Firmengründer Im Namen des Vaters

In der neuen Wirtschaft gibt es viele bekannte Namen. Die Sprösslinge berühmter Manager genießen einen Startvorteil. Sie wissen von Haus aus, wie man Geld macht - und sie können Papas Kontakte nutzen.
Von Claus G. Schmalholz

Die Tochter von Tom Sommerlatte ist eine blonde Lesbe. Darauf ist der Vice President der Unternehmensberatung Arthur D. Little mächtig stolz. Die 27-Jährige spielt diese Nebenrolle in dem Kinofilm "Ausgemustert", und sie hat den Streifen auch selbst produziert. Iris Sommerlatte ist Chefin der Berliner Filmproduktionsfirma Osiris Media.

Gegründet wurde das Unternehmen vor drei Jahren, von Vater und Tochter gemeinsam. Sommerlatte (63) half beim Schreiben des Businessplans und ebnete der jungen Firma mit einer kräftigen Finanzspritze den Weg in die raue Wirklichkeit.

Der renommierte Unternehmensberater hat elf Kinder. So verwundert es kaum, dass sich in der Familie des ADL-Chefs noch ein weiterer Gründer findet. Sohn Brice (28) führt in Berlin die Proflash Cross Media AG, ein Zehn-Mann-Unternehmen, das zum Beispiel Promotionaktionen für Markenartikler organisiert. Vater Tom sitzt bei Cross Media im Aufsichtsrat und sorgt schon allein mit der ganzen Herrlichkeit seines guten Namens für eine positive Geschäftsentwicklung. Inhouse-Consulting der familiären Art.

Brice Sommerlatte und seine Schwester sind zwei jener Entrepreneure mit prominenter Herkunft, von denen sich in der neuen Wirtschaft eine ganze Reihe tummelt. Die Liste reicht von A wie Artopé über H wie Hundt bis W wie Wössner.

Manche erzählen ganz offen vom Glück, mit goldenen Unterhosen geboren zu sein. Sie machen kein Hehl daraus, dass die Verdrahtung des Vaters in der Wirtschaft oftmals nützlich war.

Andere, wie Thomas Hundt (33), der Sohn des Arbeitgeberpräsidenten, beteuern, dass der Vater ganz bestimmt nicht bei der Gründung des eigenen Unternehmens geholfen hat.

Bei Lars Wössner (30) nimmt die Story eine unerwartete Wendung: Der Filius hat seinem Vater, der vergangenes Jahr aus dem Topmanagement von Bertelsmann ausgeschieden ist, zu einem neuen Job verholfen: Mark Wössner (62) ist heute Aufsichtsratsvorsitzender der ECircle AG - der Firma, in die sein Sohn kurz nach der Gründung eingestiegen war.

Allen Jungunternehmern aus prominentem Hause ist eines gemeinsam: Der schöne Umstand, dass sie nicht dem Zwang unterliegen, sich einen guten Namen machen zu müssen - weil sie schon einen haben.

Sind ihre Erfolgsaussichten deshalb von vornherein besser als die ihrer unbekannten Kollegen? Oder sind die Kinder der Wirtschaftskapitäne tatsächlich die fähigeren Unternehmer, weil sie schon von klein auf mitbekommen, wie man eine Firma richtig managt? Kommt drauf an.

Millionen und Manieren

Millionen und Manieren

Einige der prominenten Gründer achten peinlich darauf, ihren bekannten Namen nicht allzu deutlich einzusetzen – aus lauter Furcht, der latente Ruch der Protektion durch Papa könnte ihren Ruf als eigenständiger Unternehmer gefährden.

So zeigt sich etwa Max Cartellieri (28), der Mitbegründer des Meinungsportals Ciao.com, wenig auskunftsfreudig. Über seinen Pressesprecher lässt er mitteilen, dass er nicht mit seinem Vater in Verbindung gebracht werden möchte.

Schade eigentlich, da hätte man prima über ein paar auffällige Gemeinsamkeiten diskutieren können: Beide, sowohl Vater als auch Sohn, beschäftigen sich beruflich mit Geld. Ulrich Cartellieri (63) war lange Zeit Vorstandsmitglied der Deutschen Bank; sitzt heute im Aufsichtsrat des Geldhauses und ist nun auch noch Schatzmeister der CDU geworden. Cartellieri junior war bisher Finanzvorstand bei Ciao.com, seit kurzem ist er für die Geschäftsentwicklung zuständig.

