Stilfragen Scheren-Schnitte

Was trägt der Manager in Zeiten des Umbruchs und des Werteverfalls? Umberto Angeloni, Inhaber der Manufaktur Brioni und damit Schneider von James Bond und Gerhard Schröder, über klassische Formen und schlechten Geschmack.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

mm:

Signore Angeloni, von Ihnen heißt es, dass Sie morgens mindestens eine Stunde auf das Ankleiden verwenden. Warum brauchen Sie so viel Zeit?

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Angeloni: Wenn ich mich für den Abend kleide, brauche ich sogar zwei Stunden. In der Frühe muss ich wissen, was mich im Laufe des Tages an Terminen erwartet, und schauen, wie sich das Wetter und meine Stimmung gestalten. Danach wähle ich zunächst den Anzug, dann das Hemd und die Krawatte, Schuhe, schließlich einige kleine Accessoires wie Manschettenknöpfe und Einstecktuch.

mm: Unter wie vielen Anzügen können Sie wählen?

Angeloni: Je nach Saison circa 50.

mm: Was bedeutet Ihnen ausgesuchte Kleidung - Ausdruck von Kultur, Statussymbol oder Pflichtübung in der Geschäftswelt?

Angeloni: Vor allem ist es Genuss, eine Freude. An zweiter Stelle ist es eine Form der Kommunikation und deshalb ein Arbeitsmittel.

mm: Ihr Unternehmen schneidert die Uniformen von Jassir Arafat und den Anzug von Kofi Annan, der Bundeskanzler kauft bei Ihnen ebenso wie Jürgen Schrempp. Was bietet Brioni solchen Kunden, was andere nicht bieten?

Angeloni: ... Arafat ist kein ständiger Kunde von Brioni, er hat wohl mal eine Jacke bei uns gekauft ...

mm: ... was also bietet Brioni?

Angeloni: Wir bieten bestes Schneiderhandwerk, zudem eine Auswahl von rund 10.000 Stoffen und eine Anzahl von Modellen und Schnitten, die in die hunderte geht. Und für spezielle Kunden wie die genannten gibt es eine besondere Art persönlicher Beratung, die ich selbst übernehme. Dieser direkte Kontakt zu den Kunden trägt dazu bei, dass Brioni etwas anderes ist als einfach nur ein Lieferant von Kleidern und Stoffen.

mm: Sie verstehen sich als Leib-Schneider Ihrer Klienten?

Angeloni: Zusammen mit meinem Schneidermeister besuche ich den Privatkunden und stehe mit Rat und Hilfe zur Verfügung. Oftmals entsteht auf diese Weise auch eine freundschaftliche Beziehung. Häufig duzen wir uns sogar

mm: Gilt das auch für den deutschen Bundeskanzler?

Angeloni: Nein. Er wollte sich nicht zu sehr exponieren und hat auf die persönliche Beratung verzichtet. Damit entgeht ihm sicherlich eine gute Gelegenheit zu einer heute selten gewordenen Dienstleistung.

mm: Sie dienen Ihren Kunden als Stil-berater, obwohl Sie Wirtschaftswissenschaftler sind. Wie haben Sie Ihren Geschmack geschult?

Angeloni: Im Gegensatz zu Modeschöpfern, die aller Welt ihren Stil aufzwingen möchten und deshalb oftmals Uniformen abliefern, versuche ich, den Menschen den Genuss und die Freude nahe zu bringen, die ein maßgeschneiderter Anzug bietet - die Vorzüge für die eigene Figur und das Auftreten in der Öffentlichkeit. Ich beschränke mich darauf, Hilfestellung für den eigenen Stil zu geben.

mm: Woher haben Sie die Kenntnisse? Niemand lernt das im Ökonomieseminar.

Angeloni: Man muss ein gewisses Empfinden, ein Feingefühl haben, und vielen Italienern ist das sozusagen angeboren. Für den guten Stil gibt es nur wenige dogmatische Prinzipien. Wichtig vor allem ist es, sich selbst zum Ausdruck zu bringen und die Freude am Ausprobieren. Gut gekleidet zu sein ist eine ernsthafte Angelegenheit, eine Form von Respekt sich selbst und anderen gegenüber.

mm: Warum brauchen wir heute so viel mehr Stilberatung als frühere Generationen?

Angeloni: Ich will Ihnen erklären, was der Grund ist: Einst gab es so genannte Ikonen der Eleganz, englische Adlige, Hollywood-Größen der 40er und 50er wie Gary Cooper und Cary Grant, die lebende Beispiele waren, Ideale, denen alle nacheiferten. Zweitens gab es eine Kultur, die vom Vater an den Sohn vererbt wurde, den Umgang mit Herrenschneider, Hemdennäher und Schuhmacher, die gleichzeitig auch Berater waren. Freude an Handgefertigtem galt als selbstverständlich. Heute sind Rockstars die Ikonen des Stils, die sich kleiden, um zu schockieren. Und die Schauspieler tragen alles Mögliche, solange sie nur dafür bezahlt werden.

mm: Sie sind stolz, dass Sie den englischen Nationalhelden James Bond und den Prinzen Andrew einkleiden. Was unterscheidet italienische Schneiderarbeit von der weithin gerühmten britischen aus der Londoner Savile Row?

