Schirm-Herr Herr der Schirme

Eine kleine Manufaktur in Mailand führt die große Tradition italienischer Schirmmacherkunst fort. Mit konsequenter Handarbeit tritt "Ombrellaio" Francesco Maglia erfolgreich gegen billige Massenware an.
Von Bernhard Roetzel

Schon morgens um neun Uhr füllt sich die kleine Bar im Mailänder Börsenviertel mit Geschäftsleuten, die beim ersten "caffè" die Aktienkurse diskutieren und natürlich auch das Wetter: seit drei Tagen Dauerregen. Und auch fürs Wochenende keine Besserung in Sicht.

Für Barbesucher Francesco Maglia, aus seiner Manufaktur ganz in der Nähe hereingespült, beste Aussichten. Dass die Stadt - entgegen der Vorstellung vom mediterranen Sonnenparadies - mit rund 790 Millimetern Niederschlag pro Jahr, mehr als in List auf Sylt, so gern den Ausguss der Alpen abgibt, soll dem schlohweißen, hoch gewachsenen 57-Jährigen nur recht sein. Maglia ist einer der großen Alten aus der traditionsreichen, gleichwohl gebeutelten Schirmmacherzunft der lombardischen Metropole. Der Regen ist seine Geschäftsgrundlage.

Doch Schirme sind für den drahtigen Unternehmer keineswegs nur Broterwerb, sondern sehr wohl Ausdruck von Kultur und Lebensart: "Ein Herr ging früher nie ohne Schirm, Hut und Handschuhe aus dem Haus", weiß Maglia. "Die Zeiten sind vorbei. Doch zum Glück gibt es noch Männer, die Wert auf eine stilvolle Erscheinung legen."

Keine Frage, zu Maßanzug, handgefertigten Schuhen und einem Schweizer Chronometer macht sich ein Manufakturschirm weit besser als das massenhaft produzierte Regendach aus dem Kaufhaus, lautet die Botschaft der Stilberater an die Gemeinde der Gutbetuchten. Auf der Hutablage der S-Klasse, so ihr Argument, wirke der Gratisschirm mit Werbeaufdruck einfach deplatziert.

Nicht von ungefähr rät etwa Mailands Topausstatter Bardelli beim Anzugkauf auch stets zum guten Schirm: "Ein billiger Schirm vom Straßenhändler wirkt zum Anzug für fünf Millionen Lire wie Plastikbesteck im Gourmetrestaurant", höhnt der Modemann. Auch in der New Yorker Herrenboutique von Jay Kos in der Lexington Avenue, derzeit Spitzenadresse in Manhattan, wird den Kunden zum Business- Outfit immer der passende Schirm vorgelegt: "Wenn Sie Ihren Geschäftspartner nach dem Lunch mit einem handgefertigten Regenschirm zum Taxi bringen können, macht das sehr viel Eindruck", lobt Kos den stilsicheren Nässeschutz in Gehhilfen-Bauart.

Doch diese Machart hat es in Deutschland eher schwer, seit der Bergassessor a. D. Hans Haupt das Modell des falt-, stauch- und quasi in sich selbst versenkbaren Taschenschirms entwickelte. Unter der Obhut der Firma Knirps in Solingen, die das Wunderding seit 1932 herstellt, geriet der Parapluie zum deutschen Leitutensil: Die Marke kann laut Wickert-Studie satte 95 Prozent Bekanntheit vorweisen und ist damit ebenso geläufig wie Persil oder Maggi.

Dennoch produziert Knirps nicht ausschließlich Taschenschirme, die Stockversion macht immerhin ein Viertel der Produktion aus. Vor allem die älteren Kunden schätzen es, so eine Firmensprecherin, wenn sie sich auf den Schirm stützen können.

Kurz oder lang - für Francesco Maglia zählt das nicht: "Hauptsache ist für mich die Qualität. Wir führen auch einen Taschenschirm, und der wird genauso von Hand gefertigt wie die Stockschirme." Punktum.

"So ein Schirm hält ein Leben lang"

So leicht lässt sich der Herr der Fabbrica Ombrelli Maglia, eines 1854 gegründeten Familienunternehmens, nicht aus der Fassung bringen. Auch wenn rings um ihn eher Abbruchstimmung herrscht. Mailand, das im 19. Jahrhundert führend in der florierenden norditalienischen Schirm-industrie dastand, zählte vor 25 Jahren noch zehn Manufakturen, heute sind es gerade mal drei.

Maglia nimmt einen letzten Schluck Espresso, dann führt er seinen Gast wohl beschirmt durch den Mailänder Nieselregen geradewegs zum Corso Genova Numero Sette, dem Sitz seiner Werkstätten. Und erteilt eine Lektion in Sachen Merkmale eines guten Schirms - gleich an seinem persönlichen Exemplar.

"Der Stock sollte aus schönem und solidem Holz gearbeitet sein, dann können Sie sich ruhig auch mal aufstützen. Der Bezug muss dauerhaft mit dem Gestänge verbunden sein. Das geht am besten von Hand."

Voller Stolz auf sein Werk zeigt Maglia, wo die Fäden den Bezug an 24 Stellen auf den Metallstäben halten. Damit der Stoff an diesen sensiblen Punkten nicht durchscheuert, werden alle Auflageflächen zusätzlich mit einem kleinen Stück des Gewebes unterlegt: "Das kostet viel Zeit, doch so hält der Bezug eine halbe Ewigkeit."

Die Manufaktur erstreckt sich über ein Hinterhaus. "Die Einkäufer der Modehäuser und Fachgeschäfte kommen selten hierher. Meistens besuche ich sie", sagt Signore Maglia. Die Kundenliste des Schirmmachers liest sich wie ein Einkaufsführer zu den Topadressen der Welt. In London sind seine Schirme zum Beispiel bei James Smith & Son, Gieves & Hawkes und Fortnum & Mason zu haben.

Der stärkste Konkurrent des Mailänders ist dort - wie auf dem Kontinent - der britische Hersteller Brigg, der selbstverständlich auch die Royals vor meteorologischer Unbill bewahrt. Das Sortiment des 1836 gegründeten Traditionshauses umfasst neun Business-Modelle und vier Golfschirme, darüber hinaus skurrile Spezialausführungen, beispielsweise mit einer im Stock versenkbaren Flasche im Reagenzglasformat für den Whisky-Liebhaber.

Trotz solchen Raffinements ist Maglia auch vor den Briten nicht bange: "Durch das starke Pfund bieten die Engländer viel zu teuer an. Und außerdem fertige nur ich alles in Handarbeit."

Was er in den Werkstätten flink vorführt. Zunächst wird von seinen Schirmern der Bezugstoff ausgewählt. Die Auswahl ist umfangreich, sie enthält neben dem traditionellen Schwarz diverse Farben und Muster. Der "ombrellaio" bezieht sie aus einer kleinen Tuchmacherei: "Die weben für mich kleinste Mengen."

Es folgt der Zuschnitt, während ein Kollege die Stöcke aussucht. Darauf werden nun die Gestänge montiert und, je nach Modell, die Griffstücke verleimt. Ein paar Meter weiter sitzt die Näherin, die mit Nadel und Faden geduldig Stich für Stich den Bezug anheftet. Zwischen Zuschnitt und Endkontrolle liegen 70 Arbeitsgänge.

Lohn der Mühe, lobt Maglia sein Produkt: "So ein Schirm hält ein Leben lang."

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