Der smarte Bankersohn verkörpert einen typischen Vertreter der neuen Wirtschaft: aus dem gehobenen Bürgertum stammend; hervorragend ausgebildet an internationalen Universitäten; ausgestattet mit den besten Kontakten; distinguiert, mit den feinsten Manieren auftretend - und stets ein gewinnendes Lächeln im Gesicht.

Max Cartellieris Werdegang liest sich wie ein Musterlebenslauf jener High Potentials, denen Beratungsunternehmen und Konzerne hinterherhecheln wie der Hund dem Herrchen: Abitur in England, mit 21 Master of Finance an der London School of Economics, zwei Jahre bei McKinsey, schließlich eine MBA-Ausbildung in Stanford und dazwischen Stationen bei Goldman Sachs und der Beteiligungsgesellschaft BC Partners.

Jungs wie Cartellieri können alles werden, weil sie etwas können und ihre Eltern schon etwas sind. Zu dieser Erkenntnis gelangt der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann (48) in seiner Studie über Elitenselektion durch Bildung oder Herkunft*.

Hartmann untersuchte die Lebensläufe von 6500 Akademikern mit Doktortiteln und kommt zu einem Ergebnis, das Leute von gewöhnlichem Stand ernüchtert: Egal wie sehr man sich im Studium abrackert, spätestens beim Eintritt ins Berufsleben haben die Konkurrenten mit den richtigen Eltern erhebliche Vorteile.

"Das ist wie vor 100 Jahren", sagt Hartmann. Die oberen zehntausend seien noch immer eine geschlossene Gesellschaft, in der dem Nachwuchs mittels dicht geknüpfter Netzwerke der Weg in den Beruf geebnet werde.

Die Differenzierung, so meint Hartmann, fängt schon in der Schule an. Kinder von Geschäftsführern und Vorständen werden von Mitschülern und Lehrern anders behandelt, weil sie zu Hause lernen, sich gewählt auszudrücken und treffsicher zu argumentieren. Später sind Auslandsaufenthalte selbstverständlich. Kinder aus besserem Hause erleben die Welt ganz anders, weil sie ganz andere Leute kennen lernen.

So entwickelt der noble Nachwuchs eine natürliche Souveränität, die ihm beim Berufseinstieg entscheidende Vorteile verschafft. Hartmann zitiert einen Topmanager: "Wenn da einer die richtigen Fragen stellt und die richtige Kleidung trägt, dann würde ich sagen: Das ist mein Mann. Wenn er aber die falsche Kleidung trägt und sich nicht auf meinem Level unterhalten kann, dann kann der ruhig mehr im Kopf und viel praktische Erfahrung haben – das nützt ihm dann nichts."

Jungunternehmer wie Cartellieri wissen sich zu benehmen, und sie wissen mit Autoritäten umzugehen. Den bayerischen Regierungschef Edmund Stoiber mahnte Cartellieri, die Gesetzgebung bei Steuern und AG-Vorschriften zu lockern. Kurz darauf übernahm er im Internet-Beirat der bayerischen Regierung den Vorsitz in der Arbeitsgruppe "Entfesselung".

Was trieb Cartellieri, sich in die Politik einzumischen? "Ich sehe das als Bürgerpflicht", ließ er verlauten. Ganz der Vater eben.

Das Beispiel Cartellieri zeigt aber auch, dass der gesellschaftliche Aufstieg nicht zwingend mit geschäftlichem Erfolg korrespondiert. Das Geschäftsmodell des Meinungsportals Ciao.com funktioniert offenbar nicht so richtig. Anfang des Jahres musste das junge Unternehmen 30 der 110 Mitarbeiter entlassen.

Neider und Nörgler

Neider und Nörgler

Dass der große Name bisweilen mehr Fluch als Segen sein kann, diese Erfahrung machte die "Reiche Söhne AG", wie die Tageszeitung "WAZ" die Berliner Firma Surplex nannte.

Gegründet wurde der Internet-Marktplatz für Gebrauchtmaschinen von Bruno Schick (29), Unternehmerspross des Autozulieferers Burgmaier Metalltechnik. Als prominente Investoren gewann Schick zwei frühere Tennispartner: Lars Schlecker (29), Filius des Drogeriefilialisten, und Marc Schrempp (27), Sohn des DaimlerChrysler-Chefs.

Eine Konstellation, die bald Neider auf den Plan rief. Im Dezember gingen bei der Konzernrevision von DaimlerChrysler anonyme Briefe ein, die Jürgen Schrempp der Vetternwirtschaft bezichtigten.

Sein Unternehmen zwinge die Käufer ausrangierter DaimlerChrysler-Maschinen, Surplex einzuschalten. Der hässliche Vorwurf konnte ausgeräumt werden, doch seitdem halten sich die Investoren bedeckt. Schrempp ist abgetaucht, Schlecker hat "derzeit kein Interesse", über Surplex zu sprechen.