Angeloni: Bond gilt als Quintessenz des englischen Connaisseurs, er weiß, wie man sich kleidet, was man trinkt, wo man hingeht, wie man mit Frauen umgeht. Der ideale Typ, um zu zeigen, dass der italienische Stil in der Herrenbekleidung heute der wichtigste, universalste ist. Was die Savile Row angeht, so waren es dort nicht die Schneider, die einen Stil schufen, sondern deren Kunden. Die kamen, nannten ihre Wünsche und erfanden so die Klassiker der Herrenbekleidung ...

mm: ... anhand dessen, was sie zuvor in Italien gesehen hatten?

Angeloni: Ja, während der Grand Tour, der großen Italienreise, die der Heranwachsende von Stand zu absolvieren hatte. Wenn Sie heute in eine beliebige Schneiderei in der Savile Row gehen, dann werden Sie dort einen Handwerker aus Sri Lanka, zwei aus Nigeria, zwei von den Philippinen, einen Rumänen, einen Italiener, einen Portugiesen finden. Das sind Vereinte Nationen, aber die Meisterschaft fehlt. Obendrein sagt man Ihnen mit allem Snobismus, was Sie tragen sollen. Am Ende werden Sie aus schwerem Tuch eine Art Rüstung am Leib haben, die sich in nichts von der eines x-beliebigen Kunden unterscheidet.

mm: Wenn Sie sich umschauen unter den Leistungsträgern der Wirtschaft - wo entdecken Sie gravierende Mängel in der Bekleidung?

Angeloni: Sehr häufig kleiden sie sich stereotyp. Sie sind überzeugt, dass der Geschäftsmann einen grauen Anzug tragen muss, dazu ein weißes Hemd und eine Krawatte mit Tupfen - ein Outfit für jede Gelegenheit, in Wirklichkeit aber die Karikatur der klassischen Kleiderordnung. Ein perfektes Beispiel dafür ist Silvio Berlusconi. Er ist immer im gleichen Stil gekleidet und zeigt keinerlei Fantasie. Ein Manager aber muss vor allem durch Fantasie glänzen, er muss neue Wege suchen, neue Möglichkeiten entdecken, neue Märkte erobern und fähig sein, dies auch mitzuteilen.

mm: Wie schneidet das Outfit deutscher Manager im Vergleich zu dem seiner ausländischen Kollegen ab?

Angeloni: Auf höchster Ebene - wir sprechen etwa von Jürgen Schrempp - ist guter Geschmack vorhanden; denn die Leute kommen ja auch viel herum. Auf einer etwas weniger hohen Ebene gibt es ein paar Charakteristika. In Deutschland zum Beispiel ziehen viele Manager den blauen Blazer an, auch bei sehr formellen Gelegenheiten, ein schwerer Fehler, denn der ist eigentlich ein Sportjackett. Ein weiteres Problem sind die extrem auffallenden, sehr bunten Krawatten, die alle Aufmerksamkeit absorbieren.

mm: Wozu raten Sie den Managern?

Angeloni: Alle Schattierungen von Blau sind das Schönste für den klassischen Herrenanzug. Er ist ein sehr vielseitiges Gewand, geeignet für den Tag wie zum formellen Einsatz am Abend. Wie auch der eleganteste Smoking eigentlich blau ist. Dazu gehören selbstverständlich Hemden mit doppelter Manschette.

mm: Im Augenblick tragen jüngere Manager sehr gern schwarze und graue Anzüge. Korrekt?

Angeloni: Schwarz ist eine Trauerangelegenheit, es sei denn, es handelt sich um ein Schwarz mit zarten Streifen. Schwarze Hosen dagegen sind durchaus angemessen, auch der schwarze Blazer mit grauen Hosen. Grau passt sich sehr leicht an, mit allen Schattierungen von hell zu dunkel, mit und ohne Streifen.

mm: Wie kann der Business-Mensch der Gefahr begegnen, dass sein Outfit zur farb- und trostlosen Uniform gerät?

Angeloni: Wir haben zwei Farben genannt, Blau und Grau, mit unendlich vielen Schattierungen. Zudem können Sie einen grauen Anzug nehmen und ihn hundertmal anders gestalten - durch die Wahl des Hemdes, der Krawatte, der Manschettenknöpfe. Schwierig ist nicht die Wahl des Anzugs an sich, sondern die der Accessoires ...

mm: ... mit zig Möglichkeiten für jedweden Missgriff.

Angeloni: Hier droht Glatteis. Das Problem ist, dass viele Männer die Wahl des Zubehörs ihren Frauen überlassen. Zwei Drittel der Krawatten etwa werden von Damen ausgesucht, die farblich viel extremer entscheiden und zu auffälligen Mustern neigen. Dieser weibliche Einfluss hat zu großem Durcheinander bei der Garderobe geführt.

mm: Die Männer trifft bei dem Geschmacksdesaster keine Schuld?

