Geschäftsberichte Stunde der Wahrheit

Alljährlich prämiert manager magazin die Topreports, zeigt, welche Firmen ihre Anleger wirklich gut informieren - und welche nicht.
Von Patricia Döhle und Ulric Papendick

Dass ein Topbanker sich entschuldigt, kommt selten vor. Leonhard Fischer, Vorstandsmitglied sowohl der Dresdner Bank als auch der Allianz-Gruppe, wurde es daher hoch angerechnet, als er öffentlich "mea culpa" eingestand.

Fischers Bekenntnis - in seiner Festrede anlässlich der Preisverleihung des manager-magazin-Wettbewerbs "Die besten Geschäftsberichte" - bezog sich auf die Rolle der Banken beim Aufstieg und Fall des Neuen Marktes. "Auch wir", gab der Banker zu, "haben lange Zeit nur die positiven Seiten sehen wollen." Jetzt, in der Baisse, müsse alles dafür getan werden, eine neue Kapitalmarktkultur zu schaffen, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen.

Mit der Krise des Neuen Marktes hatte Fischer ein hochaktuelles Thema angesprochen. Fragen rund um die Zukunft des einstigen Vorzeigesegments wurden bei der mm-Veranstaltung heiß diskutiert: Hat der Wachstumsmarkt überhaupt noch eine Chance? Ist der Vertrauensverlust der Anleger nicht irreparabel?

Schon im Vorfeld der Preisverleihung hatten sich die Mitglieder der manager-magazin-Jury mit den Konsequenzen des Neue-Markt-Debakels für den mm-Wettbewerb auseinander gesetzt. So plädierte Jurymitglied Christian Strenger, Aufsichtsrat der Investmentgesellschaft DWS, dafür, die Geschäftsberichte der am Neuen Markt notierten Unternehmen überhaupt nicht zu bewerten. Schließlich hätten einige der dort notierten Firmen ihre Aktionäre offenkundig hinters Licht geführt.

Aus Strengers Einwänden ergab sich eine noch weiter führende Überlegung: Sind die wissenschaftlichen Leiter der Untersuchung und die mm-Jury wirklich in der Lage zu beurteilen, ob das, was die Unternehmen in ihren Geschäftsberichten schreiben, der Wahrheit entspricht? Was also ist das Juryurteil über die Geschäftsberichte wert?

Fragen, die an die Substanz des mittlerweile zur Institution gewordenen mm-Wettbewerbs rühren. Seit sieben Jahren untersucht manager magazin die Jahresreports börsennotierter Aktiengesellschaften quer durch Deutschland und Europa. In diesem Jahr wurden insgesamt 390 Berichte aus sechs Kategorien - den Börsenindizes Stoxx 50, Dax 30, M-Dax, S-Dax, Nemax 50 sowie den Börsenneulingen des Jahres 2000 - detailliert geprüft.

Das mehrstufige Bewertungsverfahren erstreckt sich über drei Monate und ist in seiner Ausgewogenheit und Gründlichkeit einmalig (siehe Grafik).

Fünf renommierte Professoren garantieren wissenschaftliche Objektivität. Jörg Baetge von der Universität Münster prüft den Inhalt der Reports; Rudi Keller von der Uni-versität Düsseldorf bewertet die sprachliche Qualität; Olaf Leu von der Fachhochschule Mainz ist für die Analyse der Gestaltung zuständig; Carl-Christian Freidank und Eberhard Scheffler von der Universität Hamburg zeichnen für das Kriterium Finanzkommunikation verantwortlich. Eine Jury aus erfahrenen Finanzmarktexperten prüft abschließend nochmals die Finanzkommunikation der drei besten Reports aus jeder Kategorie.

Das Ergebnis intensiver Diskussionen dieses Gremiums: Das mm-Urteil zur Qualität der Jahresreports gibt den Anlegern sehr wohl Aufschluss darüber, ob sie sich auf die Aussagen eines Unternehmens verlassen können oder nicht.

