Interview Das alte Spiel

Weltwirtschaft: Droht durch die Börsenflaute ein Ende des Freihandels? Der US-Wirtschaftshistoriker Harold James warnt vor einer Rückkehr in die 20er Jahre.

mm:

Professor James, in Ihrem neuen Buch "The End of Globalisation" ziehen Sie Parallelen zwischen heute und dem Crash von 1929. Ist die Lage tatsächlich so dramatisch?

James: Ich sage nicht: Morgen beginnt ein Handelskrieg. Aber in vielerlei Hinsicht ist die Situation heute ähnlich wie damals, als die Welt für zehn Jahre in die Große Depression rutschte.

mm: Wir sehen derzeit Anzeichen einer globalen Rezession, aber von einer Depression kann keine Rede sein.

James: Aus einer Rezession wird schnell eine Depression. Schauen Sie sich die Kettenreaktion von 1929 an: Börsencrash und Rezession führten in eine Politik der Abschottung. Die Regierungen ließen die Zollschranken herunter. Das System des freien Welthandels brach zusammen. Der Protektionismus verschlimmerte die Rezession zusätzlich.

mm: Wo sehen Sie vergleichbare Entwicklungen zwischen 1929 und heute?

James: Damals haben vor allem drei Faktoren zusammengespielt und sich wechselseitig verstärkt: eine starke protektionistische Lobby, eine weltweite Finanzmarktkrise und eine zunehmend repressive Einwanderungspolitik.

mm: Weder der Protektionismus noch die Widerstände gegen Einwanderung sind heute so groß wie 1929.

James: In den 20er Jahren wuchs die Bedeutung dieser Faktoren auch nur langsam. Erst nach dem Crash 1929 gewannen sie die Oberhand und zerstörten die offene Weltordnung.

mm: Jetzt erkennen Sie eine ähnliche Bedrohung?

James: Ganz klar, ja. Erstens wächst der Protektionismus. Das sehen Sie an der größer werdenden Gruppe von Globalisierungsgegnern - insbesondere in den USA, wo Gewerkschaften und alte Industrien Schutz vor Importen fordern.

Zweitens nehmen die Ressentiments gegen Einwanderer zu, und dieser Vorwurf trifft speziell Europa. Denken Sie an die Einschränkungen der Freizügigkeit für osteuropäische Arbeitnehmer, die vor allem die deutsche und die neue italienische Regierung betreiben. Diese Stimmungslage erinnert stark an die 20er Jahre.

mm: Jetzt fehlt nur noch der dritte Faktor - ein Börsencrash -, und die fatale Kettenreaktion beginnt?

James: Ich glaube nicht, dass ein Börsencrash direkt in einen solchen Teufelskreis führen würde, wohl aber eine Rezession in den USA und anderen Ländern - die natürlich durch den Kursverfall ausgelöst werden kann.

"Die Angst wächst"

mm: Wir haben heute eine offene Welt. Das Internet sorgt dafür, dass die Menschen weltumspannend kommunizieren können. Glauben Sie dennoch, dass sich die Globalisierung umkehren lässt?

James: Die Möglichkeit der kontinentübergreifenden Verständigung ist nicht so neu, wie Sie denken. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden transatlantische Telegrafen- und Telefonleitungen. Viele Leute glaubten damals: Nun sind wir so eng verbunden, dass Nationalismus, Protektionismus und Krieg unmöglich sind. Es kam anders.

mm: Im Unterschied zu früheren Zeiten haben wir heute globale Unternehmen. Sie werden sich gegen eine Abschottung wehren.

James: Bereits um die Jahrhundertwende gab es eine Menge multinationaler Konzerne. Siemens betrieb schon vor dem Ersten Weltkrieg Fabriken in Großbritannien. Die Multis haben den Krieg nicht verhindert.

mm: Ihre Argumentation klingt fast so, als steuere die Welt auf einen neuen Weltkrieg zu.

James: Da verstehen Sie mich falsch. Sicher, es gibt derzeit keine Ideologien wie den Faschismus und den Stalinismus. Aber auch vor dem Zweiten Weltkrieg glaubten die Menschen, dass sie zu reich und zu eng verflochten seien, um in eine nationalistische Politik zurückzufallen - eine trügerische Sicherheit.

mm: Unser heutiger Wohlstand hängt zum großen Teil am Welthandel. Glauben Sie wirklich, die Leute setzen all das Erreichte aufs Spiel?