Kapital und Kontakte

Kapital und Kontakte

Wohl dem, der beim Aufbau des Geschäfts auf Vaters finanzielle Potenz vertrauen kann. Ein nicht zu unterschätzender Startvorteil, für den es in der Riege der Promi-Gründer ein schönes Fallbeispiel gibt. Es ist der Mann mit dem Hund.

Wobei das Geld allein nicht ausschlaggebend sein muss. Vielmehr zählt manchmal, dass der Nachwuchs seine ersten Managementerfahrungen im väterlichen Unternehmen sammeln konnte. Und dass er später, bei der Gründung der eigenen Firma, auf Papas Verbindungen vertrauen kann.

Christoph Mohn (36) ist seit 1997 Chef von Lycos Europe, dem Internet-Portal, das einen schwarzen Labrador zum Symbol seiner Suchmaschine erkoren hat. Mohns Glück ist sein Vater Reinhard Mohn (79), dessen Unternehmen Bertelsmann Anlaufverluste von rund 70 Millionen Mark übernahm und den Hund erst mal zum Laufen brachte.

Im März 2000 ging Lycos an die Börse. Seitdem lebt Christoph Mohn mit dem zweifelhaften Ruf, einer der größten Geldverbrenner des Neuen Marktes zu sein. Rund 300 Millionen Mark investierte er allein im vergangenen Jahr in den Aufbau der Marke, vorzugsweise in teure TV-Werbung.

"Wir mussten an die Spitze, um Geld zu verdienen", sagt Mohn. Der Beweis, dass er wirklich das Zeug zum erfolgreichen Unternehmer hat, steht noch aus. Die Entwicklung des Aktienkurses seit Emission spricht eher gegen Mohns Managerqualitäten: rund 90 Prozent minus. So passt denn auch die Meldung ins Bild, dass der spanische Großaktionär Terra Lycos das Unternehmen möglicherweise übernehmen wolle.

Das Leben von Mohn junior verlief in vorgezeichneten Bahnen, obwohl es niemals Druck von seinem Vater gab, wie er beteuert. Nach dem Studium arbeitete er drei Jahre bei der Bertelsmann Music Group (BMG) in Hongkong und New York. Es folgten zwei Jahre bei McKinsey, ehe er für die Bertelsmann-Tochter Telemedia Internet-Projekte entwickelte.

Mohns erster großer Auftrag war die Kooperation mit Lycos. Er sollte einen Geschäftsführer für Lycos Europe suchen, fand keinen und machte den Job schließlich selbst.

Genau 11,2 Prozent des Eigenkapitals von Lycos hält Christoph Mohn, ein Teil des unternehmerischen Risikos lastet mithin auf seinen Schultern. Doch das Geld für sein Engagement musste der Millionenerbe nicht selbst verdienen, es war einfach da. Und wenn die Kohle eines Tages weg ist, weil Lycos samt seinem schwarzen Labrador eingeht? Dann hat Mohn eben ein paar Millionen weniger auf dem Konto.

Nachfolger ohne Nudeln

Nachfolger ohne Nudeln

Die gern gezogene Schlussfolgerung, dass ein bekanntes Familienunternehmen automatisch mit einem dicken Erbe verbunden ist, trifft jedoch nicht immer zu. Selbst dann nicht, wenn der Name buchstäblich in aller Munde ist.

So trägt Michael Birkel (32) zwar den Namen der Nudel, doch die Gründung seines Unternehmens 12Snap schaffte er ohne Zuwendungen vonseiten seines Vaters. Frieder Birkel (74) hatte die Firma nach dem Frischei-Skandal Mitte der 80er Jahre an den französischen Danone-Konzern verkauft.

Birkel junior kam als Nachfolger ohnehin nicht in Frage: "Es gibt da schon einen Familienstolz, trotzdem wollte ich nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten." Er hielt sich lieber an den Wahlspruch des Firmengründers Balthasar Birkel: "Willst haben, dass dir's gelingt, schau selbst nach deinem Ding."

Die Voraussetzungen für eine steile Karriere brachte Birkel allemal mit. Sein Lebenslauf ist eine Ansammlung von Nullen. Abitur am Weinstadter Remstal-Gymnasium mit 0,9, Physikdiplom an der Uni München mit 0,9, dann Promotion in Oxford. Was macht so einer? Genau, er geht zu McKinsey.

Dort heuerte Birkel im Frühjahr 1998 in der Abteilung New Venture an, die sich von München aus um die Start-up-Szene kümmert.

