bei Herrn Happel keine Ausnahme machen.

mm: Dass ein 10-Prozent-Aktionär vom Management über den Konzern informiert wird, ist doch nichts Unübliches.

Neukirchen: Wir halten keine Informationen zurück. Wir informieren alle unsere Aktionäre in vollem Umfang entsprechend unseren Pflichten.

mm: Bestehen überhaupt noch Chancen, dass der Konflikt zwischen Ihnen und Herrn Happel gütlich beigelegt wird?

Neukirchen: Wir haben den Streit nicht angefangen. Er kann aus unserer Sicht jederzeit beendet werden.

mm: Vermutlich ist Herr Happel dazu nur bereit, wenn Sie zurücktreten. Warum haben Sie sich stattdessen demonstrativ einen neuen Vorstandsvertrag geben lassen?

Neukirchen: Der neue Vertrag war eine Entscheidung des Aufsichtsrats. In dem Gremium war man offensichtlich der Auffassung, damit zu einer stabilen, weiterhin positiven Entwicklung des Unternehmens beizutragen. Im Übrigen: Herr Happels Antrag auf Sonderprüfung richtet sich gegen den gesamten MG-Vorstand und gegen den gesamten Aufsichtsrat des Unternehmens. Und wir werden auch gemeinsam gegen die Unterstellungen vorgehen.

mm: Bis die Sache geklärt ist, können Jahre vergehen. Wie wollen Sie unter diesen Umständen den Konzern voranbringen?

Neukirchen: Ich sehe nicht, dass unsere Arbeit dadurch schwer wiegend beeinträchtigt wird. Man muss konsequent auf Kurs bleiben und darf sich nicht beirren lassen. Denn wir sind auf dem richtigen Weg.

mm: Aussitzen bis zum Jahr 2006 ohne Besserungstendenz?

Neukirchen: Wir sitzen nichts aus, sondern entwickeln das Unternehmen weiter.

mm: Welche Möglichkeiten hat denn das Management in Deutschland, wenn es von einem Großaktionär attackiert wird?

Neukirchen: Der juristische Spielraum ist ziemlich gering. In den USA ist es vermutlich eher möglich, gegen den Aktionär rechtlich vorzugehen. Sie können aber auch hier zu Lande nicht erwarten, dass das Management tatenlos zusieht und überhaupt nichts macht, wenn dem Unternehmen Schaden zugefügt wird. In einer solchen Konfliktsituation sind die Pflicht und das Ermessen des Vorstands gefragt.

mm: Liegt es auch im Ermessen des Vorstands, Detektive gegen einen Großaktionär einzusetzen?

Neukirchen: Eine falsche Behauptung wird durch ständige Wiederholung nicht richtig. MG Technologies hat keine Detektive zur persönlichen Beschattung von Herrn Happel eingesetzt.

mm: Sie haben doch die Firma Control Risks engagiert. Welchen Auftrag haben Sie ihr denn erteilt?

Neukirchen: Das Unternehmen ist eine renommierte Sicherheitsberatungsfirma. Es beschäftigt unter anderem ehemalige Investmentbanker und hat versucht, Hintergrundinformationen aus dem Kapitalmarkt zu erhalten. Die Frage im Vorfeld unserer Hauptversammlung im März 2001 lautete: Was steckt hinter den Aussagen eines einzelnen Großaktionärs, das Unternehmen zerschlagen zu wollen? Der Vorstand war im Interesse aller anderen Aktionäre verpflichtet, das aufzuklären. Unsere Entscheidung war richtig, und wir würden sie auch wieder so fällen.

mm: Hat denn Control Risks eigenmächtig Detektive eingesetzt?

Neukirchen: Das weiß ich nicht. Der Auftrag jedenfalls war eindeutig, und er ist schriftlich fixiert. Daraus geht hervor, dass keine Detektive zu beauftragen sind und eine persönliche Beschattung ausgeschlossen ist.

mm: Herr Neukirchen, welche Lehren ziehen Sie aus den Turbulenzen der vergangenen eineinhalb Jahren für sich?

Neukirchen: Gib nie einem potenziellen Verkäufer Aktien, wenn du ihn nicht genau einschätzen kannst.

Nur Verluste: Warum MG-Aktionär Otto Happel aufbegehrt

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