Status-Symbole Status-Signale

Modekanon: Wer sich lediglich auf die berühmten Labels verlässt, verwechselt Klasse einfach nur mit Imponiergehabe. Von Tom Reimer

Zwei Leitwährungen gibt es, deren Kurs bei weitem nicht so krisenanfällig ist wie der Euro: Schönheit und Status. Sie werden an einer Börse gehandelt, die mit jener Faszination spekuliert, die von Macht und Ruhm erregt wird. Die Aufmerksamkeit anderer Menschen, so schreibt der Wiener Sozialwissenschaftler Georg Franck in seiner Studie "Ökonomie der Aufmerksamkeit", sei "die unwiderstehlichste aller Drogen".

Doch mögen Beachtung oder Neugier, die manche finden oder erregen, noch so einträglich sein - selbst Verona Feldbuschs Koketterie mit der Dummheit ist ja gut verkäuflich -, Status ist durch sie nicht zu gewinnen. Insofern ist Francks These, dass Ruhm über der Macht stehe und Prominenz mehr Geltung habe als Reichtum, zwar nicht ganz falsch, aber auch nicht wirklich wahr.

Für Bezieher höherer Einkommen ist es leicht, Aufmerksamkeit durch Statussymbole zu gewinnen, und für manche scheint es auch sehr wichtig. Diese aber verschaffen allenfalls ein Dekor, und selten ein elegantes. Aber Ansehen?

Reden wir nicht vom Imponiergehabe typischer Aufsteiger. Spotten wir nicht über Stars wie Elton John, David Beckham oder Andre Agassi, in deren Fuhrpark ein Ferrari neben einem Mercedes-Coupé oder einem Aston Martin - Statuszeichen fast aller arrivierten Prominenten rund um den Globus - steht und die ihre Frauen wie Trophäen im Arm halten. Dieser demonstrative Konsum ist freilich weniger peinlich als das soziale Imponiergehabe von Baulöwen, die partout in Begleitung eines berühmten tiefen Dekolletés den Wiener Opernball heimsuchen müssen.

Reden wir auch nicht über die güldenen Plastikkärtchen, mit denen sich in Flughäfen, Fußballstadien oder beim Davis Cup so genannte VIP-Logen öffnen - nicht allein für deren Besitzer. Sie könnten ihren Status nicht genießen ohne jene Gesellschaftsreporter, die von diesen Hochämtern des Statuskultes berichten.

Gibt es eigentlich noch statusfreie Räume in dieser Republik? Haben nicht Ehrgeiz und Eitelkeit all die Werte, in deren Namen sie verworfen wurden, verdrängt?

Statussymbole sind soziale Rangabzeichen. Sie signalisieren den glühenden Wunsch nach Ungleichheit. Dabei erliegt der "status seeker" allzu oft der Gefahr, nur den Lockungen der Logos zu folgen.

Er kann oder will nicht wahrhaben, dass ein vermeintliches Luxusprodukt, das mit einer 100 000 Mark teuren Anzeige beworben wird, in aller Regel ein Massenprodukt ist. Und die von ihm ausgesandten Signale brauchen nicht eigens entschlüsselt zu werden; in den gehobenen Clubs Mediocrité werden sie verstanden. Karl Lagerfeld hat diesen Typus spöttisch als "Anfänger" bezeichnet, der - Designern hörig und auf Stars stierend - "Normen folgt, ohne sie je in Frage zu stellen".

Ein Wirtschaftsführer wie Giovanni Agnelli, der, wie zu lesen war, dem deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt wegen seiner Flamboyance nicht geheuer war, kann auf alle offensichtlichen Statuszeichen verzichten. Im Sommer trägt er leichte Anzüge aus Gabardine, im Winter überwiegend Flanell. Selbst die über der Manschette des Hemdes getragene Uhr, die bei den meisten den Verdacht auf bezahlte Werbung aufkommen lassen würde, wirkt bei Agnelli wie eine charmante Eigenwilligkeit.

In Deutschland gibt es wenige, die es wagen würden, ihr Haar zu tragen wie der "Avvocato". Ganz sicher lassen sich viele deutsche Topmanager erstklassig einkleiden. Das ist viel, sichert aber nicht jene Aura der Eleganz, die etwa von Rolf-E. Breuer oder von Kajo Neukirchen ausgeht.

Der Typus des "status seeker" hat sich bei seinem Outfit der Macht der Marken unterworfen und giert nach bewundernden Blicken. Er reckt den Arm, damit andere die Marke seiner Uhr ablesen können. Oder lässt sein Monogramm, womöglich in einer Kontrastfarbe, in die Manschette seines Hemdes sticken. Er ist von Soziologen als Opfer des Markenwahns ("label victim") beschrieben worden und hat sich in den letzten 20 Jahren stärker vermehrt als die deutsche Population.

Nun hat jede Szene in unserer buntscheckigen Gesellschaft ihre eigenen Chiffren und Symbole. In den Kreisen, für die - mit dem Titel des berühmten Buchs von Pierre Bourdieu - "Die feinen Unterschiede" von Bedeutung sind, ist es jedenfalls verpönt, Statuszeichen offen vor sich her zu tragen.

