Microsoft Ich will alles

Mit einer massiven Produktoffensive plant Bill Gates, die Herrschaft über die digitale Welt zu erobern. Kann der PC-Monopolist jetzt auch noch die Macht über das Internet und die Unternehmenssoftware an sich reißen?

Was kann einer wie Bill Gates eigentlich noch wollen? Mit einem Vermögen von fast 54 Milliarden Dollar ist der Gründer des Softwarekonzerns Microsoft der reichste Mann der Welt. Seine Firma dominiert mit mehr als 95 Prozent Anteil den Markt für PC-Betriebssysteme. Das Quasi-Monopol darf Gates nahezu ungestört von Kartellbedenken der US-Regierung zu seinem Vorteil nutzen.

Ja, selbst das fiese Image des bösen Monopolisten hat sich verflüchtigt. Derzeit gilt der Gigant aus Redmond im Bundesstaat Washington als Hoffnungsträger für die Not leidende Computerindustrie - ein Diktator zwar, aber ein gütiger.

Besser geht es nicht? Von wegen. Auch William H. Gates III hat noch ein Ziel: Er verlangt nach der Weltherrschaft.

Es genügt ihm nicht, dass so gut wie jeder, der irgendwo auf dieser Erde einen PC bedient, mit Microsoft-Produkten arbeitet. Er will die Macht über den Cyberspace. Seine Systeme sollen die Zugänge zum Internet kontrollieren: Wer im Web surft, kommuniziert oder einkauft, wird an den Kassenhäuschen mit dem fröhlich-bunten Microsoft-Logo registriert und abkassiert.

Nicht genug: Auch die Spaßgesellschaft soll sich nach Bills Vorgaben amüsieren. Elektronisch spielen, Videos anschauen, Urlaubsbilder entwickeln, Fußballergebnisse per Handy abrufen - in Zukunft bitte nach Microsoft-Manier.

Und jetzt greift William der Eroberer sogar nach den Unternehmen. Geht es nach ihm, bilden Microsoft-Programme die Basis für die großen Maschinen, die elektronisch die Prozesse in den Firmen steuern.

Die Vernetzung von Unternehmen, die Verbindung zu den Lieferanten, Systeme zur Pflege von Kundenbeziehungen ­ alles soll mit Windows-Technologie laufen.

Werden die Menschen bald nach der Vision des Computergurus leben und "jederzeit, überall und mit jedem Zugangsgerät" (Gates) elektronisch Geschäfte machen, Informationen austauschen, sich vergnügen - auf Microsoft-Art? Was treibt Gates, die ganze Welt mit seiner "erstklassigen Software" beglücken zu wollen?

Geld allein kann es nicht sein. Der schnöde Mammon bedeutet dem Mann mit der großen Kassenbrille offenbar nicht viel. Sein Anwesen in Seattle hat zwar fast 80 Millionen Dollar gekostet. Aber Flugzeuge? Jachten? Fehlanzeige.

Okay, ein paar kuriose Hobbys leistet sich der Uni-Abbrecher. So kaufte er den "Codex Leicester", eine Handschrift Leonardo da Vincis, und verlieh ihn im Rahmen einer Hightech-Ausstellung an die Museen der Welt.

Überhaupt tut Gates gern Gutes. Seine Bill und Melinda Gates-Stiftung verfügt über fast 24 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke.

Bill Gates - der Heilsbringer. Die Microsoft-Produkte bedeuten für ihn mehr als eine brillante Art, unglaublich viel Geld zu verdienen (die Umsatzrendite des 25-Milliarden-Dollar-Konzerns liegt bei 30 Prozent). Der Mann empfindet seine Programme als Wohltat für die Menschheit.

Lasst uns gerecht sein. In gewisser Hinsicht stimmt Gates' Sichtweise. Seine Philosophie vom "Computer auf jedem Tisch" verschaffte der breiten Masse Ende der 80er Jahre Zugang zu der Wunderkiste. Kein Unternehmen hat so vielen Nutzern so viele Funktionen der Rechenmaschinen angeboten wie Microsoft: Artikel schreiben, Budgets kalkulieren, Termine planen.

Gates' Strategie, durchgesetzt mit aggressiver Vermarktung und geschickter Verdrängungstaktik, wurde bestens belohnt ­ mit dem Monopol für PC-Betriebssysteme.

Irgendwann aber muss das Sendungsbewusstsein des guten Menschen von Redmond in eitlen Machthunger umgeschlagen sein; nach dem Motto: Alles funktioniert mit meiner genialen Technik. Seither nutzt Microsoft seine Dominanz gnadenlos aus, um immer weitere Bereiche der digitalen Welt zu erobern.

