Seh-Hilfe Zweites Gesicht

Längst ist die Brille von der lästigen Augenprothese zum ästhetischen Accessoire gereift. Angesichts der Vielfalt der Formen bleibt die Frage: Welches Gestell passt in welches Gesicht? Antworten von Rodenstock-Designer Heinz Pellert.

Hellblick, Schnellblick, Glanzblick (was die Franzosen coup d'oeil nennen)", posaunte einst der Zürcher Pfarrer und Physiognomiker Johann Caspar Lavater (1741 - 1801), "ist die größte, einfachste, reichhaltigste Gabe, die der Himmel einem Erdbewohner verleihen kann. Wer diesen hat, der hat Alles, und wer ihn nicht hat, dem fehlt Alles, was gut und groß macht."

Eine Erkenntnis, die flugs auch Humphrey Bogart nutzte, als er - in "Casablanca" - bei Ingrid Bergmann baggerte: "Schau mir in die Augen, Kleines."

Was aber, wenn diese wundersamen Sichtwerkzeuge und Seelenspiegel einer Sehhilfe bedürfen? Die ganze Pracht auf ärztliches Anraten hinter Glaseskälte und Drahtverhau, Hornbewehrung und Vergrößerungsoptik womöglich zu verschwinden droht? Die ihren Träger völlig fremd, gar alt aussehen lassen?

"Die Brille ist ein Imagefaktor ohnegleichen, und sie muss heute niemanden mehr schrecken", sagt Heinz Pellert, beim Marktführer Rodenstock in München für das Design der Brillenfassungen verantwortlich. "Die Auswahl an Materialien und der Fundus an Formen sind inzwischen so umfangreich, dass jeder eine Brille finden kann, die absolut zu ihm passt." Der hagere Mittfünfziger, schwarze Armbanduhr, schwarzes Polohemd, schwarzes Beinkleid, befehligt aus seinem Eckbüro über der Isartalstraße ein fünfköpfiges Designteam, das alljährlich zwischen 120 und 140 neue Modelle entwickelt. Und unlängst für das ultraleichte Gestell R 4187 mit dem Bundespreis Produktdesign ausgezeichnet wurde - neben dem neuen ICE T und einem S-Klasse-Mercedes. Der federführende Rat für Formgebung bescheinigte "höchste Gestaltungsqualität".

"Die Funktion der Brille ist es", sagt Pellert, "Gläser in einer optisch korrekten Position vor dem Auge zu fixieren." Hört sich einfach an, wenn da nicht die Vielfalt unter den Trägern wäre: schmale Nasen, platte Nasen, breite Stirnen, hohe Wangen, ovale, eckige, runde Gesichter.

Und die verschiedenen Milieus, aus denen sie kommen: Modernisten, Klassizisten, Kasualisten, Gruppen mit jeweils eng definierten Kultur- und Konsumbedürfnissen. Obendrein will die Designstrategie auch noch in Richtung Mode austariert sein - der jeweils herrschenden Leittrends.

"Derzeit gibt es drei große Grundströmungen im oberen Teil der Gesellschaft", sagt Pellert, "eine Art Postmaterialismus, der nach zweckmäßigen, langlebigen Produkten verlangt; dann den Hedonismus, der den lustbetonten Umgang mit Alltagsdingen pflegt; und den Individualismus, der nach Autonomie vom Markendiktat strebt. Das alles will beim Entwurf einer Brille bedacht sein."

Das Ergebnis: tausende verschiedener Modelle, tausende von Möglichkeiten für Fehlgriffe. Nicht nur für den Hersteller, auch für den Käufer.

Selbst für hochmögende. Wie etwa Vodafone-Chef Chris Gent oder Hyper-Investor Warren Buffett. Die mit Modellen auftreten, wie sie vor 30 Jahren von deutschen Sparkassenfilialleitern spazieren geführt wurden.

Welche Brille passt auf welche Nase?

Aber warum in die Ferne schweifen: Auch deutsche Leistungsträger setzen bei der Wahl der Brille eigenwillige Akzente. Etwa Dresdner-Bank-Chef Bernd Fahrholz, der sich gern das Studentenmodell zwischen Schnauzbart und Stirnglatze pflanzt. Oder Berater Roland Berger, der mitunter wahre Wagenräder über die Augen stülpt. Oder auch Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, der unter der Schmalzlocke schamhaft ein schieres Nichts von Brille eher versteckt denn trägt.

