Konjunktur Liberal, digital, brutal

Die Weltwirtschaft trudelt in den Abschwung. Nichts Besonderes? Vorsicht: Seit der letzten Rezession haben sich die Wirtschaftsstrukturen grundlegend gewandelt.

In einer Zeit, als Amerika seine ökonomische Wiedergeburt feierte und viele Bürger ihre neue Wirtschaft für unsinkbar hielten, glaubte John Kenneth Galbraith an ein paar ewige Wahrheiten erinnern zu müssen. "Seit Jahrhunderten", dozierte der große alte US-Ökonom, "erleben wir immer wieder das Gleiche: Die guten Zeiten sorgen dafür, dass, erstens, inkompetente Manager an die Unternehmensspitzen gelangen, dass, zweitens, die Wirtschaftspolitik in vielen Fällen einen falschen Kurs einschlägt und dass, drittens, die Spekulation blüht." Galbraiths Schlussfolgerung: "Ich bin sicher, dass Konjunkturzyklen unausweichlich sind." Der nächste Abschwung kommt bestimmt.

Nach dem Goldrausch

Als Galbraith diese Prognose wagte, durchlebte Amerika gerade den goldenen Herbst des Jahres 1999. Die US-Wirtschaft wuchs mit neun Prozent, die Aktienkurse explodierten, und die jungen Bosse der Internet-Firmen wähnten sich angekommen im Himmel ewigen Wachstums. Es war die Zeit der Wow Economy.

Anderthalb Jahre später ist Galbraiths Vorhersage komplett eingetreten. Nun, da die USA in die erste Rezession seit einem Jahrzehnt steuern, offenbart sich, dass, erstens, viele Manager mit den anbrechenden schlechten Zeiten überfordert sind; dass, zweitens, die amerikanische Notenbank (auch einige europäische Regierungen) die Zügel zu lange haben schleifen lassen und dass, drittens, die Kursexplosion an den Börsen auf Spekulation, keineswegs auf grandiosen Gewinnaussichten der Unternehmen, fußte. Die alten Regeln gelten also noch. Und jetzt: Zurück in die 70er, 80er Jahre? Können wir die New Economy vergessen? Vorsicht. Der erste Abschwung im 21. Jahrhundert dürfte einem neuen Muster folgen.

New Economy - New Recession

Seit den letzten Rezessionen ­ 1990/91 in den USA, 1993 in Europa - hat sich die Welt sprunghaft fortentwickelt: Die 90er Jahre waren das Jahrzehnt der Globalisierung, der Liberalisierung und der europäischen Integration. Und sie waren das Jahrzehnt der Börse, vor allem in den USA, aber zunehmend auch in Europa. Strukturelle Veränderungen, die den Konjunkturverlauf mitbestimmen.

Früher sah das Aufschwung-Abschwung-Muster so aus: Im Boom stiegen Unternehmensgewinne und Preise, was die Gewerkschaften zu hohen Lohnforderungen anstachelte. Die Unternehmen versuchten die gestiegenen Arbeitskosten wieder hereinzuholen, indem sie die Preise anhoben. So kam eine Inflationsdynamik in Gang, die schließlich die Notenbank mit kräftigen Zinserhöhungen zu stoppen versuchte - und damit die Wirtschaft abwürgte. Der Boom endete im Verteilungskampf.

Nicht so heute. Auf liberalisierten, globalisierten Märkten sind Preise und Löhne so stark unter Druck, dass sie kaum noch steigen können. Die Inflation ist niedrig. Der US-Abschwung beginnt daher nicht mit einer Lohn-Preis-Spirale, sondern mit wegbrechenden Gewinnen und Börsenkursen.

Auslöser sind Produktlebenszyklen. Beispiel Telekommunikation: Der Hype der vergangenen Jahre ist vorüber. Logisch, wie sollen Umsatz und Gewinn wachsen wie bisher, wenn jeder zweite Bürger ein Handy besitzt? Erst wenn eine neue Technologie (UMTS) marktreif ist und Kunden findet, beginnt, vielleicht, ein neuer Zyklus.

Die Börsen übertragen den IT-Branchenzyklus auf die gesamte Wirtschaft: Sinkende Aktienkurse verschlechtern die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen und dämpfen das Verbrauchervertrauen.

Henrik Müller

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