Für die Expansion stehen dem Konzern Barreserven in Höhe von fast 32 Milliarden Dollar zur Verfügung. In Forschung und Entwicklung kann er jährlich 5 Milliarden Dollar stecken.

Microsoft setzt die gigantischen Finanzmittel im Kampf um neue Märkte nach einer perfekt durchstrukturierten Methode ein. Die Kenntnisse der Konkurrenten analysieren, kopieren, perfektionieren, ins eigene System integrieren und schließlich den Feind atomisieren - seine Meisterschaft im Software-Fünfkampf kann der Monopolist mittlerweile wieder ungehemmt ausspielen.

Zwar haben noch nicht alle US-Bundesstaaten, die erfolgreich gegen die brutale Machtausübung der Gates-Kompanie geklagt hatten, einer Vergleichslösung zugestimmt. Die Zerschlagung des Konzerns steht aber nicht mehr zur Debatte. Wird Gates also jetzt seine Macht weiter ausdehnen? Seine Strategie für die Eroberung der vernetzten Welt jedenfalls steht.

Mit dem Betriebssystem Windows XP, das Microsoft im Oktober präsentierte, beginnt der Feldzug ins Web. Wer einen mit XP ausgestatteten PC startet, wird ständig gefragt, ob er sich für Passport registrieren lassen will.

Dieses von Gates und seinen Leuten entwickelte Einfallstor zum Internet verspricht dem Nutzer universellen Zugriff auf Dienste wie Online-Kalender oder E-Mail - mit einmaliger Anmeldung. 165 Millionen Microsoft-Kunden sind heute über hauseigene Internet-Angebote wie MSN oder Hotmail bei Passport eingetragen - teilweise mit Adresse und Kreditkartennummer. Künftig müssen sie an dieser Inkasso-Stelle für Web-Services Gebühren entrichten.

Unternehmen
Der Umsatz von 25,3 Milliarden Dollar macht Microsoft zum größten Softwarehersteller der Welt. Das Unternehmen beschäftigt 48.000 Mitarbeiter.

Der Gewinn sank im Geschäftsjahr 2001 (zum 30. Juni) um 22 Prozent auf 7,35 Milliarden Dollar.

Das Wachstum verlangsamte sich von durchschnittlich 35 Prozent in den vergangenen zehn Jahren auf jetzt 10 Prozent.

Die Marktanteile des Monopolisten liegen bei PC-Betriebssystemen und Büroanwendungen bei weit über 90 Prozent.
Eine Lizenz zum Gelddrucken. Angesichts der riesigen Nutzerzahlen beteiligen sich immer mehr Internet-Firmen wie das Auktionshaus EBay am Passport-System, das bei Online- Geschäften Nutzer identifiziert und Zahlungen garantiert. Microsoft will bei jedem Kauf Provision kassieren.

XP kann aber mehr. Beim Einloggen ins Web schlägt der Rechner automatisch das firmeneigene Online-Portal MSN vor. Wer Musik oder Videos laden will, bekommt das Microsoft-Programm Media Player angeboten. Wird ein Foto von der Digitalkamera eingespielt, öffnet sich die Microsoft-Software für Bildbearbeitung. Alternative Produkte haben kaum Chancen. Wer kauft ein anderes Programm, wenn ihm ein gutes Angebot gratis geliefert wird?

Unaufhaltsam dringen die Microsoft-Leute vor. Im November startete mit 500 Millionen Dollar Werbebudget die Attacke auf den 20 Milliarden Dollar schweren Markt für elektronische Spiele. Mit der Videokonsole X-Box will Gates die Konkurrenten Sony und Nintendo ausstechen.

Mehr, mehr, mehr: Das Microsoft-Programm Stinger soll Mobiltelefone steuern, das Betriebssystem Windows CE kleine Handcomputer und Organizer betreiben. Sogar den Einstieg ins interaktive Fernsehen hat der Konzern geschafft. Der US-Kabelnetzbetreiber Charter entschied sich für die Redmonder Software.

Führt Gates die elektronische Welt in die Abhängigkeit von seiner Technik? Im PC-Bereich wahrscheinlich schon. Zu bequem, zu einfach ist es für den Computerbesitzer, die von Windows XP offerierten Dienste zu nutzen. Und weil bald fast jeder PC mit diesem System läuft, werden sich die dort angebotenen Programme und Dienste blitzschnell verbreiten.

Ob Microsoft auch die Rechner übernehmen kann, die Unternehmen digitalisieren und vernetzen, das lesen Sie auf den folgenden Seiten.

Eva Müller

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Microsoft

Die ungezügelte Machtgier des Bill Gates

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