Aktienanleihen Letzte Chance

Mit fantastischen Renditen wurde geworben, jetzt hagelt es dicke Verluste. Mit richterlicher Hilfe lässt sich das Geld zurückholen.
Von Jonas Hetzer

Das Angebot klang so gut, dass Walter Blumenthal* den Berater der Landesbank Berlin (LBB) gleich am Telefon damit beauftragte, Papiere im Wert von 50.000 Mark zu kaufen. Der Banker hatte den 80-jährigen Rentner mit einem ungewöhnlich hoch verzinsten Wertpapier gelockt. Stattliche 10 Prozent sollte der "Volkswagen Reverse Convertible" bringen, wie der LBB-Mitarbeiter den Zinsknüller nannte.

Zwölf Monate später, im August 1999, erhielt Blumenthal zwar die Zinsen. Doch statt 50.000 Mark bekam er 305 VW-Aktien im Wert von nur knapp 33.000 Mark. Für den Pensionär ein Minus von gut 12.000 Mark.

Eine böse Überraschung, denn "nur in einem Nebensatz", erinnert sich der pensionierte Lehrer, hatte der Banker erwähnt, die Anleihe könne auch mit Aktien statt Bargeld abgelöst werden. Blumenthal fühlte sich geleimt, zog vor den Kadi und hatte Erfolg. Der Berater, so die Richter, habe nicht deutlich genug auf die Risiken hingewiesen. Die Bank soll deshalb den Verlust zuzüglich 4 Prozent Zinsen erstatten (AZ: 29 U 7237/00).

* Name von der Redaktion geändert.

Urteil mit Folgen

Ein Urteil mit möglicherweise weit reichenden Folgen: Über 500 der umstrittenen Papiere - heute als Aktienanleihen bekannt - sind an deutschen Börsen notiert. Und viele Anleger werden wie Pensionär Blumenthal kein Geld bekommen, sondern Aktien, die im Gefolge der Börsenbaisse nicht mehr viel wert sind.

Nach dem Richterspruch können sie die Annahme der Aktien verweigern und auf Rückzahlung ihres Kapitals bestehen. Anleger, die von ihrer Bank bereits mit Aktien bedacht wurden, haben die Möglichkeit, ihr Geld zurückzuverlangen.

Der Haken: Es steht keineswegs fest, wann die Banken auf den Aktien sitzen bleiben. Das Kammergericht besteht zwar darauf, dass die Geldhäuser schriftlich über die Risiken einer Aktienanleihe aufklären müssen.

Doch wie sieht ein korrekter Risikohinweis aus? Zu dieser Frage blieben die Richter eine Antwort schuldig. Die Anwälte beider Parteien streiten sich nun um die Auslegung des Urteils. Das letzte Wort hat der Bundesgerichtshof (BGH). Der aber wird nicht vor Sommer nächsten Jahres entscheiden - Monate, die Anleger nicht untätig verstreichen lassen dürfen.

manager magazin zeigt deshalb die Tricks der Banken, erklärt, wie Sie Ihre Ansprüche prüfen und wie Sie Ihr Recht durchsetzen können.

Verschleierte Risiken

Verschleierte Risiken

Aktienanleihen sind eine Kombination aus festverzinslichen Wertpapieren und Aktienoptionen. Was sich einfach anhört, ist eine für den Laien kaum nachvollziehbare und hochriskante Konstruktion: Lediglich die Zinsen sind sicher. Ob der Anleger seinen Einsatz in Bargeld oder Aktien zurückerhält, hängt von der Kursentwicklung der entsprechenden Aktie ab. Und erst dann zeigt sich, wie erfolgreich das Geschäft war.

Deshalb, so sagen die Banken heute, waren Aktienanleihen stets nur eine Alternative zum Kauf von Aktien, aber nie Ersatz für Rentenwerte.

Mehr als eine Schutzbehauptung ist das nicht. Schließlich werben die Geldkonzerne noch immer mit dem Zinskupon - und der ist nun einmal das Merkmal einer sicheren Anleihe. Mit diesem Versprechen ließen sich auch Anleger zum Kauf von Aktienanleihen überreden, die sonst eher zu Rentenpapieren neigen.

