Interview Vorbild Euro

Nobelpreisträger Mundell sieht die europäische Währungsumstellung als weltweites Modell.

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Mister Mundell, seit drei Jahren ist der Euro die gemeinsame Währung der meisten EU-Staaten, zum Jahreswechsel kommt das neue Bargeld. Wenn Sie Schulnoten vergeben müssten: Welche Bewertung hat das Euroland verdient?

Mundell: Eine glatte Eins.

mm: Unsere Mitbürger sehen das anders. Viele Meinungsumfragen zeigen: Der Euro ist eine höchst unbeliebte Währung.

Mundell: Das hängt sicher mit der Kursschwäche zusammen. Und mit der Ästhetik: Die Gestaltung der Scheine und Münzen ist, so scheint mir, nicht besonders gelungen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass der Euro schon bald Identifikation stiften wird für alle Bürger von Euroland. Sie werden künftig auf ihre gemeinsame harte Währung so stolz sein wie die Amerikaner auf ihre "Green Back Dollars".

mm: Was macht Sie so sicher?

Mundell: Stolz können die Europäer allein deshalb sein, weil ihnen eine weltgeschichtliche Premiere gelungen ist: Noch nie zuvor haben souveräne Nationen freiwillig ihre Währung aufgegeben zu Gunsten einer neuen gemeinsamen. Alle vorausgegangenen Währungsunionen waren erzwungen durch Kriege. Oder durch Zusammenbrüche, wie im Fall der DDR.

mm: Mit Ihrer Zuversicht widersprechen Sie sich selbst. Schließlich ist das Euroland weit von den Kriterien entfernt, die Sie in Ihrer "Theorie der Optimalen Währungsräume" aufgestellt haben: Die Mitgliedstaaten sind immer noch reichlich heterogene Volkswirtschaften.

Mundell: Ich widerspreche mir keineswegs. Auch die USA sind ein heterogener Wirtschaftsraum. Dennoch ist der Dollar seit langem eine sehr erfolgreiche Währung. Der Euro wird sich auf Dauer nicht schlechter stellen.

mm: Warum sind Sie so optimistisch?

Mundell: Die beteiligten Volkswirtschaften sind eng durch Handels- und Kapitalströme verflochten. Grenzüberschreitende Konzerne entstehen. Durch den Beitritt zur Währungsunion haben die Mitgliedstaaten schädliche Wechselkursschwankungen innerhalb Europas eliminiert. In vielen Ländern - in Italien, Spanien, Portugal - sind die Zinsen stark gesunken. Das sind alles sehr positive Entwicklungen. Der Übergang zum Euro klappt doch viel besser als die deutsch-deutsche Währungsunion seit 1990.

mm: Dennoch bezweifeln wir, dass die Währungsunion dauerhaft so gut funktionieren wird, wie Sie prophezeien. In einer ganzen Zahl von Punkten sind die Mitgliedstaaten leider immer noch sehr verschieden.

Mundell: Ich sehe Europa aus nordamerikanischer Perspektive. Von außen betrachtet, ist dieser Kontinent viel homogener, als die Leute hier denken. Im Übrigen: Ihre Vielfalt sollten sich die Europäer bewahren. Wenn die Franzosen gern Rohmilchkäse essen, die Deutschen aber Angst haben vor Krankheitserregern in nicht pasteurisierter Milch - lasst doch beide Länder machen wie sie wollen. Wenn die Engländer und die Iren gern auf der linken Straßenseite Auto fahren - warum nicht? Ein optimaler Währungsraum verlangt keine totale Standardisierung.

Europa als Vorbild für Asien

mm: Ein Kernargument Ihrer Theorie besagt, dass die Arbeitskräfte mobil sein sollten zwischen Ländern, die eine Währungsunion eingehen. Damit ist es in Europa nicht weit her.

Mundell: So weit ich weiß, arbeiten in Deutschland rund zwei Millionen Ausländer; das sind immerhin 7 Prozent der Beschäftigten. Zumindest die waren mobil genug, um nach Deutschland zu gehen.

mm: Kommen wir zur Finanzpolitik. Geben Sie den Regierungen auf diesem Gebiet auch die Note Eins?

Mundell: Eher nicht. (Lacht.) Viele, darunter Belgien, Italien und Deutschland, haben geschummelt, um die Kriterien des Maastricht-Vertrages zu erfüllen.

mm: Kann eine einheitliche Währung funktionieren, die auf Schummelei aufbaut?

Mundell: Natürlich nicht. Wer die Wechselkurse fixiert, wie es die Euro-Staaten getan haben, muss Haushaltsdisziplin üben. Das ist im Übrigen ein großer Vorteil von festen Wechselkursen: Sie disziplinieren die Regierungen. Nur haben das in Europa noch nicht alle verstanden.

mm: Der Stabilitäts- und Wachstumspakt ...

Mundell: ... ist dringend überholungsbedürftig. Die Europäer müssen schleunigst darüber nachdenken, die Überwachung der Finanzpolitik stärker zu zentralisieren. Nicht nur die Mitgliedstaaten müssen sparen: Auch die EU-Hilfszahlungen für ärmere Mitgliedstaaten sollten eingeschränkt werden.

mm: Kann der Euro in der derzeitigen Verfassung Europas gegenüber dem Dollar überhaupt an Wert gewinnen?