James: Ich stimme Ihnen zu: Im vergangenen Jahrzehnt ist der Wohlstand Amerikas stark gestiegen. Auch Europa und viele Entwicklungsländer haben sich gut entwickelt. Dennoch bangen die Leute um ihre Jobs, und sie fürchten, dass der offene Handel ihre Löhne drückt. Diese Angst wächst, wenn das Wachstum zurückgeht. Die wütenden Anti-Globalisierungsproteste beim Welthandelsgipfel in Seattle Ende 1999 waren nur ein Vorgeschmack.

mm: Sie tun so, als seien die Globalisierungsgegner klassische Protektionisten, die Schutz vor ausländischen Wettbewerbern suchen. Aber den Demonstranten von Seattle ging es vor allem um globale Standards für Umwelt und menschliche Arbeitsbedingungen.

James: Das sind vorgeschobene Argumente. Die amerikanischen Gewerkschaften zum Beispiel werfen den Entwicklungsländern vor: Indem ihr die Umwelt zerstört und Menschen ausbeutet, verschafft ihr euch unfaire Wettbewerbsvorteile. Diese Argumente klingen für viele Leute überzeugend. In Wahrheit geht es nur um den Schutz vor unliebsamen Konkurrenten.

mm: Sie meinen, wir sollten uns um Menschenrechte und Umweltschutz in der Dritten Welt nicht kümmern?

James: Das sollten wir sehr wohl. Aber in der handelspolitischen Diskussion haben solche Argumente nichts zu suchen.

Druck von allen Seiten

mm: Können die Globalisierungsgegner die Handelspolitik tatsächlich beeinflussen? Sie sind doch nur eine Randgruppe.

James: Vorsicht. Die Welthandelskonferenz von Seattle 1999 scheiterte im Wesentlichen daran, dass Bill Clinton die Position der Globalisierungsgegner vertrat und Mindeststandards forderte. Das konnten die Regierungen der Entwicklungsländer nicht akzeptieren. Es ist ein altes Dilemma: Nur wenige sind bereit, sich für Freihandel einzusetzen - 2001 genauso wie in den 30er Jahren.

mm: Immerhin verfügen wir heute über ein System internationaler Organisationen, die einen gewissen Schutz gegen nationale Alleingänge bieten.

James: Natürlich sind diese Institutionen wichtig. Aber ihre Möglichkeiten sind sehr beschränkt. Auch hier gibt es übrigens historische Parallelen: Zwischen 1920 und 1930 entstanden zahlreiche internationale Organisationen - der Völkerbund oder die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, eine Art frühe Weltbank. Sie haben die Regierungen nicht abgehalten, die Grenzen zu schließen.

mm: US-Präsident George W. Bush verfolgt ungeniert amerikanische Interessen. Ist er eine Gefahr für das Welthandelssystem?

James: Das glaube ich nicht. Die Bush-Regierung ist freihändlerischer eingestellt als die vorherige unter Clinton.

mm: Das sehen viele Europäer anders.

James: Die Vorbehalte gegen Bush spiegeln nur eine Facette der Globalisierungsproteste: Anti-Amerikanismus. Das gilt nicht nur für Europa, sondern weltweit. Wenn Leute gegen die Globalisierung demonstrieren, ist das Erste, was sie tun: Sie nehmen ein amerikanisches Symbol - eine Flagge, eine McDonald's-Filiale - und verbrennen oder demolieren sie.

mm: Wenn die US-Regierung so freihändlerisch eingestellt ist, warum fürchten Sie sich dann so sehr vor einem wachsenden Protektionismus?

James: Wir sind mit einem großen politischen Problem konfrontiert. Ein Teil der traditionellen Linken ist frustriert, weil die Umverteilung in einer offenen Welt nicht mehr funktioniert. Zugleich kämpft auch die nationalistische Rechte gegen die offene Gesellschaft. Der Anti-Globalisierungsdruck kommt von beiden Seiten.

Wie die Welt 1929 in die Große Depression rutschte


Von Harold James auf Deutsch erhältlich:

  • "Rambouillet, 15. November 1975: Die Globalisierung der Wirtschaft"; DTV, München 1997, 19,90 Mark.
  • "Die Deutsche Bank und die ,Arisierung'"; C. H. Beck, München 2001, 34 Mark.
  • "Verbandspolitik im Nationalsozialismus. Von der Interessenvertretung zur Wirtschaftsgruppe"; Piper, München 2001, 68 Mark.

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