Gentechnologie Geld aus Genen

Porträt - Craig Venter hat das menschliche Erbgut entschlüsselt. Nun will er neue Arzneien entwickeln, die Krebs oder Herzinfarkt besiegen. Wer ist dieser Mann?

Der Champ trägt weiße Turnschuhe. Seine sonstige Garderobe ist so schlicht wie die Einrichtung seines Arbeitszimmers: Möbel aus dem Katalog, Auslegeware in gedeckten Tönen, keine Kunst, kein Design, kein Schnickschnack.

Äußerlichkeiten bedeuten Craig Venter (54) wenig. Für ihn zählt nur eines: Das schrankhohe Poster an seiner Bürowand, das alle Blicke auf sich zieht. "Das", sagt er stolz und fährt mit dem Finger über die endlose Abfolge winzigster Farbpunkte, Zahlen- und Buchstabenkombinationen, "ist unser bisher größter Erfolg. Und die Basis unseres künftigen."

Der Hochglanzdruck zeigt die Sequenz des menschlichen Genoms. Craig Venter hat das biochemische Betriebssystem der Spezies Homo sapiens sapiens entschlüsselt, komprimiert und kartografiert.

Er ist der Star der Genforschung, ein Anwärter auf den Nobelpreis. Nun will er die prall gefüllten Datenbanken und das technische Know-how nutzen, um aus seiner kleinen Firma Celera Genomics in Rockville (Maryland) einen Pharmakonzern neuen Zuschnitts zu machen.

Der Mann hat Ungeheures vor: Er will Arzneimittel entwickeln, die idealerweise nur auf einen einzigen Zelltypen einwirken. Die dort nur noch einen Effekt entfalten: den erwünschten, heilenden - ohne unerwünschte Nebenwirkungen.

Mit diesen neuartigen Medikamenten ließen sich Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindern, Alzheimer und Parkinson wären in den Griff zu bekommen. Sogar Krebs wäre dann nur noch eine chronische Krankheit wie Rheuma oder Asthma: noch leidvoll, aber beherrschbar.

"Schon in zehn Jahren", bestätigt Axel Polack vom Münchener Wagniskapitalgeber TVM, "wird es Präparate geben, die das können."

Wer ist dieser Craig Venter, der ein ehemaliges Forschungsunternehmen wie Celera, das knapp 900 Mitarbeiter beschäftigt, zum Global Player machen will? Der ohne Industrieerfahrung in jenen milliardenschweren Weltmarkt drängt, den ein gutes halbes Dutzend Pharmamultis gerade unter sich aufteilt?

Die einen halten ihn für ein "Arschloch", einen "Idioten" und einen "Egomanen", so seine Widersacher aus dem öffentlich geförderten Forschungsverbund "Human Genome Organisation" (Hugo). Die anderen sehen in ihm ein Genie, das Wirtschaft und Wissenschaft wegweisend zusammenbringt. Kritische Geister wie der Philosoph Peter Sloterdijk oder die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer sind von Venters Wirken so beeindruckt, dass sie ihn eigens besuchen.

Michael O. R. Kröher


Gentechnologie
Wie Craig Venter zum Star der Branche wurde - und was er noch vorhat

Teil 2: Ein Schuss ins Blaue

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.