Mundell: Viel wichtiger als die Stärke der Währungen sind die Wechselkursschwankungen. Es wäre gut, wenn der Euro-Dollar-Kurs stabiler wäre, als es in der Vergangenheit der Mark-Dollar-Kurs war. Der nahm zwischen 1975 und 1995 Werte an, die 100 Prozent auseinander lagen. Solche Größenordnungen sind grotesk: Beide Länder, die Vereinigten Staaten wie Deutschland, hatten in etwa gleich hohe Inflationsraten. Euroland und die USA sollten sich bemühen, solche Ausschläge künftig zu verhindern.

mm: Wo läge der optimale Euro-Dollar-Kurs?

Mundell: Derzeit sollte ein Euro nicht weniger als 85 US-Cent kosten. Mittelfristig darf er nicht über 1,15 Dollar steigen.

mm: Gibt es andere Wirtschaftsräume, für die der europäische Weg zur Währungsunion Vorbild sein kann?

Mundell: Denken Sie doch mal in Richtung Ferner Osten, also etwa an die Staaten der asiatisch-pazifischen Wirtschaftskooperation Apec.

mm: Diese Region ist doch noch sehr viel weniger homogen als Europa: Was hat Japan mit Papua-Neuguinea gemein, was Brunei mit Chile? Schließlich umfasst die Apec nicht nur asiatische, sondern auch amerikanische Staaten.

Mundell: In einer Pilotphase könnten sich jene drei Länder zusammentun, die ihre Währungen bereits an den Dollar gebunden haben: die Volksrepublik China, Hongkong und Malaysia. Die anderen Staaten könnten nach und nach hinzukommen.

mm: Sie wollen ganz Asien dollarisieren?

Mundell: Nein. Aber zunächst wäre die Dollar-Bindung der einfachste Weg, die Wechselkurse zu stabilisieren. Derzeit scheidet der Yen als Ankerwährung wegen der schlechten Wirtschaftslage in Japan aus. Der chinesische Yuan ist noch nicht konvertibel. Später könnte sich dieser Währungsverbund dann vom Dollar lösen und eigene Institutionen aufbauen, etwa einen asiatischen Währungsfonds.

Ein demokratisch gewählter Kaiser

mm: Ihre Vision einer gemeinsamen Apec-Währung klingt utopisch.

Mundell: Die Betroffenen sehen das anders. Ich habe zum Beispiel mit dem chinesischen Staats- und Parteichef Jiang Zemin beim jüngsten Apec-Gipfel darüber gesprochen. Ebenso mit Mexikos Präsident Vicente Fox. Der will das Thema auf die Tagesordnung des nächsten Apec-Treffens in seinem Land setzen.

mm: Wie lange wird es dauern, bis es eine Apec-Währung gibt?

Mundell: Eine gemeinsame Währung wie der Euro scheint noch hoch gegriffen. Aber planen ließe sich das Projekt binnen eines Jahres. Über die Umsetzungsphase will ich nicht spekulieren.

mm: Am Ende dieser Entwicklung gäbe es weltweit drei Währungsräume: die Euro-, die Dollar- und die Apec-Region.

Mundell: Ja, im Idealfall. Zum Euro-Raum werden mittelfristig natürlich alle osteuropäischen Länder gehören, die der EU beitreten. Also auch Polen, Tschechien, Estland und so weiter. Das große Problem bleibt: Was wird aus Russland?

mm: Eine zweite Schwierigkeit ist der Zeitfaktor. Eine Währung sollte Jahrzehnte, am besten sogar Jahrhunderte Bestand haben. Kann Euroland tatsächlich auf Dauer stabil sein - auch politisch?

Mundell: Ich denke schon. Allerdings vermisse ich Führungsqualitäten in Europas derzeitiger Politszene. Jacques Delors, Präsident der EU-Kommission bis 1995 und politischer Vater der gemeinsamen Währung, war der Letzte, der in ganz Europa sagen konnte, wo es langgeht.

mm: Sie wünschen sich einen machtvollen Präsidenten für ganz Europa?

Mundell: Präsidenten habt ihr doch schon genug. Ich denke an eine Art europäischen Kaiser. Der darf gern demokratisch gewählt werden. Aber er muss die Supermacht Europa machtvoll führen können und dürfen.

mm: Mit einem europäischen Kaiser verschwindet dann auch das generelle Unbehagen, das viele Bürger, Geschäftsleute und Wirtschaftsexperten noch gegenüber dem Euro hegen?

Mundell: Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun. Das Unbehagen gegenüber einer neuen Währung wurzelt eher im Unbewussten als im Politischen.

mm: Wer oder was könnte die Euro-Länder auf ihr neues Geld einstimmen?

Mundell: Das ist eine Titanen-Aufgabe. Mit Einführung der Scheine und Münzen verändert sich das gesamte Wertgefüge. Die Menschen werden jedes Mal auf die Veränderungen gestoßen, wenn sie das neue, leider nicht sehr hübsche Geld in die Hand nehmen.

mm: Also ein sehr langwieriger Prozess?

Mundell: Ja. Es geht um Vertrauen. Und es geht um Gewohnheit. In den USA wurde 1792 der Dollar eingeführt. Viele Kaufleute an der amerikanischen Ostküste, das belegen historische Quellen, rechneten noch 40 Jahre später in der alten Währung Pfund Sterling. Ähnlich lange könnte es dauern, bis der Euro im Unterbewusstsein aller Europäer verankert ist.

Währungsunion: Euroland kommt nicht zur Ruhe


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