Globalisierungsgegner Beschuss-Sache

Nach IWF, WTO und Weltbank geraten nun die Konzerne ins Visier der Protestierer. Mit welchen Abwehrstrategien können etwa Shell, Nestlé und die Deutsche Bank Imageverluste vermeiden?

Es war ein adretter junger Mann, der sich im vergangenen Sommer zu einer Rundreise durch die luxemburgischen Niederlassungen aller deutschen Großbanken aufmachte. Er habe ein wenig geerbt, ließ er die Schalterangestellten dort wissen und bat im Séparée um ein Konzept für "steueroptimierte, nach Möglichkeit steuerfreie Anlageformen" seines Besitzes.

Zwar wurde überall verschämt auf Kontrollmitteilungen an den deutschen Fiskus hingewiesen. "Aber alle meine Gesprächspartner rieten mehr oder weniger offen zu Steuerflucht", sagt der junge Mann, der als Mitglied des deutschen "Attac-Netzwerks zur demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzmärkte" verdeckt recherchierte.

Der Aktivist hält eine Geschäftspolitik, die solchen Missbrauch ermöglicht oder gar nahe legt, für das "Symptom eines falschen Systems". Attac und andere Non-Governmental Organizations (NGOs), landläufig als "Globalisierungsgegner" apostrophiert, wollen dieses System bekämpfen und überwinden.

Dafür nutzen sie nicht nur weltpolitische Zusammenkünfte wie im Juli den G8-Gipfel in Genua oder demnächst die Tagung des Internationalen Währungsfonds in Washington und das Meeting der Welthandelsorganisation (WTO) in Qatar. Die nächste Zielscheibe des Protests werden, das zeigen die internen Diskussionen der NGOs, transnationale Konzerne und globale Banken sein. Die gelten den Kritikern und Protestierern ebenfalls als Verursacher der Misere, als Schuldige bei all den negativen Auswirkungen, die eine globalisierte Wirtschaft haben kann: Kinderarbeit, Ausbeutung, Umweltzerstörung, soziale Spaltung.

Das alte Feindbild des "bösen Multis" ist plötzlich wieder da - was viele Unternehmen noch nicht wahrhaben wollen. Aber sollten: Es kann jeden treffen.

Am besten gewappnet sind nicht jene Unternehmen, die möglichst lange versuchen, in der Deckung zu bleiben. Auch nicht jene, die sich mit Geklapper oder Gedröhne ihrer PR-Maschinerie verteidigen.

Im Gegenteil: Gut vorbereitet sind heute Konzerne wie Shell oder Novartis, die gelernt haben, ihre Kritiker ernst zu nehmen; die sich zunächst für einen gleichberechtigten Dialog geöffnet, dann Argumente der Gegenseite in die eigene Geschäftsstrategie integriert haben - ohne zugleich die NGOs zu vereinnahmen. Die sind zumindest im Hinblick auf ihre Organisation die Schwächeren: Hervorgegangen aus regionalen Initiativen wie in Frankreich gegen den "Drecksfraß" ("Malbouffe") der FastfoodKette McDonald's oder fokussiert auf Spezialprobleme wie das Überleben der Seeschildkröten, bilden viele NGOs noch heterogene Vereinigungen, kaum schlagkräftiger als eine studentische Fachschaft.

Dennoch haben sie ungeheuren Zulauf: Allein die deutschen Mitgliedszahlen von Attac haben sich in den vergangenen Monaten verfünffacht, insgesamt gehören 55 000 Menschen zu dem internationalen Netzwerk. Weltweit werden rund 25 000 Organisationen zur NGO-Szene gezählt.

Nur wenige sind so straff organisiert, so zielsicher und routiniert wie Greenpeace oder Amnesty International (AI), die inzwischen auch bei so genannten Meinungsführern in den Industrieländern sehr ernst genommen werden .

"Globalisierer von unten"

Allerdings arbeiten sich immer mehr NGOs in diese Liga vor - etwa das genannte Attac-Netzwerk oder der Dachverband Oxfam International, der Initiativen gegen Armut, Hunger und Ausbeutung bündelt. Ausgerechnet die globalen Kommunikationsnetze wie E-Mail, Mobilfunk und Internet-Chatrooms helfen dabei. Sich selbst sehen die NGOs, die den globalisierten Turbo-Kapitalismus bekämpfen, daher nicht als "Globalisierungsgegner". Sie nennen sich: "Globalisierer von unten".

