Aktien Massen-Hysterie

Innerhalb kürzester Zeit verwandelten sich die Deutschen von Aktienboykotteuren zu Glücksrittern der Kapitalmärkte. Nach dem Crash am Neuen Markt fallen sie wieder in ihre Verweigerungshaltung zurück. Was steckt hinter kollektiver Euphorie und Depression? Und wie können sich Anleger schützen?

Es ist ja nun einmal so: Der Mensch verliert nicht gern und Geld schon gar nicht. Das gilt für Anleger am Neuen Markt wie für Präsidenten gleichermaßen.

Es war Ende der 70er Jahre. Da beschloss der smarte Jungpolitiker Bill Clinton, ganz schnell und ganz mühelos reich zu werden. Zusammen mit einem befreundeten Immobilienentwickler kaufte er ein unwegsames Stück Wald am Whitewater-Fluss im nördlichen Nirgendwo des US-Bundesstaates Arkansas. Die beiden Kompagnons wollten das Gebiet aufteilen, Ferienhausgrundstücke mit hohen Gewinnen weiterverkaufen.

Daraus ist nie etwas geworden. Jahrelang mühten sie sich vergeblich. Sie schossen neues Geld nach, putzten ihren Quadratkilometer Land für mögliche Käufer heraus. Es half nichts, Whitewater Estate blieb lange unverkäuflich. Knapp 70.000 Dollar hat Clinton bei dem Geschäft verloren. Ein Riesenloch in der Kasse des stets klammen Politikers.

Clinton hatte versäumt, rechtzeitig auszusteigen und seine Verluste zu realisieren. Dass sein Projekt längst gescheitert war, wollte er nicht wahrhaben. Bis zuletzt hoffte er noch auf den Käufer, der ihm seinen Einsatz zurückbringen würde.

Der später mächtigste Mann der Welt verhielt sich nicht anders als viele Anleger am Neuen Markt. Er kaufte, obwohl er vom Geschäft wenig verstand; er schoss Geld nach, um seine Verluste zu reduzieren; und er verpasste jede Chance, mit einem überschaubaren Minus zu verkaufen.

Viele haben am Neuen Markt genauso verloren und warten darauf, dass die Kurse wieder auf ihr Einstiegsniveau steigen. Doch die Aktien bewegen sich partout nicht in die gewünschte Richtung. Die Chatrooms der Onlinebroker haben sich unterdes von fröhlichen Zockerbuden in virtuelle Klagemauern verwandelt.

Es herrscht Krisenstimmung an der Börse, und alle leiden. Die Umsätze der Discountbroker schwinden, die Quoten des Börsensenders N-TV brechen ein, und die Auflagen der Anlegermagazine stürzen ab.

Für viele Kapitalmarktforscher und Psychologen ist die Depression am Neuen Markt allerdings keine Überraschung. In zahlreichen Studien konnten sie nachweisen, dass viele Anleger nicht rational entscheiden, sondern eher zufällig und oft völlig chaotisch handeln. Gleichsam so, als ob sie sich lieber auf Instinkte und Gefühle als auf ihren Verstand verlassen.

Wer verstehen will, warum die Kurse scheinbar ohne Grund explodieren und wieder in sich zusammenfallen, darf sich nicht nur mit Bilanzen und Geschäftsplänen beschäftigen. Er muss vielmehr verstehen, was in den Köpfen von Anlegern, Fondsmanagern und Analysten vorgeht. Er muss durchschauen, von welchen Emotionen die Marktteilnehmer getrieben werden.

Kurse hängen in den seltensten Fällen allein von Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinnen ab. Lesen Sie deshalb,

  • warum Privatanleger zu viel riskieren und hohe Verluste machen;
  • warum zu viel Selbstbewusstsein an der Börse schadet;
  • warum Fondsmanager selten besser abschneiden als Dax oder Dow Jones und Analysten mit ihren Prognosen daneben liegen;
  • wann die Masse der Anleger den Sinn für die Realitäten verliert und die Kurse ins Irreale steigen und
  • wie Sie Kurzschlusshandlungen an der Börse vermeiden.

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