Montag, 27. Mai 2019

Hall of Fame 2001 - Laudatio Hans-Olaf Henkel über Otto Graf Lambsdorff

Er ist der "Marktgraf", ein Liberaler durch und durch, ein Föderalist - und ein enagierter Menschenrechtler.

Otto Graf Lambsdorff rekrutiert sich nicht nur aus dem klassischen Kreis der anderen Kollegen, die bereits in die Hall of Fame aufgenommen wurden. Seine bisherige Lebensleistung hat er in vielen nicht wirtschaftlichen Feldern erbracht, die aber alle etwas mit Wirtschaft zu tun haben.

 Otto Graf Lambsdorf während seiner Laudatio. Für die schwierige Mission zur Entschädigung der Zwangsarbeiter der Nazi-Zeit erwies er sich als Glücksfall.
Bert Bechtolsheim
Otto Graf Lambsdorf während seiner Laudatio. Für die schwierige Mission zur Entschädigung der Zwangsarbeiter der Nazi-Zeit erwies er sich als Glücksfall.
Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass viele seiner schon geehrten Kollegen überhaupt in dieser Ehren-Gruppe sind.

Nun, eines nach dem andern: Was ist Otto Graf Lambsdorff für uns und den Laudator?

Erstens: Der Verfechter der freiheitlichen Ordnung der sozialen Marktwirtschaft.

Sein Name ist synonym mit dem eloquentesten und kraftvollsten Verfechter dieser Ordnung nach Ludwig Erhard.

Die drei Aussagen:

  • "Otto Graf Lambsdorff ist Ludwig Erhards Nachfolger",
  • "Otto Graf Lambsdorff selbst hat immer noch keine Nachfolger" und
  • "Dabei wäre es heute so nötig wie noch nie, einen solch glaubwürdigen, kraftvollen und eloquenten Vertreter dieser Ordnung zu haben",
beschreiben eigentlich am besten, warum er in die Hall of Fame aufgenommen wird, aber auch, warum er uns so fehlt.

Graf Lambsdorff hat selbst viele Erfahrungen in der Wirtschaft gemacht. Generalbevollmächtigter des Bankhauses Trinkaus, im Vorstand der Victoria Rückversicherung, Mitglied in vielen Aufsichts- und Beiräten, Vertreter der Interessen un-abhängiger Aktionäre und so weiter.

Heute wird an allen Ecken und Enden über die "Neue Soziale Marktwirtschaft" diskutiert. Ich nehme mal an, Graf Lambsdorff kann damit so wenig anfangen wie ich, denn wir brauchen eigentlich nur die Arzneien zu verschreiben und vor allen Dingen einzunehmen, die er seit Jahren verschreibt.

Graf Lambsdorff hat Mut. Die Scheidungsurkunde der sozialliberalen Bundesregierung, ausgestellt 1982, belegt das. Das so genannte Wendepapier, sein Papier. Darin forderte er eine Wende in der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik.

In seinem Papier brachte Lambsdorff die Sache so auf den Punkt: "Die schlimmste soziale Unausgewogenheit wäre eine andauernde Arbeitslosigkeit von zwei Millionen Erwerbstätigen." Es gäbe heute also einen doppelten Grund für eine Wende.

Otto Graf Lambsdorff ist aber mehr, viel mehr als der "Marktgraf".

Er ist zweitens ein Liberaler durch und durch.

Seit seinem Eintritt in die FDP 1951 hat er sich für liberale Ideale eingesetzt. Wenn ich sage: "Liberaler durch und durch", dann heißt das auch, dass ihm freiheitliches Gedankengut für die Gestaltung der Wirtschaft nie genügt hat. Zu Recht hat er bei der Abstimmung über den so genannten "Großen Lauschangriff" gegen die Parteilinie gestimmt.

Otto Graf Lambsdorff ist, drittens, ein überzeugter Föderalist.

Ich glaube, dass Otto Graf Lambsdorff skeptisch gegenüber der Größe als Wort an sich eingestellt ist. Nicht, dass er so die "Größe" seiner Partei verteidigt hätte, aber Otto Graf Lambsdorff weiß, dass Größe nicht nur Vorteile, sondern oft noch mehr Nachteile mit sich bringen kann. Der Chef eines großen Unternehmens beschäftigt sich allzu oft lieber mit seinen als mit den Visionen seiner Kunden. Ein Problem kann man dort am besten lösen, wo man sich mit ihm am besten auskennt.

Es ist dann auch gar kein Wunder, dass Otto Graf Lambsdorff sich als derzeitiger Chef der Friedrich-Naumann-Stiftung besonders für die Renovierung des Föderalismus engagiert. Ein Föderalismus, der zwar von der Verfassung vorgegeben, aber durch viele Gesetze, Kommissionen und Absprachen regelrecht verlottert ist, wie man an der Bildungspolitik am besten erkennen kann. Föderalismus heißt für ihn ja nicht nur, dass das Führen kleiner Einheiten sowohl in der Wirtschaft als auch beim Staat einfacher, kunden- und bürgerfreundlicher ist. Es heißt für ihn ganz besonders, dass man Wettbewerb zwischen kleineren Einheiten zu Gunsten eines insgesamt stärkeren Ganzen organisieren muss.

Sein Rezept für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Gesellschaft? Wettbewerb!

Otto Graf Lambsdorff als "Marktgraf", als Liberalen und als Föderalisten zu beschreiben ist schon eine ganze Menge. Aber das erfasst ihn immer noch nicht ganz.

Graf Lambsdorff ist darüber hinaus ein engagierter Menschenrechtler.

Dass er seine lang gehegten humanitären Grundsätze nicht für kurzfristiges Geschäft über Bord wirft, erfuhr ich bei meinem ersten Treffen mit dem damaligen Ministerpräsidenten Li Peng in Peking. Gegen den entschiedenen Protest der Chinesen lud Graf Lambsdorff den Dalai Lama zur Naumann-Stiftung ein. Das machte ihn in China endgültig zur Persona non grata.

Graf Lambsdorffs Eintreten für die Menschenrechte ist für mich das ganz Besondere an seinen vielen Seiten.

Und deshalb war es für mich auch keine Überraschung, dass Bundeskanzler Schröder ihn bat, als es um die Entschädigung für die Zwangsarbeiter in der Nazi-Zeit ging. Ein Glücksfall, denn bei ihm kam eigentlich alles zusammen, was zur Lösung gebraucht wurde: juristische Praxis, politisches Geschick, Einfühlungsvermögen in die Situation der Opfer, Geduld, Mut, um dort zu sagen, wann die Geduld zu Ende ist, und noch mehr Mut, um hier zu sagen, dass es sich um eine moralische Verantwortung der ganzen Wirtschaft, auch der vielen Kleinen, handelt.

Da ist denn kein Wunder, dass er so einen legendären Ruf nicht nur bei uns hat, dass er - von der herrschenden Schicht in China ausgenommen - überall ein ganz besonders geschätzter Gesprächspartner ist.

Meine Gratulation an Otto Graf Lambsdorff zur Wahl in die Hall of Fame. Sie sind eine Zierde für alle anderen Mitglieder dieser Walhalla der deutschen Wirtschaft.

Hans-Olaf Henkel *

* Hans-Olaf Henkel war bis Dezember 2000 Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Seine Laudatio ist hier in Auszügen wiedergegeben, die vollständige Laudatio auf Otto Graf Lambsdorff lesen Sie hier.

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