Editorial Stunde der Macher

Erinnern Sie sich noch? Zur Jahreswende 2000/2001 waren sich die Institutsvolkswirte und Regierungsexperten einig: Die Konjunktur in Euroland werde munter weiterlaufen, das Wirtschaftswachstum im Jahresschnitt wohl bei 3 Prozent liegen.
Von Wolfgang Kaden

Selten, wenn überhaupt jemals, haben sich die Konjunkturbeschauer so schrecklich geirrt. Zum ersten Mal seit der Ölkrise Anfang der 80er stürzt die Wirtschaft in allen Industrieländern gleichzeitig ab. Die Unsicherheit über die Zukunft lähmt die Unternehmen bis in die letzten Verästelungen.

Doch so tief der Sturz ist: "Nach dem Boom ist vor dem Boom", heißt es in der mm-Geschichte über das Managen in der Krise. Die Redakteure Henrik Müller, Jörg Schmitt und Dietmar Student wollten keine Katastrophen-Story im derzeit gängigen Jammerton schreiben. Sie haben hingegen eine Menge Anregungen und Beispiele zusammengetragen, wie Unternehmen trotz all der Widrigkeiten in die Offensive gehen können.

Es ist die Stunde der mutigen Macher. "Der Chef muss alle Mitarbeiter auf die Vorwärtsstrategie einschwören", sagt Unternehmensberater Hermann Simon. Krisenzeiten sind Chefzeiten. Die Menschen wollen gerade in so kritischen Phasen spüren, dass sie geführt werden. Die Person an der Spitze fängt ihre Ängste auf; sie verbreitet inmitten allgemeiner Depression Zuversicht; sie zeigt Perspektiven für eine bessere Zukunft auf.

Doch die deutsche Wirklichkeit sieht so nicht aus, weder in der Wirtschaft noch in der Politik. In einer Art Pawlowschem Reflex, wie Simon sagt, sind die Unternehmen derzeit dabei, Stellen zu streichen. Zwei Drittel der deutschen Unternehmen, so die Schätzung, beteiligen sich an dieser Übung. Viele, allzu viele beschränken sich aufs Kostenschneiden und versäumen es, sich für bessere Zeiten zu positionieren.

Und die Politiker? Kanzler Gerhard Schröder demonstriert Stetigkeit ("ruhige Hand") und unverändert prächtige Laune. Das ist gut so, doch das reicht nicht in einer globalen Rezession.

Schröder, Regierungschef der größten europäischen Volkswirtschaft, muss in der EU endlich Führungsqualitäten demonstrieren. Der Alte Kontinent dümpelt in dieser ökonomisch so kritischen Lage richtungslos dahin. Wehmütige Erinnerungen werden wach an den Weltökonomen Helmut Schmidt, der in ähnlich schwierigen Zeiten vor 20 Jahren die Initiative ergriff und die Regierenden der großen Wirtschaftsnationen zusammenführte. Gerhard Schröder, der schon vor dem Vertrauensvotum bei Schmidt Rat suchte, sollte sich bei seinem Vorgänger einen weiteren Beratungstermin geben lassen.

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