Biotech Zwei Sekunden nach dem Urknall

Junge Biotech-Firmen im Porträt

Metin Colpan, Qiagen

Noch ist Qiagen die einzige Erfolgsstory in der deutschen Biotech-Szene. Als die Firma 1996 den Schritt an die Nasdaq in New York wagte, war Deutschland Biotech-Provinz.

Strenggenommen ist das Unternehmen, das Metin Colpan 1984 in Hilden bei Düsseldorf gründete, gar keine Biotech-Firma. Die Hildener stellen nur die Laborhilfsmittel her, mit denen Genforscher das Erbmaterial von Zellen reinigen.

In diesem Segment ist Qiagen jedoch binnen kürzester Zeit zum einsamen Weltmarktführer aufgestiegen. "Wir haben keinen ernst zu nehmenden Konkurrenten", sagt Colpan.

Die Produktpalette umfaßt 260 Artikel. Jahr für Jahr wächst die Belegschaft im Schnitt um ein Drittel, der Umsatz um die Hälfte. Längst besitzt Qiagen rund um den Globus eigene Niederlassungen. Etwa 180 Millionen Mark haben die mehr als 800 Mitarbeiter 1998 umgesetzt. Der Markt ist fast siebenmal so groß.

Um dieses Absatzpotential zu erschließen, kaufte Colpan 1998 den Schweizer Laborroboterbauer Rosys. Das bietet ihm die Möglichkeit, seine Reinigungswerkzeuge auch in automatisierte Prozesse einzuschleusen. Mit dem Diagnostikahersteller Abbott Laboratories schloß Colpan ein Abkommen, daß die US-Firma verpflichtet, Qiagen-Produkte in seine Systeme zu integrieren.

Künftig will der Qiagen-Chef auch in die Gentherapie, die "Krönung der Gentechnologie", einsteigen. Gemeinsam mit der US-Firma CpG-Immuno-Pharmaceutical forscht er an einem effizienteren Impfstoff gegen das Hepatitis-B-Virus. Der soll die Zahl der Impfungen halbieren.

Friedrich Bohlen, Lion

Friedrich Bohlen, Lion

"Unsere Adresse?" Friedrich von Bohlen stutzt: "Da muß ich kurz nachfragen." Der Chef der Heidelberger Lion Bioscience AG hat, was Terminabsprachen betrifft, den Überblick verloren. Die Biotech-Firma, 1997 von Bohlen und sechs anderen Wissenschaftlern gegründet, expandiert derart stürmisch, daß er ständig neue Büroräume anmieten muß.

Lion gilt derzeit als der heißeste deutsche Start-up der Branche. Binnen zwei Jahren explodierte die Zahl der Mitarbeiter von zwei Dutzend auf 135. Bis zum Jahresende sollen es 200 sein. Der Umsatz schoß 1998 von knapp einer Million auf über 15 Millionen Mark.

Das Unternehmen untersucht im Auftrag von Konzernen das Erbgut von Mikroorganismen und liefert Informationen, wie Gene funktionieren. Ein Riesenmarkt – der gerade erst erschlossen wird. "Auf dem Gebiet der kommerziellen Genomforschung", urteilt von Bohlen, "befinden wir uns erst zwei Sekunden nach dem Urknall."

1998 hat sich Lion die Vermarktungsrechte an einer Software gesichert, ohne die kein Unternehmen auskommt, das Erbgut analysiert. Von Bohlen: "Wir besitzen sozusagen das präklinische SAP-Pendant für Life-Science-Unternehmen." Konzerne wie Bayer, Hoechst und Boehringer Ingelheim nutzen die Software bereits, Dutzende andere testen sie.

Anders als die meisten Biotech-Neulinge kommen die Heidelberger Löwen bislang völlig ohne Wagniskapital aus – dank des Vermögens, das Krupp-Sproß von Bohlen einbrachte. Doch das wird sich ändern.