Angeloni: Doch. Die meisten Männer kennen heute nur eine Form des Krawattenknotens. Wir wissen, dass ein Herr wie Oscar Wilde oftmals eine ganze Stunde damit zubrachte, einen neuen Krawattenknoten so lange auszuprobieren, bis er perfekt saß. Diese Liebe zum Detail scheint heute verloren gegangen.

mm: Der protestantisch-preußische Philosoph Kant warnte vehement vor Übertreibungen in Kleidungsfragen. Vor allem nach der neuesten Mode gekleidete ältere Semester geißelte er als Gecken. Hat dieses Urteil noch Bestand?

Angeloni: Sicher, denn ein älterer Mann, der sich wie ein junger Bursche kleidet, macht sich damit lächerlich. Zwar gab es zu Kants Zeiten das Fashion-Victim noch nicht, denjenigen, der von Kopf bis Fuß Markenkleidung trägt und alles von seinem Ausstatter koordiniert bekommt. Aber den Gecken gibt es noch und wird es wohl immer geben.

mm: Den Wechsel der Moden verfolgen Sie eher argwöhnisch. Was spricht gegen den Wandel von Formen und Farben, zumal er ja die Geschäfte belebt?

Angeloni: Wenn ich sage, dass ich den klassischen Stil liebe, dann will das nicht heißen, dass ich gegen die Mode bin. Auch die Klassik ist geprägt von der Mode und der Formensprache ihrer Epoche. So gibt es heute, wo sehr viel im Flugzeug gereist wird, eine starke Tendenz zu leichten, anschmiegsamen Stoffen, die nicht knittern; das ist ein wichtiger, langfristiger Trend. Ich habe nur etwas gegen saisonbedingte Veränderungen, weil sie sich widersprechen, oftmals nur Vergangenes wiederkäuen, extrem und ohne Orientierung sind.

mm: Als Vertreter einer eher konservativen Anzugordnung kommt Ihnen doch der Abschied Amerikas vom Casual Friday sicher entgegen. Ein Triumph der Traditionalisten?

Angeloni: Casual Friday ist aus konjunkturellen Gründen entstanden und stirbt auch auf Grund der Entwicklung. In der gegenwärtigen Krisenzeit haben alle Angst, ihre Arbeit zu verlieren, und ziehen deshalb seriösere Kleidung vor. Als der Casual Friday entstand, war es umgekehrt - da hatten die Personalchefs Angst, ihre Angestellten zu verlieren, und genehmigten deshalb die legere Kleidung ...

mm: ... während Sie stets den klassischen Anzug angebetet haben?

Angeloni: Nicht ohne Grund. Der klassische Herrenanzug hat, was Funktionalität und Ästhetik angeht, seine Perfektion, die letzte Stufe seiner Evolution, erreicht. Seit 100 Jahren sind Sakko und Hose nahezu unverändert, weil sie die Gestalt des Mannes unterstreichen, Proportionen, Schultern, Hüften, ohne dabei vulgär oder extrem zu wirken. Aus persönlicher Erfahrung bin ich überzeugt, dass Frauen sehr angezogen sind von dem Mann, der stilgerecht, klassisch gekleidet ist; denn sein Gewand übermittelt Kraft, Sicherheit, Macht, Männlichkeit.

mm: Mal abgesehen von den berüchtigten weißen Socken - womit verrät sich schlechter Geschmack auf den ersten Blick?

Angeloni: An den Schuhen. Es gibt Leute, die viel Geld ausgeben für Anzug, Hemd, Uhr, aber an Schuhen nur ein oder zwei Paar besitzen. Die womöglich auch noch ungeputzt und abgenutzt sind. Furchtbar.

mm: Mitunter entwickeln Sie eine ausgeprägte Neigung zu altväterlichen Accessoires, etwa der Blüte am Revers. Ist das noch zeitgemäß?

Angeloni: Das ist ein Sonderfall ...

mm: ... Sie haben immerhin ein Buch darüber geschrieben.

Angeloni: Niemand hatte sich bisher mit diesem Thema befasst. Immerhin ist die Blume eine ebenso einfache wie poetische Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Warum also Chancen verschenken?

mm: Eines Ihrer Anzugmodelle heißt "Golden Treasure" - geschneidert aus Stoffen, die Goldfäden durchziehen. Hat Sie da Ihr guter Geschmack verlassen?

Angeloni: Auch Cartier macht eine Uhr mit Brillanten und Rubinen für einige Scheichs. Es gibt ein lateinisches Sprichwort: Pecunia non olet.

mm: Eine klassische Regel des Freiherrn von Knigge lautet: "Kleide dich nicht unter und nicht über deinen Stand, nicht über und nicht unter dein Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar" - stimmen Sie dem zu?

Angeloni: Voll und ganz. Ich würde noch hinzufügen: nicht über und nicht unter den jeweiligen Anlass. Und dazu braucht es gar nicht viel. Mit zwei Anzügen, fünf Hemden und zehn Krawatten kann ich einen Monat lang jeden Tag etwas anderes anhaben. Und jedes Mal würde es heißen: "Schön dieser Anzug, wie gut du gekleidet bist."

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