Protest gegen weltweit agierende Unternehmen ist nicht neu:

  • Weit zurück reicht die Kampagne gegen Nestlés Vertrieb von Milchpulver in die Dritte Welt. Das Produkt des Lebensmittelmultis führte dort zumindest in den 70er Jahren zu einem Massensterben unter Säuglingen - was unlängst die britische Oscar-Preisträgerin Emma Thompson dazu brachte, zum Boykott eines von Nestlé gestifteten Theaterpreises aufzurufen.


  • Ähnlich bekannt sind die Aktionen gegen die gentechnisch gezüchtete "Roundup Ready"-Soja von Monsanto. Das patentierte und deshalb monopolistisch vertriebene Saatgut, so das Argument, halte Bauern nicht nur in der Dritten Welt in Abhängigkeit von den Agrarkonzernen.


  • Am meisten Wirbel verursachten jedoch die Proteste gegen Nike, die in einem weltweiten Boykott der Produkte mit dem "Swoosh"-Markenzeichen gipfelten. Der Sportartikelhersteller, so der Vorwurf der "Anti-Sweatshop-Aktivisten" vor allem in den Vereinigten Staaten, beschäftige überall in der Dritten Welt Arbeiter zu höchst ungerechten Löhnen und unter zum Teil unwürdigen Bedingungen (in so genannten Sweatshop-Fabriken). Außerdem beute Nike weltweit Minderjährige durch geächtete Kinderarbeit aus - ein Vorwurf, der rasch auf die gesamte Textil- und Luxuswarenindustrie ausgeweitet wurde.

Die Anti-Nike-Aktion machte klar: Am leichtesten lassen sich die Hersteller von Konsumgütern treffen, Markenartikler wie Levi's Jeans, Coca-Cola oder Microsoft, die alle bereits ihre Wunden lecken.

Zwar wirken Boykottaufrufe wie gegen Shell oder Nike nur für wenige Wochen, allenfalls einige Monate. Doch langfristig leidet das mühsam aufgebaute, milliardenteure Markenimage.

Wer morgen nicht Opfer von Kampagnen werden will, muss heute handeln. Viele Manager sind inzwischen sensibel geworden, der Druck von außen zeigt Wirkung.

Sie haben kapiert, dass sie sich ökologischen und sozialen Themen öffnen müssen, ob sie wollen oder nicht. "Wir müssen uns der gesellschaftlichen Verantwortung stellen", sagt Christian Kornevall, der beim Elektrogiganten ABB das Ressort Sustainability Affairs leitet.

In Sonntagsreden von Unternehmenschefs ist inzwischen häufig die Rede vom Corporate Citizen - ein Begriff, dem es noch an Konkretisierung mangelt. Er dokumentiert immerhin, dass sich Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung jenseits des Mammons stellen wollen.

Der allmähliche Bewusstseinswandel in den Chefetagen dokumentiert sich in vielen Aktionen, manchmal auch in Aktionismus. Die Unternehmen

  • geben sich "Code of Conducts" oder andere Kodizes, in denen sie ihre ethischen Grundsätze mehr oder wenigerkonkret auflisten - die reichen von der Beachtung der nationalen Gesetze (!) über das Verbot von Kinderarbeit bis zur Gewerkschaftsfreiheit;
  • veröffentlichen Umwelt- und Sozialberichte sowie zunehmend so genannte Sustainability Reports, in denen sie ihre Wohltaten abseits der Gewinnmaximierung preisen (beispielhaft handeln die Briten, zögerlich zeigen sich die Deutschen );
  • geloben kollektiv "sauberes" Verhalten wie zum Beispiel in der Global Compact-Initiative des UN-Generalsekretärs Kofi Annan. In ihr haben sich über 100 Multis (darunter die deutschen Gründungsmitglieder Bayer, DaimlerChrysler und Deutsche Bank) zusammengetan, um ihre sozialen Aktivitäten zu koordinieren.

