Ford "Ford braucht Helden"

Milliardenverluste, ramponiertes Image, verschlafene Trends - Nick Scheele, Europa-Chef des US-Autobauers, muss eine waghalsige Aufholjagd starten.

mm:*

Gratulation, Herr Scheele, mit dem neuen Mondeo scheint Ford seit Jahren einmal wieder den Geschmack der deutschen Autofahrer getroffen zu haben - er sieht aus wie ein Passat. Wann kupfern Sie den nächsten VW ab?

Scheele: Wenn man sich dem deutschen Geschmack anpasst, muss es beim nächsten Mal ja nicht wieder ein VW sein. Scherz beiseite, der Mondeo verkauft sich gut, aber auch der Focus ist erfolgreich. Wer hier zu Lande Autos verkaufen will, muss den hiesigen Kundenwünschen gerecht werden. Die Deutschen bauen nun einmal die besten Autos. Eine Erkenntnis, die wir in der Vergangenheit nicht unbedingt beherzigt haben.

mm: Qualität hat Ihre amerikanische Mutter lange nicht interessiert. Sparen war angesagt. Wollen Sie uns wirklich sagen, dass die Zentrale in Dearborn endlich verstanden hat und Ihnen jetzt mehr Spielraum gewährt?

Scheele: Ich denke schon, dass es bei unserer Mutter einen Sinneswandel gegeben hat. Ein Indiz dafür ist, dass heute die Hälfte unserer Führungsriege im Gesamtkonzern Europäer sind. Auf Dauer werden wir in Europa nur erfolgreich sein, wenn wir die Freiräume haben, das zu tun, was wir hier für richtig erachten.

mm: Sind die Zeiten der US-Aufpasser vorbei?

Scheele: Es hat schon seine Gründe, warum das Management von Ford of Europe - vom Verantwortlichen für Design bis zum Entwicklungschef - heute aus Europäern besteht. Wir sind da auf dem richtigen Weg.

mm: Das haben all Ihre Vorgänger auf diesem Stuhl auch behauptet - und ruck, zuck waren sie wieder weg.

Scheele: Mein Vertrag läuft bis 2004 - und den will ich erfüllen. Genau wie meine Kollegen. Ich gebe zu, das war nicht immer so. Früher wurden Kollegen für drei Jahre hierher geschickt. Überspitzt gesagt: Ein Jahr lang lernten sie, wie das Autogeschäft in Europa läuft, ein Jahr wurde gearbeitet, und im dritten Jahr haben sich unsere Manager schon wieder auf den nächsten Job vorbereitet. Das ist nicht meine Art zu arbeiten.

mm: Mit biederen Produkten, lausiger Qualität und langweiligem Design baute Ford jahrelang seine Autos am Kundengeschmack vorbei. Können Sie uns sagen, wofür die Marke hier zu Lande heute eigentlich steht?

Scheele: Wir haben uns sehr intensiv damit beschäftigt, warum ein Kunde einen Ford kaufen soll. Das Ergebnis heißt auf englisch DCDQ. "D" wie "dependable", zu Deutsch verlässlich. Das betrifft nicht nur die Qualität der Autos, sondern bedeutet auch, dass man sich auf Ford verlassen kann ­ egal, ob es um die Finanzierung oder um den Service geht. "C" steht für "contemporary", also zeitgemäß. Ford soll der erste Massenhersteller sein, der seine Fahrzeuge mit neuesten technischen Entwicklungen ausstattet. Etwa dem viel gelobten Focus-Fahrwerk oder dem Intelligent Protection System (IPS) im Mondeo.

mm: Und wofür soll "DQ" stehen?

Scheele: Für "Driving Quality", sprich: Fahrvergnügen. Das fängt bei Sitzen an, in denen man nach acht Stunden Fahrt keine Rückenschmerzen bekommt, und endet bei einem Fahrverhalten, das jedem das Gefühl gibt, mit einem Ford ein besserer Autofahrer zu sein.

mm: Das bedeutet, Sie müssen Ihr Unternehmen völlig umkrempeln.

Scheele: Nichts anderes tun wir zur Zeit. Unsere Ansatzpunkte sind striktes Kostenmanagement, eine Modelloffensive und die Verbesserung des Markenimages. Die Imagebildung läuft nur über ein gutes Produkt. Die Tatsache, dass der Mondeo das "Goldene Lenkrad" geholt hat und Autotests gewinnt, bringt uns mehr als Werbung.

mm: Gute Noten reichen aber noch lange nicht aus, um auch erfolgreich Autos zu verkaufen.

Scheele: Sicher, aber es lenkt erst einmal wieder Aufmerksamkeit auf die Marke. Wenn wir so den einen oder anderen Interessierten zu einer Probefahrt motivieren können, haben wir schon halb gewonnen.

* Das Gespräch führten die Redakteure Jörg Schmitt und Frank Scholtys.

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