Eine mathematische Formel, nach der ein ergonomisch optimales Gestell, das auch ästhetisch sitzt, zielgenau gewählt werden könnte - die gibt es nicht. Allenfalls ein paar Annäherungen, Geschmacksgrundregeln, die einen Weg durch das Labyrinth des Angebots bahnen helfen.

Gefahren lauern überall. So können Fassungen die Gesichtszüge aufnehmen, diese bekräftigen und hervorheben. Oder sie umgekehrt überschatten oder gar auslöschen. Widersprechende Formen können Spannungen erzeugen und ein Gesicht interessanter machen. Oder zur Karikatur.

Häufig bleibt nur das Prinzip Versuch und Irrtum. Berüchtigtes Beispiel: der Wechsel des Jürgen Schrempp vom eckig-zackigen Eisenfresser-Modell zur sanft gerundeten Kuschel-Hornbrille.

"Ich glaube nicht, dass es ein Zufall war", sagt Pellert, "dass Schrempp in dem Augenblick das Modell gewechselt hat, als er mit seinen Managementmethoden und der Daimler-Chrysler-Fusion ins Gerede gekommen ist. Dahinter steckte sicher ein Berater, der ihn zum Imagewechsel kraft Brille gedrängt hat."

Ein paar solcher Tipps für Manager hat auch Pellert schnell zur Hand. So sollte ein Banker, der Seriosität und Zuverlässigkeit repräsentieren möchte, auf übertrieben modische, gar flippige Modelle verzichten, lehrt der Entwicklungschef. Und jemand, "der Macht, Einfluss und Bedeutung unterstreichen will, wird sicher expressiver mit der Brille umgehen als jemand, der Innovationskraft für sein Unternehmen oder seine Funktion auszudrücken beabsichtigt".

Die Rhetorik der Sehhilfe ist wahrlich ein weites Feld. Ein Meister darin war lange Zeit der Journalist Erich Böhme, der als Fernsehmoderator mit seiner Lesebrille ganz und gar Tänze aufgeführt, Behauptungen unterstrichen, Fragen angeschärft hat. Ein Charakter.

Mit Brille ist es schöner

Den gab auch Kanzler Helmut Kohl preis, wiewohl auf andere Weise. "Durch die Veränderung seiner Sehkraft", erzählt Pellert, "hätte der von einem bestimmten Zeitpunkt an keine Brille mehr gebraucht. Er hat sie trotzdem weiter getragen, weil er sein Image in der Öffentlichkeit bewahren wollte."

Auch der Dienstherr des Pfälzers zeigte bei der Brille Beharrungsvermögen. Als Bundespräsident Roman Herzog irgendwann eine neue Brille brauchte, weiß Pellert, verlangte er - nach der alten Fassung. Die es aber längst nicht mehr gab. "Der hat damals die gesamte Optikbranche verrückt gemacht, weil er exakt dasselbe Gestell noch einmal wollte."

Die Beharrlichkeit gerade älterer Herren bereitet den Herstellern größten Kummer. Mehr als vier Jahre braucht so jemand im Durchschnitt, bis er sich zum Kauf einer neuen Brille entschließt. Wo er statistisch ohnehin nur über 1,4 Sehhilfen verfügt. Und dabei kommen doch, klagt der Designchef, alle zwei Jahre neue Fassungen auf den Markt. Der deutsche Leistungsträger, so will es scheinen, ist alles andere als ein Augenmensch.

Dass die Brille auch nackte Lust bescheren kann, wurde jüngst in Berlin unter Beweis gestellt - vor Gericht.

Dort musste ein 27-Jähriger sich dafür verantworten, dass er im Laufe eines Jahres mindestens 25 Brillenträgern ihr Sehutensil - zum Teil gewaltsam - unmittelbar von der Nase geklaut hatte. Mal auf offener Straße, mal im dunklen Hausflur, jedes Mal aber ein Modell, das er für erlesen und teuer hielt. Sogar der Schriftsteller Christoph Hein fand sich unter den Opfern. Und alles nur, um beim erotischen Stelldichein durch fremde Gläser zu schauen.

Der Gerichtsgutachter: "Es geht auch ohne, aber mit Brille ist es für ihn schöner."

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