Die Ergebnisse des Wettbewerbs in den vergangenen Jahren belegen dies eindrucksvoll: Die Topgeschäftsberichte kommen immer wieder von den gleichen Unternehmen, und zwar unabhängig davon, wie gut oder schlecht die zu Grunde liegenden Berichtsperioden für die jeweiligen Firmen gelaufen sind. Diese Spitzenreiter demonstrieren über Jahre hinweg eine transparente Informationspolitik - auch wenn sie herbe Managementfehler zu verkünden haben.

"Desaster bei den Neuen"

Taucht ein Unternehmen im mm-Wettbewerb regelmäßig auf einem der vorderen Ränge auf, kann der Leser sicher sein, wahrheitsgetreu informiert zu werden. Vorsicht ist indes geboten bei Firmen, die mit mangelhaften Ergebnissen auf den hinteren Plätzen landen.

Bestes Beispiel sind die Nemax-Unternehmen. Im vergangenen Jahr erstmals in die Prüfung einbezogen, wurden die Reports der Wachstumsfirmen nahezu durchgängig für schlecht befunden. "Desaster bei den Neuen" kommentierte mm. Investoren, die daraufhin am Neuen Markt genauer hinschauten oder sich sogar ganz zurückzogen, blieben herbe Verluste erspart.

Ein Grund mehr, gerade die Berichte der Nemax-Werte auch in diesem Jahr genau zu untersuchen - zumal am Neuen Markt neben diversen Wackelkandidaten durchaus hochwertige Firmen notiert sind.

Das Ergebnis der Prüfung: Im Durchschnitt lieferten die Unternehmen aus dem Neuer-Markt-Index Nemax 50 wie schon im Vorjahr deutlich schlechtere Geschäftsberichte ab als die etablierten Firmen aus dem Dax, dem Stoxx oder auch dem Index der Mittelständler, M-Dax. Nur einem Unternehmen am Neuen Markt - dem Discountbroker Consors - gaben die mm-Prüfer insgesamt die Note "gut"; allerdings schnitt selbst der Consors-Report inhaltlich nur mit "ausreichend" ab.

Die Fehler der jungen Wachstumsfirmen: mangelhafte Prognose- und Risikoberichte; eine meist unzureichende Segmentberichterstattung; nahezu keine Angaben über angestrebte oder erreichte Rentabilitätskennziffern.

Zwar ist es angesichts der Misere vieler ehemaliger Stars des Neuen Marktes verständlich, dass sie sich schwer tun, Aussagen zur aktuellen Verzinsung des eingesetzten Kapitals zu machen. Doch selbst Hinweise auf die künftig angestrebte Rentabilität sucht der Leser in den Berichten in aller Regel vergeblich.

Die Nemax-Firmen EMTV und Kinowelt schafften es nicht einmal, ihre Geschäftsberichte fristgerecht bei der Deutsche Börse AG einzureichen. Beide Unternehmen wurden daraufhin im diesjährigen mm-Wettbewerb aus der Wertung genommen.

Im vergangenen Jahr war der EMTV-Report von den mm-Prüfern mit "gut" benotet worden - eine Bewertung, die die Grenzen nicht nur des Wettbewerbs, sondern auch der generellen Aussagekraft von Geschäftsberichten deutlich macht.

EMTV ging es in der dem Report zu Grunde liegenden Berichtsperiode, dem Geschäftsjahr 1999, noch vergleichsweise gut. Im darauf folgenden Jahr häuften sich allerdings die Managementfehler und Tricksereien der Gebrüder Thomas und Florian Haffa. Mittlerweile muss sich das ehemalige EMTV-Vorstandsduo wegen zahlreicher Klagen wütender Aktionäre vor Gericht verantworten.

Letztlich, so die Erkenntnis der Juroren, kann kein einmaliger Erfolg, sondern nur eine kontinuierlich exzellente Berichterstattung als Gütesiegel gelten. Bei den Spitzenreitern aus Dax, M-Dax, S-Dax und Stoxx ist diese Bedingung durchgängig erfüllt.

Alle Erstplatzierten schnitten mit insgesamt "sehr gut" ab. Einzig die Schweizer Großbank UBS, Nummer eins des europäischen Blue-Chip-Index Stoxx 50, schaffte die Bestnote nicht ganz und musste sich mit einem "gut" begnügen.

