Wirtschaftsanwälte Schlagende Argumente

Wirtschaftskanzleien: Justitia hilf! Deutsche Traditionsfirmen lösen sich auf, britische Rechtsfabriken ringen mit allen Tricks um lukrative Mandate. Und nun drängen auch noch die US-Sozietäten auf den Markt.

Es ist ein Wettlauf mit der verlorenen Zeit. Für den 28. Juni beraumt Jack Schiffer, Managing Partner der angesehenen Sozietät Beiten Burkhardt, noch einmal ein Partnertreffen an. Revolutionäre Beschlüsse werden gefasst: eine interne Reorganisation mit gestrafftem Management; Abkehr vom Einstimmigkeitsprinzip bei zentralen Entscheidungen; Neuwahlen für wichtige Gremien wie etwa den Ausschuss zur Gewinnverteilung.

Die Wende kommt zu spät.

Aus Verärgerung über die strategische Leere der Kanzlei wird das Team des Übernahmespezialisten Gerhard Schmidt aus Frankfurt zur US-Kanzlei Weil Gotshal wechseln. Zum 1. Oktober schließen sich zwei Immobilienrechtler Jones Day (Cleveland, Ohio) an. Vier weitere Leistungsträger zieht es zur kalifornischen Sozietät Gibson Dunn, die ab Januar von München aus den deutschen Anwaltsmarkt erobern will.

Die Abgänge treffen Beiten Burkhardt mitten ins Advokatenherz; Schmidt soll mehr als drei Millionen Mark Honorare im Jahr eingestrichen haben - ein Spitzenwert der Zunft.

Nun will die ausgeblutete Sozietät sich in eine Fusion mit dem Wirtschaftsprüferriesen KPMG retten. Einigen sich die beiden Parteien, ist die Liste der unabhängigen deutschen Renommierkanzleien wieder um einen klangvollen Namen kürzer.

Schade, aber wen wundert das eigentlich noch?

Radikal wie kaum eine zweite Branche sortiert sich das Gewerbe der Wirtschaftsanwälte neu: Traditionssozietäten brechen auseinander (siehe "Was von deutschen Traditionskanzleien übrig bleibt"). Britischdeutsche Großfusionen ringen, nachdem die Verbündeten mühsam zueinander gefunden haben, nun um Marktanteile und Mandate. Eine Schar amerikanischer Anwaltsfirmen zieht ins Land, angelockt von der Aussicht auf satte Renditen im wichtigsten europäischen Markt, auf dem jährlich mehr als 20 Milliarden Mark Honorare verteilt werden.

Längst gehört das schiedlich-friedliche Miteinander der Rechtshelfer der Vergangenheit an. Das Klima wird rauer, die Sitten verrohen. Staradvokaten werden mit Welcome-Prämien in Millionenhöhe zum Kanzleiwechsel animiert, Mandanten mit Dumpingpreisen von ihren Stammsozietäten weggelockt.

Als "Organe der Rechtspflege" verstehen sich nur noch Ewiggestrige; der moderne Wirtschaftsjurist maximiert Profit. Praxisloyalität verkommt zur Restgröße, akademisches Nomadentum prägt das Anwaltsbild der Neuzeit: von einem Büro zum nächsten, in immer höhere Gehaltsgefilde und Karriereregionen.

Die Branche ist auf bestem Wege, ein zweites Investmentbanking zu werden: "reich, skrupellos, machtgierig" - wie manager magazin eine Titelgeschichte über die Geldgurus überschrieb.

Dass es so weit kommen würde, hat kaum einer geahnt, als sich Mitte der 90er Jahre Kanzleien zu großen nationalen Sozietäten zusammenschlossen - auch eine Vorsichtsmaßnahme gegen finanzkräftige Konkurrenten aus Großbritannien, die damals den deutschen Markt für sich entdeckten.

Die Defensivtaktik war wenig erfolgreich: Standorte wurden fantasielos zusammengelegt, Partnernamen mechanisch aneinander gereiht, ohne die internen Organisationsstrukturen zu ändern. Folge: Die derart aufgeblähten Anwaltsgemeinschaften wurden noch angreifbarer.

Weiter zum zweiten Teil: Die Zeiten des Duopols sind vorbei

Dietmar Student


Mit allen Tricks

Im honorigen Gewerbe der Wirtschaftsanwälte tobt ein heißer Kampf um Märkte und Mandate. Die mm-Story im Überblick

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.