In den kommenden Jahren will der Lion-Chef seine Software zu einer integrierten Plattform für die gesamte Wirkstoffsuche ausbauen. Lion, so seine Vision, soll zum weltweit führenden Anbieter von Bioinformatik aufsteigen. Und dazu braucht der promovierte Neurobiologe, der sein Managementhandwerk als Assistent von Sanierer Kajo Neukirchen gelernt hat, Geld. Viel Geld.

Peter Heinrich, Medigene

Peter Heinrich, Medigene

Er ist der Haudegen der deutschen Biotech-Szene. Vor fünf Jahren, als das Wort Gentechnik hierzulande noch auf dem Index stand, kündigte Peter Heinrich als Abteilungsleiter beim Münchner Chemiekonzern Wacker und gründete mit drei Forschern des Genzentrums die Firma Medigene. Heute ist er für so manchen Gründer Vorbild und Ratgeber.

Dem Hinterhofambiente vieler Startups ist Medigene längst entwachsen. Aus der Klitsche von einst ist eine AG geworden, mit einem lukrativen Absatzmarkt. Die Experten sind Tumorimpfstoffen sowie Therapien gegen Herzerkrankungen auf der Spur.

Die Truppe erforscht spezielle Viren, die Gene in kranke Zellen einschleusen. Ziel ist es, einen Impfstoff zu entwickeln, der das Immunsystem von Hautkrebspatienten stimuliert.

Kooperationen, wie die 1997 mit Hoechst vereinbarte, sind für Heinrich unverzichtbar, da sie zum Wachstum der Firma beitragen. Zugleich sucht sein Team schon heute in Eigenregie nach neuen Wirkstoffen. Heinrich ist ehrgeizig: Er will aus Medigene einen kleinen Pharmakonzern formen, der die Entwicklung eines Präparats vom Labor bis zur Zulassung begleitet.

Noch beträgt der monatliche Liquiditätsverbrauch, die Burn-rate, rund eine Million Mark. Doch "wenn alles gutgeht", so Heinrich, "kommen wir im Jahr 2002 mit einem Medikament auf den Markt". Um dieses Ziel zu erreichen, hat er im vergangenen Herbst 46,3 Millionen Mark bei privaten Investoren eingesammelt.

Simon Moroney, Morphosys

Simon Moroney, Morphosys

Lange angekündigt, ist es nun endlich soweit: Die Aktie von Morphosys, einem Pionier der deutschen Biotech-Szene, flimmert seit März über die Handelsschirme des Neuen Marktes in Frankfurt.

Morphosys wurde vor sieben Jahren von dem Neuseeländer Simon Moroney in Martinsried gegründet. Die Technologie des Mikrobiologen, eine Molekül-Bibliothek bestehend aus zwei Milliarden menschlichen Antikörpern, ist eiskalt. Sie lagert bei minus 80 Grad im Tiefkühlschrank.

Antikörper dienen als Werkzeug zur Entdeckung neuer Pharmawirkstoffe. Der Vorteil der Morphosys-Antikörper liegt darin, daß sie sich weitaus schneller gewinnen lassen als solche, die mit herkömmlichen Methoden produziert werden.

Alle 200 bis 300 Firmen, die im Life-Science-Sektor forschen, hält Moroney für potentielle Kunden seiner Innovation. Das entspricht einem Absatzmarkt von sieben Milliarden US-Dollar. Der Pharmariese DuPont und der US-Biotech-Multi Chiron nutzen das Know-how aus Martinsried bereits. Neun Millionen Mark setzte Morphosys 1998 um, 80 Prozent mehr als 1997. Bis Jahresende soll die Belegschaft von 65 auf 90 Mitarbeiter aufgestockt werden.

Noch beschränkt sich Moroney auf seine Funktion als Technologielieferant und Auftragsforscher. Doch in ein paar Jahren will er mit Hilfe seiner Sammlung auch selbst Arzneien entwickeln. Einige seiner Antikörper eignen sich direkt als Medikamente.

Hubert Köster, Sequenom

Hubert Köster, Sequenom

"Eddie, dein Besuch ist da." Die Empfangsdame legt den Hörer auf. "Herr Munk kommt gleich."