Eineinhalb Jahre schuftete Birkel für McKinsey, dann holte ihn die Familientradition doch wieder ein – mitten in der Nacht. Morgens um vier hatte Birkel mit seinem Kollegen Cyriac Roeding die letzten Präsentationsfolien für ein Medienunternehmen zusammengestellt – der übliche Beraterstress.

Da machte es klick. Warum nutzen wir unsere Energie und Kreativität eigentlich nicht für uns selbst, fragten sich Birkel und Roeding. Die beiden hatten plötzlich Lust bekommen, ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

Zusammen mit zwei weiteren McKinsey-Kollegen entwickelten sie im Sommer 1999 das Geschäftskonzept für 12Snap, eine Firma, die via Handy so genanntes Mobile Marketing sowie Unterhaltung, Auktionen und Verkaufsaktionen anbietet. Heute beschäftigt 12Snap 120 Mitarbeiter.

Ein Geschäft mit manchen Fragezeichen. Taugt das Handy tatsächlich als Endgerät für Unterhaltungsangebote? Lässt sich mit zielgruppengerechtem Marketing per Mobiltelefon genügend Umsatz erwirtschaften?

Das Restrisiko

Das Restrisiko

Die Antworten geben bislang die Investoren, die in drei Finanzierungsrunden rund 100 Millionen Mark überwiesen. Sein Name, versichert Birkel, habe für die Geldgeber keine Rolle gespielt. Sie vertrauten auf das Know-how des Managementteams von 12Snap. Und warum wurde ausgerechnet Birkel der Chef von 12Snap? Auch das, so beteuert er, habe nichts mit seiner Herkunft zu tun. Er und seine fünf Mitgründer füllten damals Zettel aus, auf denen sie notierten, wen sie für welchen Vorstandsposten geeignet hielten. Birkel hatte die meisten Chef-Zettel.

Holt Birkel bisweilen Rat ein bei seinem alten Herrn? Klar rede er mit seinem Vater über die Firma, sagt Birkel, aber es gebe da keine Kontakte, die er nutzen könne oder wolle. "Meine Grundlinie ist: Ich möchte es auch ohne ihn schaffen."

Gewisse Vorteile genießen die berühmten Gründer dennoch. Das gilt gerade für die Finanzierung in der Frühphase, in der die Investoren einen bekannten Namen im Team durchaus goutieren. Besonders Business-Angels stecken ihr Geld lieber in ein Unternehmen, dessen Gründer Zugang zum Old Boys' Network haben oder, noch besser, schon dazugehören. Gut möglich auch, dass sich so mancher Finanzier überlegt, ob er den bekannten Vater nicht mal brauchen kann.

Das klingt reichlich frustrierend für all jene, die nicht zur Oberschicht gehören. Zumal sich das Handikap einer falschen sozialen Herkunft auch durch noch so viel Leistung nicht wettmachen lässt, wie Soziologieprofessor Hartmann herausfand.

Ein Makel, den auch jene tragen, die gar kein eigenes Unternehmen gründen wollen, sondern den gewöhnlichen Karriereaufstieg in einem Unternehmen planen. Mehr als 80 Prozent der Topmanager stammen aus den oberen drei Prozent der Bevölkerung, so eines der Ergebnisse von Hartmanns Studie.

Immerhin, es gibt einige Ausnahmen, die es nach ganz oben geschafft haben. Der Vater des MG-Vorstandsvorsitzenden Kajo Neukirchen war Töpfer, DaimlerChrysler-Boss Jürgen Schrempp ist Sohn eines Verwaltungsangestellten, und Hans Reischl hat es vom bayerischen Bauernsohn zum Rewe-Chef gebracht.

Solche Aufsteiger würden oft für Saniererjobs eingesetzt, bei denen es gelte, radikale Maßnahmen umzusetzen, sagt Hartmann. Dass sie das Zeug zum Unternehmenslenker haben, müssen sie dann längst bewiesen haben.

Schöner haben es da schon jene Jungunternehmer, die mit handfester Hilfe des Vaters oder einem Millionenerbe ins Abenteuer Unternehmertum starten. Sie können ohne großes Wagnis ausprobieren, ob ihre persönlichen Neigungen auch ihren Fähigkeiten entsprechen.

Das Restrisiko, das bleibt, ist mehr eine Frage der Familienehre: Wenn's schief geht, kommt der gute Name ins Gerede?

Kreative Katastrophe: Thomas Hundt, Gründer von Jangled Nerves Papa passt auf: Lars Wössner von ECircle.de Programme statt Papier: Alexander Artopé von Datango


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