Infineon Chip-Chaos

5000 verlieren ihren Job – Infineon-Chef Ulrich Schumacher reagiert mit drastischen Sparmaßnahmen auf den Crash des Halbleitermarktes. Gegenüber manager-magazin spricht er von der schlimmsten Branchenkrise. Trotzdem plant der Konzern eine milliardenschwere neue Zentrale. Wird die Siemens-Tochter die Krise überstehen?
Von Anne Preissner und Ursula Schwarzer

mm:

Infineon macht Rekordverluste. Wann geht dem Unternehmen das Geld aus, Herr Schumacher?

Schumacher: Dieser Fall wird nicht eintreten. Mit der Kapitalerhöhung in diesem Sommer haben wir 1,5 Milliarden Euro erlöst. Dieses Kapital ist ein wichtiger Baustein, um auch in einem anhaltend schwierigen Marktumfeld agieren zu können.

mm: Das Polster ist nicht besonders dick, gemessen an der dramatischen Krise in der Chipbranche.

Schumacher: Wir sind ein Unternehmen mit Substanz. Ich bin überzeugt, dass wir aus der gegenwärtig schwierigen Situation gestärkt hervorgehen werden. Sollte sich das Marktumfeld nicht verbessern, haben wir eine Reihe weiterer Optionen zur Absicherung unseres Geschäfts.

mm: Wo wollen Sie noch Kapital herbekommen?

Schumacher: Wir könnten die bisher nicht genutzten Kreditlinien ausschöpfen oder eine Wandelanleihe begeben. Im Übrigen haben wir ein ehrgeiziges Sparprogramm aufgelegt.

mm: Analysten gehen davon aus, dass der Umsatz von Infineon seit Jahresbeginn um ein Drittel geschrumpft ist. Stimmt diese Schätzung?

Schumacher: Der weltweite Halbleitermarkt wird in diesem Jahr um rund 30 Prozent zurückgehen. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf uns. Die von Ihnen genannte Zahl kann ich nicht kommentieren.

mm: Nicht nur der Umsatz verfällt, auch der Absatz. In Ihren Fabriken muss es fürchterlich aussehen.

Schumacher: Manche unserer 16 Werke sind voll ausgelastet, aber in den Werken Regensburg und Perlach können wir derzeit nur circa 20 Prozent der Kapazitäten nutzen.

mm: Hat es im zyklischen Chipgeschäft jemals einen so tiefen Einbruch gegeben?

Schumacher: Das ist mit Abstand die ernsteste Branchenkrise, seitdem Halbleiter verkauft werden. Der Markt ist quasi über Nacht zusammengebrochen. Schauen Sie sich zum Beispiel an, was bei den Logikchips für Handys passiert ist: Noch Ende Dezember 2000 erhielten wir einen Großauftrag. Der Kunde garantierte uns sogar einen Aufpreis, wenn wir pünktlich im ersten Quartal 2001 liefern könnten. Nur drei Wochen später wurde die Bestellung um 70 Prozent reduziert.

mm: Waren die Chips bereits produziert?

Schumacher: Natürlich. Wir mussten neben dem höheren Lagerbestand auch einen Preisnachlass hinnehmen. Das ist nur ein Beispiel, das belegt, wie schnell die Wende kam.

mm: Sie haben das Ausmaß der Krise unterschätzt. Als einige Ihrer Konkurrenten bereits Gewinnwarnungen aussprachen, verkündeten Sie noch Durchhalteparolen.

Schumacher: Das ist so nicht richtig. Bis zum Mai standen wir in drei unserer fünf Geschäftssegmente noch sehr gut da.

mm: Sie wiegeln ab.

Schumacher: Ich wiegele nicht ab ­ ich stelle Fakten dar. Die drei Segmente haben im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres fast die Hälfte unseres Umsatzes gebracht und sind deutlich über 50 Prozent gewachsen. Wie hätten wir angesichts dieser Fakten das Ausmaß der Krise ermessen können? Niemand in der Branche hat vorhergesehen, dass der Markt mit dieser nie da gewesenen Wucht und Schnelligkeit einbricht. Eine "normale" Marktschwäche haben wir aber gesehen und Vorsorge getroffen.

mm: Wo denn?

Schumacher: Beispielsweise bei den Speichern. Wir haben im September 2000 für einen 64-Megabit-Speicher noch zehn Dollar bekommen, drei Monate später waren es nur noch vier Dollar. Wir haben den Preisverfall bei den Speichern bereits im vergangenen Herbst vorhergesehen und bei Kosten und Investitionen gegengesteuert. Mit den Schwankungen des Speichergeschäfts können wir umgehen, das ist nicht unser Problem.

mm: Sondern?

Schumacher: Eine der ganz großen Überraschungen war der Einbruch bei Chips für Telekommunikationsnetze. Mitte Juni gab der kanadische Konzern Nortel eine Gewinnwarnung heraus ...

mm: ... und verkündete einen Quartalsverlust von 19 Milliarden Dollar.

Schumacher: Plötzlich steckten alle Zulieferer in der Klemme. Alle reduzierten oder stornierten ihre Bestellungen. Binnen weniger Tage brach zum Beispiel unser gesamtes Geschäft mit Glasfaserchips zusammen.

mm: Welcher Bereich macht Ihnen überhaupt noch Freude?

Schumacher: Das Geschäft mit der Automobilelektronik läuft derzeit stabil.

mm: Rund 80 Prozent Ihres Geschäfts sind also zur Zeit Not leidend?

Schumacher: Nicht ganz. Wir haben in einzelnen Bereichen Schwierigkeiten, obwohl wir heute ein sehr gut balanciertes Produktportfolio haben und in den wichtigen Halbleitersegmenten hervorragend aufgestellt sind. Doch diese Marktsegmente und die Preise sind abrupt weggebrochen.

mm: Sie haben immer gesagt, dass Sie das volatile Speichergeschäft zu Gunsten der weniger krisenanfälligen Logikbausteine zurückfahren wollen. Das ist Ihnen nicht gelungen.

Schumacher: Doch, das ist uns gelungen. Es war nie unser Ziel, das Speichergeschäft zu reduzieren, sondern wir haben unseren Marktanteil bei Speichern gehalten. Zugleich haben wir im Logikgeschäft deutlich Marktanteile gewonnen. Aber auch eine führende Position zum Beispiel in der Mobilkommunikation oder der Breitbandkommunikation bringt nicht viel, wenn der Markt einbricht.

mm: Heute sind Sie froh, dass Sie die Speicher haben.

Schumacher: Das war ich schon immer. Weil wir bei Speichern Kostenführer sind, können wir derzeit viele unserer Werke auslasten, obwohl die Kommunikationssegmente eingebrochen sind. Inzwischen sind wir in allen unseren Geschäftsbereichen unter den ersten drei Wettbewerbern im Weltmarkt, in manchen sogar die Nummer eins. Insgesamt sind wir also hervorragend aufgestellt ­ jetzt muss aber der Markt wieder anziehen.

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