Interview "Der Wille fehlt"

Corporate Governance - Warum kommt die Reform der Unternehmensverfassung nicht voran? Weil die meisten Vorstände bremsen, glaubt Dieter Vogel. Der frühere Bahn-Oberaufseher über Fehler im System und die Renaissance der Deutschland AG.

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Herr Vogel, Sie haben stets eine moderne Form der Unternehmensverfassung gepredigt, mit einer starken Position des Aufsichtsratsvorsitzenden. Warum sind Sie bei der Deutschen Bahn mit diesem Anspruch gescheitert? Im März haben Sie dort Ihr Mandat niederlegt, nach heftigen Auseinandersetzungen mit Bahn-Chef Hartmut Mehdorn.

Vogel: Scheitern ist etwas hoch gegriffen. Ich war zum Schluss halt nicht bereit, meine Überzeugung von der richtigen Strategie für das Unternehmen dem Konsens zu opfern. Letztlich geht es ja um viel Geld für den Steuerzahler.

mm: Woran hat es gehakt?

Vogel: Das grundsätzliche Problem bei der Bahn besteht in dem Bypass zwischen Vorstand und dem Eigentümer Bund. Der bringt den Aufsichtsrat letztlich in eine Zwangslage, die ihm eine ernsthafte Erfüllung seiner Aufgaben kaum ermöglicht.

mm: Ein Sonderfall Bahn?

Vogel: Keineswegs, es gibt woanders ähnliche Konstellationen, etwa bei Aufsichtsräten von Konzerntöchtern, die mit externen Kontrolleuren besetzt sind. Das Gleiche gilt für Eigentümer-Unternehmen, deren Kontrollgremium aus externen Fachleuten besteht. Diese Fälle verlangen vom Eigentümer ein hohes Maß an Disziplin. Wer einen Aufsichtsrat will, der diesen Namen verdient, und nicht nur ein Kaffeekränzchen, der muss auch die Voraussetzungen dafür schaffen.

mm: Sie sitzen in etlichen Aufsichtsräten. Was unterscheidet die Arbeit eines Aufsehers bei der Deutschen Bahn etwa von der beim Mediengiganten Bertelsmann?

Vogel: Bei Bertelsmann handelt es sich um die Obergesellschaft eines weltweit tätigen Unternehmens. Da ist Aufsichtsratsarbeit in Reinkultur gefragt, von der Sicherung und Einhaltung des Regelwerks durch den Vorstand bis hin zu der Funktion als Sounding Board, als kritischer Gesprächspartner des Vorstands in strategischen Fragen. Dabei ist der Aufsichtsrat auch Filter des Eigentümerwillens. All das funktioniert aber nur, wenn die Rollenverteilung klar ist. Bei der Bahn spricht jeder mit jedem über alles - und verbreitet sich darüber auch noch in der Öffentlichkeit.

mm: Viele Experten drängen seit langem auf eine Modernisierung der deutschen Unternehmensverfassung. Tatsächlich passiert das Gegenteil: Ambitionierte Gesetzesvorhaben wie das neue Übernahmerecht wurden blockiert. Eine Renaissance der Deutschland AG?

Vogel: Das steht zu befürchten. Die Reformen der Corporate Governance und des Übernahmerechts sind durchaus munter gestartet. Die Unabhängigkeit von Aufsichtsratsmitgliedern, die Beendigung der Beziehungsgeflechte, die Evaluierung der Kandidaten durch ein unabhängiges Gremium, der Verzicht scheidender Vorstandschefs auf den Aufsichtsratsvorsitz - in all diesen Fragen bestand zunächst breiter Konsens. Je mehr Zirkel und Arbeitskreise sich aber anschließend bildeten, umso weniger ist davon übrig geblieben.

* Das Gespräch führten die Redakteure Arno Balzer und Dietmar Student.


Interview zu Corporate Governance

Ohne die Bereitschaft der Vorstände verharrt die Deutschland AG in ihrer Ineffizienz. Im mm-Interview bezieht Dieter Vogel klar Stellung zu Reformchancen.

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