Porträt Nie wieder Erster

Elf Jahre an der Spitze sind genug. Edgar Bronfman jr. bietet der Mitwelt ein seltenes Schauspiel: Ein Mogul verschwindet.

Edgar Bronfman jr. ist groß, aber er ist nicht gefährlich. Bewunderer schätzen den Amerikaner auf bis zu 6 Fuß, 3 Zoll, was 190,5 Zentimetern entspräche, aber vielen überhöht erscheint, besonders Konkurrenten.

Dem Gestalten ist der Mann innig zugetan. Er schätzt es so sehr, dass seine Art, sich den Bart zu stutzen, allein ihr Geld wert ist. Die Dekoration, stets eine Woche alt, bedeutet: Dies hier ist ein Manager und Unternehmer, der mehr drauf hat, als immer nur zu managen und zu unternehmen. Beispielsweise könnte er jeden Moment anfangen zu tanzen oder seinen Schlips lockern und verschwinden.

Edgar Bronfman jr. ist 46 Jahre alt, und er verfügt über einige Milliarden guter, harter Dollar. Und Manieren hat er, die fast noch besser sind.

Also bleibt er, schreibt Firmengeschichte, drückt Knöpfe, zieht Drähte, dreht Dinger in seinem Büro in der New Yorker Park Avenue ... ach herrje: in seinem Turm, in seinem dunklen, in seinem schwarzen Turm.

Weil Bronfman mal verwegene, mal verrückte Geschäfte macht und nebenher starke Hitze-Lyrik ("To Love You More") verfasst; weil er mit zwei Frauen sieben Kinder gezeugt und mit Daddy Ärger und in Hollywood Pech gehabt hat, halten Kenner ihn für einen Romantiker, dessen Tun und Lassen sich selten erklären, sondern allenfalls mal deuten lässt.

Stimmt, meldet Bronfman, "Ich bin ein Romantiker." Die Sonne scheint in seinen Turm; Edgar junior jagt ein Lächeln hinterher, und es wird noch einen Tick wärmer.

Bronfman lacht immer nur ein Lächeln auf einmal. Nicht wie die anderen Weltstars der Ökonomie, die es immer drei-, viermal tun wie für die Fotografen. Einmal pro Kernthese muss reichen. Dann aber ordentlich.

Vor kurzem noch galt der Hochaufgeschossene als unberechenbarer, böser, schlimmer, ja seltsamster Medientycoon des Landes, ja der Kon-tinente, ach was: der ganzen Welt. Mythosumwölkt ist Edgar Bronfman jr., eine legendenschwere Kreatur.

Binnen weniger Jahre hatte der Mann den Getränkeriesen Seagram, gegründet 1924 von Opa Samuel, in ein Firmenungeheuer verwandelt, das alles führte, was die Leute etwas glücklicher, not- und bestenfalls auch besoffen machte: Schnaps, Musik, Filme, Vergnügungsparks, Visionen werweißwohin. Noch mehr Sprit.

Wenn Bronfman auftritt, dann duftet es nach Lavendel und feinen Wässerchen. Was, jubelten Bewunderer, ist ein Haudegen wie Rupert Murdoch, Chef der weltgroßen News Corp., gegen einen Neoromantiker wie Edgar Bronfman jr.? Ein Nichts, ein Garnichts, ein Gestern.

Yeah: Romantik! Wenn er die Zahlenkarawanen auf Bilanzbogen sah, jeden Dollar geheimnisvollen Tiefen entrissen; wenn er seine Faust in das schlagende Herz des Kapitalmarkts stieß; wenn er in den lebenswichtigen Organen von Seagram selbst wühlte; wenn er die Leute zum Saufen brachte und die Milliarden in der Kasse zum Tanzen.

"Viele waren skeptisch, ob ich Erfolg haben würde. Ich denke, ich konnte zeigen, dass ich weiß, was ich tue." Oh, er habe es genossen, sagt er. Elf schnelle Jahre lang.

Klaus Boldt

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Porträt - Medientycoon Bronfman jr.

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