Falsche Beratung

Falsche Beratung

Nach dem Urteil des Kammergerichts ist vielen Bankern der Erfolg der heißen Papiere unheimlich geworden. Zu Recht, denn das Wertpapierhandelsgesetz verlangt anlage- und anlegergerechte Beratung. Wer nicht ausreichend über die Gefahren eines Börsengeschäfts informiert oder wer verkauft, was der Kunde nicht versteht, muss im Verlustfall den Schaden ersetzen.

Und genau damit müssen nun viele Banken rechnen. Die Berliner Richter nämlich siedeln Aktienanleihen in der Nähe von Optionsgeschäften an. Die aber dürfen die Geldhäuser nur für Anleger ausführen, die zuvor schriftlich über die Gefahren von Termingeschäften aufgeklärt wurden. Erst wenn die Kunden ihrer Bank die Risikobelehrung per Unterschrift bestätigen, sind sie überhaupt termingeschäftsfähig.

Daran haben sich beispielsweise weder die Landesbank Berlin noch die Deutsche Bank oder die Commerzbank strikt gehalten. Aktienanleihen wanderten in die Depots von Anlegern, die den gedruckten Warnhinweis nie gesehen, geschweige denn unterschrieben hatten.

Das könnte teuer werden: Schätzungen zufolge haben die Geldkonzerne vier bis fünf Milliarden Mark bei Anlegern eingesammelt, die nicht termingeschäftsfähig waren.

Juristische Schritte

Juristische Schritte

Was müssen Anleger tun, um trotz der unklaren Rechtslage ihre Ansprüche zu sichern?

"Warten Sie auf keinen Fall auf das Urteil des Bundesgerichtshofs, ehe Sie juristische Schritte einleiten", rät Rechtsanwalt Christoph Wagner von der Berliner Kanzlei Hecker, Werner, Himmelreich & Nacken, der für Pensionär Blumenthal gegen die Landesbank Berlin geklagt hatte.

Noch vor Ablauf der Papiere sollten die Bankkunden Widerspruch gegen die Lieferung der Aktien einlegen. So stellen Anleger die Rückzahlung ihres Kapitals sicher, falls die höchstrichterliche Entscheidung in ihrem Sinne ausfällt. Aber auch wenn die Bank die Aktien bereits ins Depot gebucht hat, können sie ihr Geld zurückfordern. In diesem Fall müssen sie ihrer Bank die mangelhafte Beratung nachweisen. Damit die Ansprüche nicht verjähren, sollte die Klage spätestens sechs Monate nach Lieferung der Aktien eingereicht werden.

Die Erfolgsaussichten

Die Erfolgsaussichten hängen vom Urteil des BGH ab:

  • Stufen die Richter Aktienanleihen als Termingeschäfte ein, liegt der Fall sehr einfach. Wer die Lizenz zum Zocken nicht unterschrieben hat, kann Verlustausgleich erwarten. Aber auch wer bereits einmal als termingeschäftsfähig gegolten hat, könnte Ansprüche haben: Anleger, die das Formblatt in den zwölf Monaten vor dem Kauf einer Aktienanleihe nicht erneut signiert haben, sind ebenfalls nicht hinreichend aufgeklärt worden.
  • Bestätigt der BGH zwar die Pflicht der Banken zu einer schriftlichen Risikoaufklärung, äußert sich aber nicht zur Frage der Börsentermingeschäftsfähigkeit, wird es schwieriger. Für diesen Fall sollten Anleger sämtliche Unterlagen, die sie von der Bank zu der Aktienanleihe bekommen haben, aufbewahren. Sie liefern wichtige Hinweise, wie die Gefahren der Anleihen eingestuft wurden. Werden etwa Risiken verharmlost oder gar verschwiegen, könnte dies ein Indiz für eine ungenügende Risikobelehrung sein.
  • Fällt das Karlsruher Urteil zu Gunsten der Banken aus, sieht es schlecht aus. Wer keinen Zeugen aufbieten kann, der eine ungenügende mündliche Beratung bestätigt, hat kaum Chancen vor Gericht.
  • Daran mag Anwalt Wagner jedoch nicht glauben: "Bisher hat der BGH immer anlegerfreundlich entschieden."

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