Eddie, Geburtsname Edvin, Munk ist Marketingleiter der Biotech-Firma Sequenom. Daß ihn jeder dort duzt, stört ihn nicht. Das gehört bei einem Start-up eben dazu.

Sequenom wurde 1994 vom Hamburger Chemieprofessor Hubert Köster (Photo) gegründet. Zusammen mit dem renommierten Bostoner Wissenschaftler Charles Cantor, der seit August 1998 als Forschungschef dabei ist, entwickelte er ein neuartiges Verfahren. Damit kann die exakte Struktur von Genen bestimmt werden – in rasender Geschwindigkeit.

Die patentierte Technologie kommt zur rechten Zeit: Bis zum Jahr 2005 wollen die Forscher das menschliche Genom durchleuchtet haben. Doch Erbgut ist nicht gleich Erbgut. Ein einziges Krebsgen kann in 6000 Versionen auftreten.

Bislang fallen 80 Prozent der Arzneimittel in der klinischen Prüfung durch, weil bei einigen Probanden unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Mit maßgeschneiderten Präparaten würde das nicht passieren.

Für Sequenom öffnet sich damit ein lukrativer Absatzmarkt. Stellt sich heraus, daß ein Wirkstoff gegen Alzheimer nur bei 40 Prozent der Patienten hilft, können die Forscher mit dem Massenspektrometer ermitteln, wer darauf anspricht.

Von Beginn an war Sequenom ein transatlantisches Unternehmen mit Sitz in Hamburg und San Diego. Gerade wurde in Boston ein Büro eröffnet. Noch kommen für Marketingleiter Munk vor allem Pharmaunternehmen als Kunden in Betracht. In ferner Zukunft werden aber auch Krankenhäuser und Arztpraxen potentielle Abnehmer sein. Wenn ein Medikament laut Beipackzettel nur für Patienten mit einem bestimmten Genprofil geeignet ist, müssen die Mediziner dies schließlich vor Ort prüfen.

Karsten Henco, Evotec

Karsten Henco, Evotec

Fast wäre das Projekt gescheitert: 1993 hielten der Biochemiker Karsten Henco und der Physik-Nobelpreisträger Manfred Eigen nach einem Geldgeber Ausschau, der ihre Idee eines neuen Suchverfahrens für Pharmawirkstoffe finanzieren sollte. Sie stießen überall auf Ablehnung. Dem Hamburger Hormonforscher und Mäzen Freimut Leidenberger ist es zu verdanken, daß aus diesem Geistesblitz die Firma Evotec wurde. Er riskierte einige Millionen Mark.

Inzwischen steht Wagniskapital im Überfluß bereit. 1998 konnte Evotec bei Venture Capitalists 46 Millionen Mark einsammeln. Der Börsengang ist noch für dieses Jahr geplant.

Aus dem Traum von Henco und Eigen ist längst ein reales Produkt geworden. Evoscreen heißt die vollautomatisierte Apparatur, die täglich 100 000 chemische Substanzen auf ihre Tauglichkeit als Arzneimittel testen kann. Gegenüber herkömmlichen Verfahren spart das Geld – und Zeit. Zehn Jahre dauert es, um ein Medikament bis zur Marktreife zu entwickeln. Mit der Technologie aus Hamburg könnte es in acht Jahren möglich sein.

Wie viele seiner Kollegen will auch Evotec-Chef Henco auf Dauer mehr sein als ein reiner Technologielieferant. Sein Ziel ist es, mit den Apparaten im eigenen Haus nach Wirkstoffen zu suchen, im Auftrag großer Konzerne oder aus eigenem Antrieb.

Die Basis hat er bereits geschaffen: Mit Pharmariesen wie Novartis oder SmithKline Beecham verbinden ihn Allianzen, er kooperiert mit mehr als 20 wissenschaftlichen Instituten weltweit. Einen Standort in Amerika hält Henco für "ein Muß". Für einen US-Ableger würde er seine "letzte Mark" ausgeben.

Visionen: Vier Biotech-Neulinge mit Erfolgschancen


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