Dort werden verschlüsselte Signale gebraucht, die den gesellschaftlichen Rang verraten und eigentlich nur von denen verstanden werden sollen, die selbst dazugehören. Ein luxuriöses Auto - ganz sicher ein Statussymbol der Neidgesellschaft - zeigt lediglich, dass sein Fahrer auf der Überholspur des beruflichen Erfolges fährt; meist verrät es mehr über Imponiergehabe und Prestigewünsche des Besitzers als über dessen Savoir-vivre. Wer aber wird schon um seiner Bildung willen bewundert oder eines Geschmacks, der nicht von der Kaufkraft abhängt?

Was die Kleidung angeht: Gibt es überhaupt noch geheime Statuszeichen? Sie mögen zwar nicht auf den redaktionellen Werbeseiten von Magazinen wie "Vogue", "Elle", "Madame" entschlüsselt werden oder in den Lifestyle-Blättern mit ihren Fotostrecken über die von PR-Ladies inszenierten "Events".

Wer sich über die feinen Unterschiede informieren will: Sie sind in den Büchern von Alan Flusser ("Style and the Man") oder auch in Bernhard Roetzels Handbuch "Der Gentleman" sorgsam verzeichnet (und auch erklärt). Freilich kann auch in diesen Modekatechismen nur beschrieben werden, was ein Mann von Welt trägt. Das ist zwar wichtig genug, weil die Sprache der Kleider genauso gelernt werden muss wie jede andere Sprache, wie Formen und Manieren; was ihn aber zum Mann von Welt macht, sind Geist, Geschmack, Eleganz und Stil, die auf alle Übertreibungen verzichten.

Dass inzwischen, wie die "FAZ" am 9. Juli berichtete, "die Auftragsbücher der Schneider wieder gut gefüllt" sind, zeugt nicht, wie der Titel des Beitrags meint, "von der neuen Lust am Lifestyle"; sondern vom Geschmack einer Klientel, die eben nicht in die Warenkörbe greifen mag, auf denen das Etikett "exklusiv" steht.

Es geht um etwas anderes. Ein Anzug muss die Schultern - seien es eckige oder fallende - harmonisieren und auch einer fülligen Figur eine attraktive Form, selbst O-Beinen eine elegante Silhouette geben. Die Kunst liegt darin, dass der Blick nicht auf den Anzug, sondern auf dessen Träger gelenkt wird.

Dass gute Schuhe an die Füße gehören, bleibt mit dem Hinweis auf so genannte Nobelmarken - das Unwort schlechthin - eine redundante Information. Wichtiger ist es zu wissen, dass zum eleganten Anzug kein Full-Brogue und zur sportlichen Hose kein Oxford getragen wird; oder dass die rigide Regel "no brown after six" zumindest in Italien oder in den USA, insbesondere in den Neuengland-Staaten, nicht gebrochen, sondern mit hinreißender Eleganz - oft mahagonifarben - überwunden wird. Und obwohl wieder und wieder darauf hingewiesen wurde, hat es sich offenbar immer noch nicht herumgesprochen, dass die kurze Socke kein heimlicher, sondern ein unheimlicher Missgriff ist.

Das gilt auch für das in den USA erfundene Hemd mit dem Buttondown-Kragen. Der passt allenfalls zum Casual Friday, dessen modische Konjunktur abgelaufen ist.

Natürlich kann der Kragen mit Knopf zum sportlichen Sakko oder unter dem Pullover getragen werden. Unpassend wiederum ist ein weit sich spreizender Hemdkragen - er mag noch so sehr in Mode sein - unter einem rundlichen oder breiten Gesicht. Albern wirken Krawatten, auf denen Elefanten ihren Rüssel recken oder Löwen das Maul aufreißen. Sie waren (und sind) eher Zeichen modischen Herdentriebs.

Wer Status nicht demonstrieren, sondern ihm durch seine Kleidung entsprechen will, wird zum Anzug zumindest bei einer wichtigen Verhandlung, beim Essen und erst recht am Abend ein Hemd mit doppelter Manschette tragen. Geschlossen wird sie eher mit einem schlichten Seidenknoten als mit barocker Juwelierkunst. Aber all diese Details des Dresscodes lassen sich lernen: Jeder Geschmack ist erworbener und durch eigene Erfahrungen entwickelter Geschmack.

Noch einmal: Wer nur einem Regelwerk, einem Modekanon folgt, sendet keine diskreten, sondern nur indiskrete Zeichen des Erfolges aus. Rang oder Status zeigt sich weder in der ökonomischen noch in der kennerhaften Ausstaffierung des eigenen Ego.

Eleganz kommt ohne Effekte aus. Sie liegt im Unterscheidungsvermögen und zeigt sich in der Höflichkeit: in einer Haltung. Jean-Paul Sarte hat Eleganz als die sinnliche Erscheinungsform des Wesens beschrieben. Sie sorgt vielleicht nicht für Aufmerksamkeit, aber für Bewunderung.

Zur Übersicht: Mode-Spezial


Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.