Da wird erst einmal viel Papier erzeugt. Zu viel geduldiges Papier, kritisieren die NGOs. Sie wollen mehr Taten der Unternehmen sehen - und sie wollen mitreden. Allerdings nicht alle. Unter den NGOs gibt es eine Diskussion, ob ein Dialog mit dem "Feind" Sinn macht. Viele fürchten, von den Konzernen "vereinnahmt" zu werden.

"Strategien zum Umgang mit NGOs"

Die Finanzmarktkritiker von Attac zum Beispiel verweigern jede Kooperation. Sie nehmen nicht einmal an Podiumsdiskussionen mit ihren Gegnern teil. "Dafür ist mir meine Zeit zu schade", sagt ein Attac-Aktivist.

Und umgekehrt? Sollen Unternehmen mit ihren Kritikern, also mit den NGOs, überhaupt reden? Die Frage ist bereits grundsätzlich beantwortet, und zwar vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). In einem internen Papier "Strategien zum Umgang mit NGOs" hat sich der Verband - aufgeweckt durch die Demonstrationen und Straßenschlachten während der WTO-Tagung 1999 in Seattle - zum Dialog mit den "ernst zu nehmenden Akteuren" der NGOs bekannt.

Die Unternehmen müssten das Gespräch suchen, auch wenn das nicht konfliktfrei sei. "Es kommt häufig zu Konfrontationen", sagt Jochen Overmeyer, der für C&A solche Gespräche führt. Die NGOs fordern zu viel, sagen die Unternehmen. Die Manager geben überhaupt nicht nach, sagen dagegen die NGOs.

Bei ABB treffen sich Manager dennoch mit Vertretern von AI und Save the Children. Die Münchener Rück hält Kontakte zu den Umweltgruppen Germanwatch, Greenpeace und dem World Wide Fund for Nature (WWF) und diskutiert mit ihnen vor allem über die Klimaveränderung. Der Sportartikelhersteller Adidas-Salomon wie auch der Textilfilialist C&A reden intensiv mit der Kampagne für saubere Kleidung über die Arbeitsbedingungen in Zuliefererfabriken. In allen Branchen müssen sich die Dialogpartner, die aus völlig verschiedenen Welten kommen, erst aneinander gewöhnen. "Aber beide Seiten haben dazugelernt", sagt Hanns Michael Hölz, Leiter der Koordinationsstelle Umwelt bei der Deutschen Bank, die "in einem sehr intensiven Dialog" (Hölz) mit NGOs ist. Zur Entkrampfung trägt sicher bei, dass einige Unternehmen Leute der Gegenseite eingekauft haben.

Der Brite David Husselbee (jetzt Global Director of Social and Environmental Affairs bei Adidas-Salomon) war vorher für Save the Children in Pakistan; der Schwede Christian Kornevall wechselte vom WWF zur ABB. Und Walter Homolka, einst Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, leitet heute die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank.

Überläufer Husselbee ist noch fast der Alte, wenn er sagt: "Die Unternehmen dürfen ihre Gespräche mit den NGOs nicht als netten PR-Gag missbrauchen." Peter Zollinger vom Londoner Beratungsunternehmen Sustainability rät, die Gespräche wirklich ernst zu nehmen und das Engagement dauerhaft auszurichten. Die neuen sozialen sowie ökologischen Gedanken sollten in die Strategie des Unternehmens einbezogen werden.

Auf keinen Fall sollen die Manager glauben, die neue kritische Bewegung sei nur ein Spuk, der schnell vorübergehe. Fritz Vahrenholt, ehemals Vorstand der Deutschen Shell und heute Chef des Windkraftwerkherstellers Repower, ist überzeugt, dass die Unternehmen in den nächsten Jahren verstärkt unter Beobachtung der NGOs stehen werden und ihnen immer wieder Rechenschaft ablegen müssen.

Aber in diesem Trend sieht der Ex-Ölmanager nichts Negatives. Im Gegenteil: "Die Multis brauchen den Druck der NGOs", so Vahrenholt, "denn sie haben nur eine Zukunft, wenn sie sich den Herausforderungen stellen."

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