Klein, aber fein

Dem Gesamtsieger des 2000er Jahrgangs, der Gildemeister AG, gelang der größte Sprung nach vorn. Der Bielefelder Maschinenbauer, Klassenbester im S-Dax, dem Index für kleinere Börsengesellschaften, arbeitete sich im Gesamtranking an sämtlichen Dax-Schwergewichten vorbei; von Platz 7 auf Platz 1.

Auf der mm-Veranstaltung im vergangenen Jahr beschloss Vorstandschef Rüdiger Kapitza, beim Geschäftsbericht künftig "richtig Gas zu geben". Drei Monate lang traf er sich nahezu täglich mit den anderen Mitgliedern des fünfköpfigen Teams, das für den Gildemeister-Report verantwortlich war. Kapitza schrieb das Gros der Texte selbst, nahm am Wochenende die Druckfahnen mit nach Hause.

Das Resultat: Die sprachliche und die inhaltliche Qualität des Reports wurde von dem Gildemeister-Team erheblich verbessert. Der Bericht liefert umfassende Informationen nicht nur zum Unternehmen, sondern auch zur Branche und zur gesamtwirtschaftlichen Situation. Im Nachtragsbericht werden detaillierte Angaben zur Entwicklung bis Ende Februar dieses Jahres gegeben. Damit erreicht der Jahresreport fast die Aktualität eines Quartalsberichts.

Schwächen offenbart allerdings selbst der Sieger-Report in zwei Bereichen, in denen nicht nur die Firmen des Neuen Marktes, sondern die überwiegende Zahl aller von mm getesteten Unternehmen Schwierigkeiten haben: beim Prognose- und beim Risikobericht. Ausgerechnet jene Teile des Reports also, die für die Anleger besonders interessant sind.

Gildemeister erhält für beide Berichtsarten von der Jury nur die Schulnote "befriedigend", keine Glanzleistung. Zur Ehrenrettung der Nummer eins sei allerdings gesagt: Dieses Ergebnis liegt deutlich über dem Durchschnittswert aller getesteten Berichte. Der liegt für die Prognoseberichte bei 25,41, für die Risikoberichte bei 23,2 Punkten: "mangelhaft" beides.

Trotz dieser Schwächen: Im Schnitt hat sich das Teilnehmerfeld im Vergleich zum Vorjahr erheblich verbessert. Während sich die Reports, die einer eingehenderen Prüfung unterzogen wurden, in den Kategorien Inhalt, Optik und Sprache nur leicht veränderten, gelang in der Finanzkommunikation ein Sprung von 57,08 Punkten ("befriedigend") auf durchschnittlich 64,8 Punkte ("gut").

Offenbar erkennen viele Unternehmen, wie wichtig es ist, nicht nur vollständige Zahlen zu liefern, sondern auch klare Aussagen zu Strategie, Zielsetzung und den damit verbundenen Risiken zu machen.

Unter den Top-Ten-Geschäftsberichten in der Kategorie Finanzkommunikation ist sogar ein Nemax-Wert vertreten: der Onlinebroker Consors. In ihrem Risikobericht warnen die Nürnberger unter anderem vor "negativen Veränderungen des Geschäftsvolumens ..., die auf den Markt zurückzuführen sind". Sie könnten zu "nachhaltigen Ergebniseinbrüchen" führen. Genau das ist mittlerweile passiert. Das Unternehmen steckt in einer tiefen Krise (siehe mm 9/2001).

Hätte Consors im Geschäftsbericht deutlicher warnen müssen? "Wenn es zu einem dauerhaften Kurseinbruch am Neuen Markt kommt, verdienen wir keine müde Mark mehr", wäre rückblickend vielleicht die angemessenere Formulierung gewesen. Doch derart offene Worte wird sich wohl kein Unternehmen auf die eigene Visitenkarte schreiben. Die Warnhinweise im Kleingedruckten richtig zu interpretieren, bleibt Aufgabe der Anleger.

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